Zug statt Flug: Wie Italien den Flieger ersetzt - was die Ampel lernen kann

Die Ampel-Koalition will mehr für die Schiene ausgeben als für die Straße, aber der Nachholbedarf ist ja auch groß. Zugleich soll Deutschland zum Leitmarkt für "grüne Luftfahrt" werden. Italien macht das besser: High-Speed-Züge erübrigten Flüge komplett.

Wie im Flug: Wenn man von Mailand nach Rom in 2:59 brettern kann, ohne Check-in und nervigen Transfer und von Innenstadt zu Innenstadt, steigt man in keinen Flieger mehr. Machen in Italien auch immer weniger. | Foto: Alstom Bombardier
Wie im Flug: Wenn man von Mailand nach Rom in 2:59 brettern kann, ohne Check-in und nervigen Transfer und von Innenstadt zu Innenstadt, steigt man in keinen Flieger mehr. Machen in Italien auch immer weniger. | Foto: Alstom Bombardier
Johannes Reichel

Die neue Ampel-Koalition in Deutschland hat es sich zum Ziel gesetzt, mehr Geld in die Schien als in die Straße zu investieren. Ziel sei es, prioritär Projekte eines Deutschlandtaktes umzusetzen. Bei der Straßeninfrastruktur will man "einen stärkeren Fokus" auf den Erhalt statt des Neubaus legen. Allerdings plant man zugleich, Deutschland zum Zentrum für "grüne Luftfahrt" zu entwickeln - zwei Ziele, die zumindest in teilweisem Widerspruch stehen. Wie man die Luftfahrt national schlicht obsolet macht, zeigt das Beispiel Italien, wo die durch Missmanagement heruntergewirtschaftete, aber eben auch durch ein attraktives Zugangebot überflüssige Alitalia zum 15. Oktober diesen Jahres nach 74 Jahren den Betrieb einstellte. 

Deutschland im Takt: Masterplan Schienenverkehr weiterentwickeln

Im Koalitionsvertrag von "Rot-Gelb-Grün" heißt es, man wolle den Masterplan Schienenverkehr weiterentwickeln und zügiger umsetzen. Ziel ist es zudem, den Schienengüterverkehr bis 2030 auf 25 Prozent steigern und die Verkehrsleistung im Personenverkehr verdoppeln. Zudem soll der Zielfahrplan eines Deutschlandtaktes und die Infrastrukturkapazität auf diese Ziele ausgerichtet. Tickets sollen auch billiger werden, mit der Einschränkung "sofern haushalteerisch machbar". Außerdem will man mehr Oberzentren an den Fernverkehr anbinden, aber auch den grenzüberscheitenden Verkehr stärken und mit der EU sowie ihren Mitgliedstaaten Nachtzugangebote aufbauen. Bis 2030 sollen laut Ampel-Plänen 75 Prozent des Schienennetzes elektrifiziert sein.

Auf's Gleis setzen: Bahn goes digital

Und natürlich will man auch "innovative Antriebstechnologien" unterstützen, die Digitalisierung von Fahrzeugen und Strecken sogar prioritär vorantreiben, digitale und automatische Kupplung sowieso und ein klangvolles Programm „Schnelle Kapazitätserweiterung“ auflegen. Selbstredend dürfen Barrierefreiheit und Lärmschutz, Bahnhofsprogramme nicht fehlen, das Streckennetz will man erweitern, Strecken reaktivieren und Stilllegungen vermeiden. Und damit das alles rascher geht: Eine "Beschleunigungskommission Schiene" einsetzen, Investitionsanreize für Gleisanschlüsse setzen. Bei neuen Gewerbe- und Industriegebieten soll sogar die Schienenanbindung verpflichtend geprüft werden und Kombi-Verkehrs-Terminals ebenso gefördert werden wie die Kranbarkeit von Standard-Sattelaufliegern und der Zu- und Ablauf bis max. 50 Kilometer soll von der Lkw-Maut freistellen.

DB Konzern: Mehr Effizienz, Transparenz und Gemeinwohl

Außerdem haben sich die "Ampler" vorgenommen, die Deutsche Bahn AG als integrierten Konzern inklusive des konzerninternen Arbeitsmarktes im öffentlichen Eigentum zu erhalten. Die internen Strukturen sollen effizienter und 50 transparenter werden, die Infrastruktureinheiten (DB Netz, DB Station und Service) der Deutschen Bahn AG innerhalb des Konzerns zu einer neuen, gemeinwohlorientierten Infrastruktursparte zusammengelegt werden. Diese stehe zu 100 Prozent im Eigentum der Deutschen Bahn als Gesamtkonzern.

Grüne Luftfahrt als Ziel: Teils widersprüchliche Ziele

Allerdings haben sich die Koalitionäre wohl auf Drängen der FDP auch auf die Fahnen geschrieben: "Wir wollen die deutsche Luftverkehrswirtschaft und -industrie als Schlüsselbranchen nachhaltig und leistungsfähig weiterentwickeln", wie es wörtlich heißt. So solle in einem umfassenden Beteiligungsprozess ein Luftverkehrskonzept 2030+ zur Zukunft der Flughäfen in Deutschland erstellt, immerhin auch die Schienenanbindung von Drehkreuzen gefördert und durch bessere Bahnverbindungen die Anzahl von Kurzstreckenflügen verringert werden.

