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Wissenschaftler zweifeln Stickoxid-Grenzwerte an - und werden prompt korrigiert

In einer Stellungnahme bezeichnen Wissenschaftler die Stickoxidgrenzwerte als "unbegründet". Ein Lungenfacharzt exkulpiert gleich den Diesel-Motor. Der BUND hält dagegen, weitere Mediziner sehen Zusammenhang zwischen Luftschadstoffen und Krankheiten als längst erwiesen an.

Dicke Luft um Grenzwerte: Wissenschaftler ziehen die NOx-Grenzwerte der EU stark in Zweifel und halten sie für "unsinnig". Lärm und Feinstaub produziert der Verkehr an Brennpunkten wie dem Stuttgarter Neckartor trotzdem. | Foto: J. Reichel
Dicke Luft um Grenzwerte: Wissenschaftler ziehen die NOx-Grenzwerte der EU stark in Zweifel und halten sie für "unsinnig". Lärm und Feinstaub produziert der Verkehr an Brennpunkten wie dem Stuttgarter Neckartor trotzdem. | Foto: J. Reichel
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Johannes Reichel

In einer Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), der Deutschen Lungenstiftung und des Verbandes Pneumologischer Kliniken (VPK) zu den Auswirkungen von Stickoxidemissionen im Verkehr kommen mehr als 100 Wissenschaftler zu dem Schluss, dass die derzeit geltenden Grenzwerte beliebig seien und dringend neu bewertet werden müssten. Es gebe „derzeit keine wissenschaftliche Begründung für die aktuellen Grenzwerte für Feinstaub und NOx“, heißt es in dem Papier, über das die Zeitung Die Welt berichtet. Bisher ging die Politik mit den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO davon aus, dass hohe NOx-Werte in Deutschland für 13.000 vorzeitige Todesfälle verantwortlich seien, Feinstaub verursache 66.000 vorzeitige Todesfälle, resümierte eine Analyse der Europäischen Umweltagentur EEA von 2017.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hatte die Erklärung der Ärzte begrüßt. "Wir brauchen eine ganzheitliche Sichtweise". Endlich seien Sachlichkeit und Fakten in der Debatte, meinte er. Er will auch die Aufstellung der Messstationen an Orten prüfen lassen, an denen die Belastung nicht so hoch ist. Die bisherige Debatte qualifizierte er als "schon sehr skurril". 

Bund Naturschutz: "Politische Effekthascherei"

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)  die Kritik der Ärzte postwendend als "politische Effekthascherei" zurück. Die Forderung der Experten, den europaweit geltenden Grenzwert für Stickstoffdioxid auszusetzen, sei unverantwortlich gegenüber der betroffenen Bevölkerung, erklärte Hamburgs BUND-Landesgeschäftsführer Manfred Braasch. Umso mehr wenn nicht der Beweis erbracht werde, dass diese für den Gesundheitsschutz nicht erforderlich seien, ergänzte der BUND-Mann.

Auch von wissenschaftlicher Seite kam vehementer Widerspruch. Holger Schulz, Direktor des Instituts für Epidemologie am Helmholtz-Zentrum meinte gegenüber der Süddeutschen Zeitung:

"Wir haben es mit einem enormen Gesundheitsproblem zu tun, das praktisch jeden Bürger betrifft und dem sich niemand entziehen kann".

Die deutsche Bevölkerung verliere 600.000 Lebensjahre durch Luftverschmutzung. Neben Lungenkrebs, Infarkt und Schlaganfall konstatierte er auch einen Zusammenhang zwischen Luftschadstoffen und Diabetes und Demenz. Er verweist auf sehr wohl vorhandene epidemiologische Studien über lange Zeit, außerdem hätten Tierversuche und Laborstudien nachgewiesen, wie Feinstaub und Stickoxide die Gesundheit gefährdeten. Zudem führt er an, dass Stickoxid nicht nur selbst schädlich, sondern auch ein Indikator für andere Luftschadstoffe wie Ruß, Ozon, CO2 und Kohlenwasserstoffe sei und schon von daher ein niedriger Grenzwert sinnvoll. Und man könne durchaus auch bei jungen gesunden Rauchern Entzündungszeichen in der Lunge und im Blut erkennen, ähnlich wie bei Feinstaub und Stickoxiden, so der Mediziner weiter.

Der Grüne Europaabgeordnete Sven Giegold kritisierte die neuerliche Infragestellung des wissenschaftlichen Status Quo heftig. 

“Es ist peinlich, wie die CDU, CSU und FDP sich in der Diskussion um saubere Luft als Ablenkungsmanöver alternativen Fakten bedienen wollen. Wenn die Regierungen Merkel und die CSU-Verkehrsminister in den letzten 14 Jahren politisch gehandelt hätten, gäbe es heute kaum Grenzwert-Überschreitungen und Fahrverbote", warf er der Regierung vor.

Facharzt Köhler: Raucher müssten binnen Wochen "tot umfallen"

Auf die WHO-Studie beruft sich das Papier, das vom Lungenmediziner Dieter Köhler, ehemals Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, und drei weiteren Autoren verfasst wurde. Er kommt zu dem Schluss, dass ungefähr die gleiche Anzahl an Menschen in Deutschland an durch Zigarettenrauch bedingten Lungenkrebs und an chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) sterben.

„Lungenärzte sehen in ihren Praxen und Kliniken diese Todesfälle an COPD und Lungenkrebs täglich; jedoch Tote durch Feinstaub und NOx, auch bei sorgfältiger Anamnese, nie. Bei der hohen Mortalität müsste das Phänomen zumindest als assoziativer Faktor bei den Lungenerkrankungen irgendwo auffallen“, erklärte Köhler gegenüber der Zeitung.

