Meinungsbeitrag

Wir brauchen Öko-Strom, Biomethan - und eine ganz andere Mobilität!

Die Diskussion um das Verbrenner-Ende könnte von der Realität überholt werden. In dieser Situation das teure Nebengleis Synfuels für die Massen zu öffnen, wäre Verschwendung. Es gibt längst eine bessere Lösung, für Pkw und für Lkw: Biomethan. Dennoch: Nötig ist eine komplett andere Mobilität, nicht der 1:1-Tausch Fossil gegen Strom!

Verbrenner oder Stromer, bis 2030 ist der "Drops gelutscht", glaubt auch VM-Redakteur Johannes Reichel (im Bild 1. Vergleich Diesel vs Elektro-Van). Und plädiert dafür statt Synfuels die Biomethan-Karte stärker zu spielen. Und generell nicht nur über andere Antriebe zu reden, sondern über andere Mobilität. | Foto: J. Reichel
Verbrenner oder Stromer, bis 2030 ist der "Drops gelutscht", glaubt auch VM-Redakteur Johannes Reichel (im Bild 1. Vergleich Diesel vs Elektro-Van). Und plädiert dafür statt Synfuels die Biomethan-Karte stärker zu spielen. Und generell nicht nur über andere Antriebe zu reden, sondern über andere Mobilität. | Foto: J. Reichel
Johannes Reichel

Man wird ja den Eindruck nicht los, dass sich Teile der deutschen Autoindustrie nebst Verband über die Zeit retten wollen, mit einem überkommenen, wenngleich über Jahrzehnte enorm einträglichen Geschäftsmodell. Das einen großen Haken hatte: Dass es leider die Umweltkosten nie mit abbildete. Anders ist das geradezu sture Insistieren auf den "Kolbenmotor" kaum zu erklären, ganz abgesehen vom ebenso anachronistischen Beharren auf "freier Fahrt für freie Bürger", sprich gegen ein schlicht dringend gebotenes Tempolimit. Klar, das gibt auch Daimler-Chef Ola Källenius unumwunden zu: Der Verbrenner sei eine "Cash-Machine". Und auch VW-Markenchef Ralf Brandstätter meinte jüngst, man müsse sich die Zukunft auch mit dem Verbrenner verdienen.

Aber vorausschauendes Unternehmertum sieht natürlich anders aus: Denn die Zukunft hätte man sich eigentlich in der Vergangenheit verdienen müssen, indem man die Weichen früher auf Elektrifizierung gestellt hätte.

Zudem legen die Stromer derzeit weltweit so stark zu, dass manche Branchenexperten nicht nur von der Stromfraktion den Verbrenner für 2030 schon zum "Nischenprodukt" erklärten. Es wäre also eine glatte Fehlinvestition, ihn mit Synfuels am Leben halten zu wollen. Als spränge man auf einen abgefahrenen Zug - und zwar in Richtung Abstellgleis. Auch Grünen-Verkehrspolitiker Cem Özdemir hält in Sachen Verbrenner die "Messe gelesen" und befand jüngst beim VDA-Kongress ohnehin, wenn die paar 911er künftig Synfuel für 5 Euro je Liter tanken müssten, dann sei das "eingepreist" im Fahrzeugniveu.

Teures Fossiles kauft man halt dann wieder in der Apotheke

Immerhin macht VW-Konzern-Chef Herbert Diess keinen Hehl daraus, dass man von Synfuels nicht allzu viel hält - wenn man jetzt mal von der Konzernmarke mit regem Eigenleben "Porsche" absieht, die die konventionelle Ikone 911er in die Zukunft retten wollen. Aber für die Leute, die meinen, wir hätten noch die Zeit, einen Sportwagen mit Verbrenner anzuschaffen und die zudem nicht von der überschäumenden Performance eines elektrischen Taycan überzeugt sind, sei gesagt: Sie können sich den teuren Sprit für die gelegentliche Ausfahrt ja dann in Zukunft in der Apotheke beschaffen. Wie das in den Anfangszeiten des Verbrenners - Bertha Benz in memoriam - schon mal war.

