Meinungsbeitrag

Wenn wir uns nicht ändern, ändert sich eben das Klima!

Der Think Tank Agora und die Stiftung Klimawissenschaft halten CO2-Neutralität bis 2045 für möglich, "ohne verordnete Verhaltensänderungen", mit Hilfe grüner Technologie. Doch wir brauchen beides: Nachhaltigeren Lebensstil und effizientere Technik.

Wir waren schon mal weiter: 1980 startete das Bundeswirtschaftsministerium eine Kampagne für mehr Energieeffizienz. Das sollte immer der erste Schritt sein. | Foto: BMWI
Wir waren schon mal weiter: 1980 startete das Bundeswirtschaftsministerium eine Kampagne für mehr Energieeffizienz. Das sollte immer der erste Schritt sein. | Foto: BMWI
Johannes Reichel

Nicht nur durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts kommt nun zum Ende der Legislaturperiode ungeahnter "Drive" in die bisher unzureichenden Klimaschutzbemühungen der schwarz-roten Koalition. Auch eine wichtige Studie der Think Tanks Agora Energie und Verkehrswende sowie der Stiftung Klimawissenschaft zeigt einen Pfad auf, wie es noch schneller gehen könnte mit der Klimaneutralität in Deutschland. Hierbei setzen die Wissenschaftler vor allem auf den Einsatz grüner Technologien und sie versprechen: Die Klimawende wird "ohne verordnete Verhaltensänderungen" möglich sein.

Das lässt aufhorchen, zumal die neoliberalen oder "konservativen" Parteien, allen voran Union und FDP dabei sind, im Wahlkampf das alte Tot-Schlag-Argument von der "ideologischen Verbots-Partei" gegen die im Höhenflug befindlichen Grünen in Stellung zu bringen! Die Grünen und nicht zu vergessen auch die "real existierenden" Klimaschützer in der SPD haben einen Vorteil: Sie haben die Wissenschaft auf ihrer Seite. Ist das ist dann eben keine Ideologie, sondern Erkenntnis, die leider viel zu rasch Realität wird. 

Trotzdem: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass?! Kann das funktionieren? Skepsis ist angebracht. Auch wenn die Autoren in Teilen durchaus Verhaltensänderungen, etwa beim Fleischkonsum prognostizieren, tragende Säule ihres Szenarios ist das Vertrauen in grüne Technologien.

"Die Menschen fahren deutlich mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Rad, und sie gehen mehr zu Fuß. Im Jahr 2030 werden bereits 14 Millionen Elektro-Pkw (inklusive Plug-in-Hybride) im Bestand sein. Güter werden verstärkt auf der Schiene transportiert und es wird fast ein Drittel der Fahrleistung im Straßengüterverkehr über elektrische Lkw mit Batterien, Oberleitungen und Brennstoffzellen erbracht", skizzieren die Forscher in ihrem Szenario den Pfad.

Doch tatsächlich sollte die Akzentuierung auf beidem liegen: Nachhaltiger Lebensstil UND effizientere Technologien müssen zusammenkommen, damit wir das Ruder noch herumreißen.

Zu großes Vertrauen, dass es die Technologie alleine richten wird, das lehrt die Technik-Geschichte, sollte man nicht hegen. Bisher war technologischer Fortschritt sehr häufig vom allgemeinen Wachstum "aufgefressen", spricht überkompensiert worden. Autos sind zwar sparsamer, aber auch größer, schwerer und immer mehr. Sodass wir, anno 2021, weltweit das höchste je gemessene CO2-Niveau verzeichnen.

Mit nachhaltigem Lebensstil ist eben nicht "Lifestyle" gemeint. Es genügt eben nicht, den 3er-Verbrenner gegen ein Model 3 Stromer zu tauschen, damit zum Bio-Markt, ins Büro und in den Urlaub zu brausen und alles wird gut. Besser als vorher ist noch lange nicht gut genug. Das Ziel kann nicht sein, das identische Energie- und Konsumlevel irgendwie in die Zukunft zu retten.