Das war wohl der Minimalkonsens zwischen Liberalen und Grünen, die gerne eine deutlich höhere CO2-Bepreisung für Flüge und letztlich ein implizites Verbot von Budget-Tickets installiert hätten. Jetzt heißt es eher milde: "Deutschland soll Vorreiter beim CO2-neutralen Fliegen werden". Und man werde sich bei der Europäischen Union dafür einsetzen, dass Flugtickets nicht zu 54 einem Preis unterhalb der Steuern, Zuschläge, Entgelte und Gebühren verkauft werden dürfe. Ob man damit nicht die Absicht, der Verdoppelung der Fahrgastzahlen im Bahnverkehr teils konterkariert, wird sich weisen.

Italien macht Flieger binnen zehn Jahren obsolet

Das Beispiel Italien jedenfalls zeigt, dass ein gutes Hochgeschwindigkeits-Zug-Angebot, das mittlerweile bis nach Sizilien reicht, das beste Argument gegen Inlandsflüge ist. Seit 2008 hat die staatliche Trenitalia politisch gezielt gestützt ein Netz aus "Frecce" (Pfeilen) aufgezogen, das dem Flugzeug schlicht das Wasser abgrub. Noch um die Jahrtausendwende galt, wie die Neue Zürcher Zeitung berichtet, die Relation Rom-Mailand als "goldene Route" der Airline Alitalia, mit der sie 30 Prozent ihres Umsatzes machte, mit sage und schreibe 30 Hin- und Rückflügen täglich. 2019 waren es immerhin noch 20. Tempi passati. 

Bei drei Stunden Rom-Mailand steigt niemand mehr in den Flieger

Heute brettert man die 670 Kilometer zwischen den wichtigsten italienischen Metropolen in 2:59 von Innenstadt zu Innenstadt mit der "Frecciarossa". Eine Stunde mehr dauert es von Mailand bis Neapel, mit Gratis-WLAN, Bisto und allem Komfort an Bord, ohne Check-in oder langwierige Flughafen-Transfers. Jüngst launchte die Eisenbahngesellschaft ihren neuesten Coup, die Frecciarossa 1000: Der Bombardier-Alstom-Express wird bis zu 400 km/h schnell und bietet wahlweise eine opulent-luxuriöse Sitzkonstellation.

Der Effekt war schnell abzulesen: Kurz nach dem Start der Zug-Relation, waren die Flugzeuge im wahrsten Sinne des Wortes "überholt". Von 2008 bis 2018 stieg die Zahl der Passagiere Mailand-Rom im Zug von einer auf 3,6 Millionen. Im Gesamtnetz steigerte die Schiene dank Frecce ihre Passagierzahlen um 517 Prozent in zehn Jahren und beförderte statt 6,5 satte 40 Millionen Passagiere, seither weiter steigende Tendenz. Eine Verdoppelung in knapp zehn Jahren erscheint da fast etwas unterambitioniert.

Vorreiter Frankreich: Wenn die Air France sich beschwert ...

Italien folgt dabei übrigens dem Beispiel Frankreichs, wo zuvor schon genau derselbe Effekt zu beobachten war: Seit man zwischen Paris-Lyon und Paris-Marseille schnell mit dem TGV fahren konnte, verlor das Flugzeug rapide an Marktanteil. Das wird natürlich zum Politikum und wird es auch in Deutschland mit seiner starken Luftfahrtindustrie und der Lufthansa: Im Mai 2019 gab die Air France den staatlich getriebenen "Train à Grande Vitesse" die Verantwortung für die Einbrüche im Fluggeschäft. In den vorangegangenen fünf Jahren wurden vier neue Hochgeschwindigkeitszuglinien in Betrieb genommen, wie etwa Paris–Rennes oder Paris–Bordeaux. In viele Regionen kommt man mit einer zweistündigen Zugfahrt von der Seine aus. Klarer Effekt: Überall dort hat Air France laut Franceinfo 90 Prozent der Marktanteile abgegeben.

Konkurrenz belebt auch das Bahn-Geschäft: Italo macht Druck

In Italien wirkt aber noch ein Faktor "beflügelnd" für die Schiene: Denn auf den "neutralen" Gleisen herrscht Wettbewerb. Neben Trenitalia drängen die Italo-Züge auf immer mehr Relationen vor allem im Regionalbereich. Sodass die Frecce jetzt auch auf den langsameren Abschnitten und Verbindungen verkehren. Bis diese ebenfalls ans Hochgeschwindigkeitsnetz angebunden werden: 32 Milliarden Euro habe der Staat in die "Alta Veloce" investiert. Und tut es weiter: Der Post-Covid-Wiederaufbauplan sieht weitere 25 Milliarden Euro vor - und dezidiert kein Geld für die Straße.

Was bedeutet das?

Wie in vielen Teilen ist der Koaltionsvertrag ambivalent: Das Ziel 15 Millionen E-Autos bis 2030 bedeutet vielleicht eine Antriebswende, eine Verkehrswende weg vom motorisierten Individualverkehr nicht unbedingt. Und die Entwicklung Deutschlands als Zentrum einer "Grünen Luftfahrtindustrie"? Es stellt sich die Frage, ob die vielen Fördermilliarden, die hier in Aussicht gestellt werden, nicht besser konsequent für die Schiene genutzt werden sollten, national und auch innereuropäisch sollte das auf absehbare Zeit die bessere Option werden. Was bleibt, sind Transatlantik- und Fernflüge, die, wenn sie denn sein müssen, selbstredend mit klimaneutralen Kraftstoffen zu absolvieren sind. Ansonsten gilt: Flieg besser mit der Bahn!

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