Die Grenzwerte aus der EU-Verordnung hält er für „völlig unsinnig“. Aus seiner Sicht müsste ein Raucher innerhalb weniger Wochen "tot umfallen", wenn man diese Belastung mit der angeblichen Belastung durch Feinstaub vergleiche, schilderte Köhler drastisch. Er meinte schon im November gegenüber der Welt: "Der Diesel ist jedenfalls unschuldig".

Wissenschaftler: Tendenziöse Interpretation durch WHO

Nach Ansicht der Mitautoren sei es "sehr wahrscheinlich, dass "die wissenschaftlichen Daten, die zu diesen scheinbar hohen Todeszahlen führen, einen systematischen Fehler enthalten“. Sie warfen der WHO vor, die Daten "extrem einseitig zu interpretieren, immer mit der Zielvorstellung, dass Feinstaub und NOx schädlich sein müssen". Andere Interpretationen der Daten seien aber möglich, "wenn nicht viel wahrscheinlicher", so die Wissenschaftler Thomas Koch (Leiter des Karlsruher Instituts für Kolbenmaschinen, früher in der Daimler-Motorenentwicklung), Martin Hetzel (Pneumologe und Geschäftsführer des VPK) und Matthias Klingner (Leiter des Fraunhofer-Instituts für Verkehrs- und Infrastruktursysteme in Dresden).

Der derzeitige Grenzwert liegt im Freien bei 40 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter Luft, in Büros beträgt der Wert 60 Mikrogramm, in Produktionen 950 Mikrogramm, allerdings nur für gesunde Mitarbeiter und maximal acht Stunden am Tag. Jüngst hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Anhebung des Grenzwertes auf 50 Mikrogramm im Sinne einer "Güterabwägung" ins Gespräch gebracht. Ob die Stellungsnahme politisch etwas in Bewegung bringt, ist derzeit unklar, solange die EU-Grenzwerte unverändert bleiben. Diese wurden mit den Stimmen der CDU/CSU und FDP europaweit beschlossen. 

Was bedeutet das?

Ja wie denn was denn: Jetzt soll alles Makulatur sein, worauf der ganze Streit um erhöhte Stickoxidwerte bei Autos und speziell Diesel-Fahrzeugen beruhte? Der ganze Terz um SCR-Kats für die Katz?! Was hätten sich nicht für Spritsparpotenziale ergeben ohne die Rücksicht auf die nervigen NOxe? Medizinischer Nonsens die Grenzwerte? Skeptiker, allen voran der Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer und die Autolobby wollen sich in ihrer Meinung bestätigt sehen durch die Stellungnahme der Lungenfachärzte und Experten.

Der Verkehrsminister keilte auch sofort aus und ging soweit "sich zu freuen" über die wiederaufgekochte, leidige Debatte. Als wäre er nicht Teil der Regierung und den bestehenden, selbst mitverabschiedeten Gesetzen verpflichtet, sondern zugleich Opposition.

Beckmesserisches Motto: Hab ich doch schon immer gesagt, alles pillepalle mit dem NOx, stellt Euch nicht so an! Doch damit spannt er sich vor den Karren einer wissenschaftlich Minderheitenmeinung. Rechthaberei trägt zur Lösung der Probleme aber nicht wirklich bei. Konstruktiv kommt aus seinem Haus defintiv zu wenig.

Es gibt längst unabhängige Langzeitstudien und Untersuchungen, die den Zusammenhang zwischen schlechter Luft und Erkrankungen nachweisen, vor allem für Kranke und Kinder - hier gilt das "Vorsorgeprinzip". Die Wissenschaftler hätten besser gleich Beweise für die (unwahrscheinliche) Unbedenklichkeit auch höherer NOx-Werte auf den Tisch gelegt statt nur Indizien zu liefern und mit (Un)Wahrscheinlichkeiten zu operieren. Denn entbrannt ist nun ein heftiger Wissenschaftsstreit, wie es ihn etwa auch beim Thema Glyphosat gibt. Mit dem Papier der Wissenschaftler wird die Position der Deutschen Umwelthilfe, des BUND und des Umweltbundesamts herausgefordert. Die Situation erscheint verfahren. Allerdings ruht darin die Chance, jetzt noch mal alle Fakten auf den Tisch zu packen, statt den "Alternativen Fakten" der 113 lautstarken Protestlern das Feld zu überlassen.

Fest steht jedoch: Selbst wenn nicht die Stickoxide in dem Maße krank machen sollten, wie es die WHO annimmt, so macht doch der überbordende Stadtverkehr als ganzes mit seinen zahlreichen Indikationen aus Abgas, Lärm, Platzbedarf sicher die Bürger und Anwohner nicht gesünder.

Fest steht auch: Wir brauchen weniger Verkehr und emissionsfreien Verkehr in den Städten, wir brauchen eine Verkehrswende, dafür sollte man die Situation nutzen, als Chance. Der jetzt schnell gezogene Schluss: Alles wieder paletti beim Diesel, wir fahren weiter wie bisher, wäre fatal. Zumal derzeit viel zu wenig über den noch viel ungesünderen Feinstaub gesprochen wird, dessen Grenzwerte in den USA übrigens halb so hoch liegen als in Deutschland. Klar ist zudem: Viele Autohersteller haben beim Thema NOx massiv getrickst, Gesetze gebeugt und teils gebrochen. Und nicht zuletzt:

Vielleicht sollte man, statt sich in die zweifelhafte NOx-Thematik zu verbeißen, künftig wieder stärker auf die chemische Verbindung fokussieren, deren Schädlichkeit völlig außer Zweifel steht: Die CO2-Emissionen und deren Reduzierung. Denn die ruinieren das Klima und den Menschen. 

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