Es beißt die Maus keinen Faden ab: Wir müssen weniger Auto fahren und mehr Rad. Wir müssen weniger Fleisch essen und mehr Pflanzliches und sowieso Bio und überhaupt weniger Essen wegwerfen. Wir müssen weniger ressourcenintensiv reisen, weniger mit dem Flugzeug oder dem Kreuzfahrtsschiff, mehr mit Zug und Rad und sowieso bewusster. Wir müssen weniger Platz ist gleich Energie zum Wohnen und Arbeiten beanspruchen und effizienter bauen und heizen. Wir müssen unseren exorbitanten Konsum in der Wegwerfgesellschaft runterfahren, der einhergeht mit immensem Ressourcenverbrauch und Vermüllung der Weltmeere. Die Dinge, die wir kaufen, müssen wieder länger halten, im wahrsten Sinne "nachhaltiger", zeitloser, klassischer sein und zudem konsequent im Sinne einer Kreislaufwirtschaft und im Rahmen der "planetaren Grenzen" gedacht werden. Wollten alle so leben wie wir in Deutschland, wir bräuchten zweieinhalt Planeten vom Kaliber "Erde".

Es wäre ein Trugschluss, dem auch die derzeit so gehypten Grünen nicht aufsitzen sollten: Man könne so weitermachen wie bisher, nur "dasselbe in Grün". Es wird sehr wohl Verhaltensänderungen brauchen. Zumal das schneller zu realisieren ist, als der Ausbau regenerativer Energien oder Infrastrukturen für grünen Wasserstoff. Wir müssen sofort beginnen. Klimaschutz beginnt nun mal bei uns selbst.

Daher sollte im ersten Schritt dem Aspekt "weniger Energie" deutlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden. In den 80er-Jahren gab es mal eine erfolgreiche Kampagne "Ich bin Energiesparer". Hätten wir seit damals nur so weiter gemacht, das 1,5-Grad-Ziel wäre ein Spaziergang gewesen, im Vergleich zu den drastischen Eingriffen, die jetzt, nach jahrzehntelanger Alibi-Politik in Sachen Klimaschutz, nötig sind. Wäre im Jahr 2000, so hat US-Autor Nathaniel Rich in seinem Werk "Losing Earth" vorgerechnet, der Emissionszenit erreicht gewesen, hätte eine allmähliche Reduzierung mit ein paar Prozent jährlich genügt, um unterhalb von 1,5 Grad Erwärmung zu bleiben. "Fast nichts stand in unserem Weg. Nichts außer uns selbst", resümiert er trocken. Die Kosten sind seither enorm gestiegen, haben sich fast verdoppelt und steigen jedes Jahr der Untätigkeit um mehrere Billionen Dollar, die eine 2020er-Studie in Scientific Reports kalkuliert - ohne die Schäden durch Naturkatastrophen, wohlgemerkt.

Energiesparer: Genau das ist der "Sound", den wir wieder brauchen. Es muss gesellschaftlich honoriert und normiert werden, sich umweltfreundlich zu verhalten. Es geht nicht darum, den Leuten "etwas zu verbieten", was nebenbei bemerkt über Jahrzehnte ein ressourcenverschleißender Irrweg war.

Ein Gewohnheitsrecht auf einen tonnenschweren Geländewagen, permanente Flugreisen und ein Haus im Grünen gibt es nun mal nicht. Es geht umgekehrt darum, den Menschen ein "gutes Leben" zu "erlauben", sprich zu ermöglichen. Und nicht mehr die zu sanktionieren und zu benachteiligen, die mühselig versuchen, sich umweltfreundlich zu verhalten. Ihnen gehört der berühmte "rote Teppich" ausgerollt, der in diesen Zeiten ein grüner Teppich sein sollte. Genau so gehören die berühmten "Leitplanken" gesetzt.

Umweltschädliches Verhalten braucht ein "Preisschild"

Alles andere gehört mit einem "Preisschild" versehen, das den realen, externen Kosten entspricht, Stichwort CO2-Preis. Dann regelt der Markt nämlich wirklich alles weitere, liebe "Pseudo-Marktwirtschaftler". Derzeit sind die Umweltkosten nämlich leider nicht adäquat abgebildet.

Ein schlechteres Leben wäre das nicht, auch wenn jetzt manche den Teufel der "Deindustrialisierung" und der "Wirtschaftsschrumpfung" an die Wand malen.

Das ist Quatsch, wir sollten die "Theorie vom immerwährenden Wachstum" über Bord werfen - und Wachstum "qualitativ" definieren: Eine saubere und gesunde Umwelt ist doch auch was wert - und den Planeten "lebenswert" zu erhalten sowieso.

Und wer sich erinnert, dass es früher auch nicht jeden Tag Fleisch gab, sondern eben den legendären Sonntagsbraten (heute ergänzt um "bio&regional") und dass man einmal im Jahr mit dem vollbesetzten Auto (oder dem Zug) in den Urlaub nach Italien gefahren ist, dann war das auch kein schlechteres Leben. Im Gegenteil: Mit der Seltenheit stieg auch die Besonderheit und der Wert der Dinge.

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