Webasto: E-Mobilität wird wichtiger

Von der Corona-Krise war Webasto offiziell schon sehr früh betroffen und hat das auch offen kommuniziert. Man ergriff aber die nötigen Maßnahmen und blickt trotz starker Einbußen samt roter Zahlen im ersten Quartal 2020 vorsichtig optimistisch in die Zukunft.

Webasto-CEO Holger Engelmann gab einen umfassenen Überblick über die aktuelle Geschäftsentwicklung. | Foto: Webasto
Webasto-CEO Holger Engelmann gab einen umfassenen Überblick über die aktuelle Geschäftsentwicklung. | Foto: Webasto
Gregor Soller

Dr. Holger Engelmann, Vorstandsvorsitzender der Webasto SE, erklärte beim diesjährigen Jahrespressegespräch:

 „Die sich abkühlende Konjunktur, der sich verschärfende Preisdruck in der Automobilindustrie sowie internationale Handelskonflikte haben sich 2019 deutlich in unseren Geschäftszahlen niedergeschlagen. Dennoch sind wir bei der Weiterentwicklung von Webasto zu einem globalen innovativen Systempartner auch für den Bereich Elektromobilität einen großen Schritt vorangekommen.“

Heißt konkret: Auch wenn die E-Mobilität aktuell nur rund ein Prozent zum Umsatz beiträgt, stehen Aufträge an, die diesen Wert auf elf Prozent hochschrauben dürften. 2019 erzielte die Webasto Gruppe einen Umsatz von 3,7 Milliarden Euro. Die Steigerung von gut neun Prozent zu 2018 ist im Wesentlichen allerdings auf die vollständige Übernahme der Anteile des südkoreanischen Joint Ventures Webasto Donghee im Frühjahr 2019 zurückzuführen. Die Akquisition sowie anhaltend hohe Aufwendungen in neue Technologien sorgten erwartungsgemäß für einen deutlichen Rückgang des Ebit. Die Umsatzrendite sank von 5,9 Prozent (2018) auf 2,9 Prozent (2019).

Dachsysteme weiter dominant - inklusive Sensorintegration

Nach wie vor extrem wichtig ist das Geschäft mit Dachsystemen: Es stieg 2019 entgegen der Marktentwicklung um elf Prozent auf 3,1 Milliarden Euro. Mit 84 Prozent machte der Geschäftsbereich erneut den größten Umsatzanteil der Webasto Gruppe aus. Auch hier plant man künftig Neuentwicklungen, die der E-Mobilität und dem autonomen Fahren Rechnung tragen. Darunter den Einbau von Kamera-, Radar- oder Lidarsystemen und Baugruppen, die weniger Bauraum in der Höhe beanspruchen. Leicht gesunken ist der Umsatz mit Heiz- und Kühllösungen. Mit 575 Millionen Euro (Vorjahr: 594 Millionen Euro) trugen sie 2019 mit 15 Prozent zum Gesamtumsatz bei. Positiv jedoch der Umsatz mit Batterien und Ladelösungen, den konnte Webasto im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppeln. 2019 erzielte das Unternehmen mit diesen 43 Millionen Euro (2018: 19 Millionen Euro).

Aufbau in Asien und Europa

Verschoben haben sich auch die Gewichte der einzelnen Regionen: Trotz einer deutlichen Konjunktureintrübung war China im vergangenen Jahr mit einem Umsatzanteil von 35 Prozent erneut der stärkste Einzelmarkt für Webasto. Das Geschäft in Asien machte insgesamt 46 Prozent aus. Auf Europa entfielen 36 Prozent des Umsatzes und auf die Region Americas 18 Prozent. Die weltweite Anzahl der Mitarbeiter der Webasto Gruppe stieg moderat um 4 Prozent und lag Ende 2019 bei rund 14.000 Beschäftigten. Der Aufbau fand vor allem in Asien und Europa statt. Trotzdem kämpfen die Stockdorfer laut Engelmann mit den Margen, die vor allem auch in Asien unter Druck gerieten, da dort 2018 und 2019 bei weitem nicht die Absatzvolumina erreicht wurden, die man noch 2017 prognostizierte.

Forschung: Fokus auch auf E-Mobilität

Trotzdem investierte man auch 2019 erneut massiv in eine nachhaltige Weiterentwicklung. Die Ausgaben für Forschung & Entwicklung lagen mit 318 Millionen Euro rund 17 Prozent höher als im Vorjahr. Der Fokus lag hier auf den Bereichen Elektromobilität, Vorentwicklung für Dachsysteme sowie auf innovativen Kundenprojekten und dem weiteren Ausbau der Mechatronik-Kompetenz. Die Investitionen lagen 2019 mit 405 Millionen Euro bei mehr als 60 Prozent über denen von 2018. Rund 130 Millionen Euro davon machte allein die Anteilsübernahme des südkoreanischen Joint Ventures aus. Weitere Investitionen gingen vor allem in den Ausbau von Maschinen und Anlagen der neuen Geschäftsfelder in Deutschland und China.