Dem Verkehrsminister und dem Verband sei empfohlen, sich einer viel besseren und greifbareren Zwischenlösung und Brückentechnologie zu besinnen: Biomethan. Seit Jahrzehnten bewährt und erprobt, ließen sich hier sofort viel mehr Potenziale heben, statt Ablenkungsmanöver mit Synfuels zu starten.

Der CNG-Antrieb wäre zudem zukunftssicherer, was den klimaschonenden Betrieb betrifft, als heute noch millionenfach fossile Verbrenner auf den Markt zu spülen, sei es in der ziemlich absurden Konfiguration als Plug-in-Hybrid. Schließlich bleibt ein Auto als langdrehendes Investitionsgut noch mindestens zehn bis 15 Jahre im Betrieb.

Jeder "fossile Verbrenner" weniger heute, ist daher ein guter Verbrenner, man muss das mal so klar aussprechen. Wobei man generell sagen muss: Ein 1:1-Tausch Verbrenner gegen Elektro, das wird die Welt auch nicht retten. Wir brauchen eine ganz andere Art der Mobilität nach dem Subsidiaritätsprinzip. In der Stadt tut es ein Fahrrad, die eigenen Füße oder ein E-Scooter und der gute alte, neu zu erfindende ÖPNV! Da wäre der Begriff "Stadt-Auto" üprigens fast ein Widerspruch in sich.

Und es wäre eine verhängnissvolle Illusion, wenn Politiker diesen Eindruck erwecken. Wir brauchen schon aus Ressourcengründen definitiv weniger von den 23 Stunden am Tag geparkten Autos. Und die verbleibenden fahren dann elektrisch und noch besser geteilt.

Im Übrigen sind neben dem CNG-Antrieb die E-Antriebe längst so weit, dass sie den Alltagsbedarf an Mobilität abdecken. Rechnet man die rasante technische Entwicklung bis 2030 hoch, sind wir da bei Reichweiten von über 400 Kilometer, und es besteht schlicht kein Bedarf mehr für Verbrenner. Und heute bietet mancher Hersteller die clevere Mobilitätsoption: Im Alltag elektrisch, im Urlaub Verbrenner. Denn es gilt auch weiterhin die BMW-Formel aus der frühen Elektrophase und das Leitprinzip beim visionären i3: Ein E-Auto mit kleinem Akku ist umweltfreundlicher als ein E-Auto mit großem Akku. Effizienz ist mehr denn je "Umwelt-Trumpf"!

Aufwändige und teure Synfuels, die werden wir brauchen. Und zwar dringend, um in Form von Biokerosin den Luftverkehr endlich umweltfreundlicher zu gestalten, der als Lektion aus Corona und dank Digitalisierungsschub hoffentlich auf niedrigerem Niveau verbleibt als zuvor.

Für Lkw und Schiffe kommt ebenfalls der "grüne Wasserstoff" in Kombination mit Brennstoffzelle in Frage. Wenngleich auch hier das letzte Wort noch nicht gesprochen ist: Mit einer ausreichenden Schnellladeinfrastruktur wären auch Trucks im schweren Fernverkehr batterieelektrisch denkbar, im Nahverkehr sind sie sowieso gesetzt.

Pilotprojekte erproben Elektrifizierung von Fern-Lkw

Schon gibt es erste Pilotprojekte wie HoLa, VW-Betriebsratschef Osterloh hält BEV auch bei Trucks für plausibel, Technologieführer Tesla setzt sowieso auf batterieelektrisch, auch bei schweren Fernverkehrs-Lkw. Und auch in diesem Bereich könnte in der Zwischenzeit die CNG/LNG-Technologie helfen, denn die Biomethan-Trucks mit Sprit aus Abfall- oder Strohresten fahren schon heute fast klimaneutral durch die Lande und erleben einen erfreulichen Nachfrageboom unter Transporteuren. 

Wir sollten uns nicht verzetteln, im Bemühen, Synfuels für den automobilen Massenmarkt in den nächsten zehn Jahren tauglich und erschwinglich zu bekommen. Die Lösungen liegen schon heute auf der Hand und die Instrumente im Kasten. Wir müssen sie nur richtig, konsequent und stringent mit dem Ziel "maximaler Klimaschutz jetzt" anwenden. 

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