Auch Webasto wagt keine Prognose für das Gesamtjahr 2020

Nach einem schwierigen ersten Quartal 2020 mit einem Umsatzrückgang von 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum und einer deutlich negativen Umsatzrendite – bedingt durch die Corona-Pandemie – wagt Engelmann für das Gesamtjahr 2020 aktuell keine Prognose:

 „Die Produktion weltweit ist derzeit erheblich beeinträchtigt und der Höhepunkt der Krise noch nicht erreicht. Das alles hat gravierende Auswirkungen auf unsere Geschäftszahlen mindestens in diesem, aber wohl auch noch im kommenden Jahr.“

Deshalb legt Webasto jetzt in allen Bereichen verstärktes Augenmerk auf das Kostenmanagement wie Engelmann weiter ausführt:

 „Wir müssen unseren Handlungsspielraum als unabhängiges Unternehmen sichern, das heißt: kurzfristig Ausgaben reduzieren und langfristig Strukturen optimieren. Unsere im letzten Jahr eingeführte neue Organisation bietet dafür eine gute Grundlage. Sie fördert den Austausch über Geschäftsbereiche und Regionen hinweg. So können wir Synergien erkennen und Kapazitäten gemeinsam nutzen, um unsere Effizienz zu steigern.“

In der aktuellen Situation geht es aber nicht um Kosteneinsparungen allein. Webasto wird trotz limitierter Ressourcen seine Doppelstrategie „Strengthening“ und „Participating“ konsequent weiterverfolgen, um seine Marktposition auszubauen und hier sieht Engelmann vor allem die Elektromobilität als Treiber, die künftig durchaus Milliardenergebnisse zum Umsatz beitragen kann:

 „Die Erweiterung unserer Kompetenzen und unseres Produktangebots in Richtung Elektromobilität beginnt sich auszuzahlen. Seit dem gelungenen Markteintritt mit Ladelösungen und Batterien 2018 haben wir zahlreiche Serienaufträge gewonnen, wie zuletzt von einem skandinavischen Lkw-Hersteller für Ladestationen oder von einem südkoreanischen Pkw-Hersteller für Batterien.“

Gut gefüllte Auftragsbücher: Ein Zehntel E-Mobilität

Ebenfalls positiv: Die Auftragsbücher sollen mit insgesamt mehr als 22 Milliarden Euro für die nächsten zehn Jahre gut gefüllt sein. Der Anteil von Kundenprojekten mit Lösungen für die Elektromobilität am Auftragsbestand macht inzwischen elf Prozent aus. Dazu gehören verstärkt auch Ladelösungen für OEMs und zunehmend auch White-Label-Lösungen für Dritte wie Stadtwerke oder Konzerne. Entsprechend soll laut Engelmann auch das Produktportfolio erweitert werden. Einst startete man mit B2C-Wallboxen, verzeichnet jetzt jedoch große Nachfrage im B2B-Geschäft, zunehmend auch bei Flotten und Kommunen. Entsprechend wolle man weitere Ladetechnik basierend auf dem bestehenden Baukastensystem sukzessive um weitere Lösungen erweitern. Auch bei Webasto spürt laut Engelmann darüber hinaus man stark den Trend zu „smarten“ Ladelösungen. Der Auftragsbestand und die anhaltenden Anfragen stimmen Engelmann positiv:

 „Sobald die Konjunktur wieder anzieht, werden wir unseren Wachstumskurs fortsetzen. Als Unternehmen in Familienbesitz verfügt Webasto über eine Eigenkapitalquote von 39 Prozent. Mit mehr als 50 Standorten sind wir weltweit nah bei unseren Kunden, kennen die Anforderungen der Branche sehr gut und bauen unsere Kompetenzen auch in der Digitalisierung und Transformation weiter aus.“

Auch in der Akkutechnik habe man weitere Anfragen, wobei Engelmann auch hier fokussiert bleibt: Man werde nie in die Zellchemie und -herstellung einsteigen, da hier viel größere Player dieses komplexe und investitionsintensive Feld abdecken. Aber man muss die Zellchemie kennen, denn es gibt Anfragen für Akkus, bei denen Webasto das komplette Paket anbieten muss samt entsprechender Zellen, andererseits gibt es auch Kunden, die einen Webasto-Akku mit Zellen eines bestimmten Herstellers ordern. Doch auch hier spürt Engelmann steigendes Interesse und steigende Nachfrage.

Was bedeutet das?

Trotz sehr holprigem Start inklusive sehr frühen Corona-Infektionen im Betrieb (es blieb dann insgesamt bei zehn Infizierten, die alle wieder genesen sind) konnte Webasto sich schnell auf die neue Situation einstellen und hier reagieren. Positiv: Der Umstieg hin zur Elektrifizierung der Antriebe scheint sich bei Webasto eher zu beschleunigen als abzukühlen.

 

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