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VW Polo VI: Evolution statt Revolution

Mit der sechsten Generation des Kleinwagenklassikers wächst der Polo über sich hinaus und fast ins Kompaktsegment. Doch er profitiert vom Modularen Baukasten auch in Sachen Fahrerassistenz. Einzige echte Motorinnovation: Erstmals kommt ein Erdgasmotor zum Einsatz. Sonst müssten Diesel und Benziner genügen. Und irgendwann die I.D.-Reihe.
Der Polo wird cool: Auch mit Hilfe von hippen Versionen wie der Beats-Variante mit Zierdekor und 300-Watt-Stereo-Anlage will sich der eher brave Kleinwagen zum urbanen Hipster mausern. Antriebsinnovationen lassen aber noch warten, immerhin kommt eine Erdgasversion. | Foto: J. Reichel
Der Polo wird cool: Auch mit Hilfe von hippen Versionen wie der Beats-Variante mit Zierdekor und 300-Watt-Stereo-Anlage will sich der eher brave Kleinwagen zum urbanen Hipster mausern. Antriebsinnovationen lassen aber noch warten, immerhin kommt eine Erdgasversion. | Foto: J. Reichel
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Johannes Reichel

Mit der sechsten Generation des "Kleinwagens" Polo wächst die seit 1975 gebaute Reihe über die Vier-Meter-Marke und legt auch in der Breite deutlich zu. 4,05 Meter sind jetzt das Maß der Dinge, ebenso ein auf 2,54 Meter gewachsener Radstand, der spürbar dem Beinraum zugute kommt. Dass der Kofferraum um 71 Liter auf 355 Liter wuchs und jetzt größer sein soll als beim Golf IV, mag man nicht recht glauben angesichts der übersichtlichen Luke. Aber offenbar zählt da die riesige Reserveradmulde mit. Dennoch: Das Größenwachstum ist natürlich Fluch und Segen der beim Polo VI erstmaligen Nutzung des sogenannten "Modularen Querbaukastens" (MQB), der einen in Sachen Kompaktheit einschränkt. Auch die Kopffreiheit hat der Hersteller verbessert und das, obwohl das Scheitelmaß auf 1,46 Meter abnahm. Das soll sportivere Proportionen sicherstellen, wie der Hersteller findet. In der Tat "lauert" der nur noch als Fünftürer erhältliche Polo jetzt fast auf der Straße wie ein Coupè, sportive Individualisierungsoptionen wie die "coole" Beats-Audio-Version mit "Rennstreifen" quer über Dach und Motorhaube oder der obligatorische GTI mit 200 PS unterstreichen diesen Anspruch. Diverse Dekore und Verschönerungsoptionen ("14 Außenfarben, acht Dashpads!") sollen auch klar machen: Der Polo will nicht mehr bieder, sondern stylish sein - eine Art "Mini" für die Profis sozusagen.

 

Der Evolutionär: Nur der Erdgasmotor ragt als Motor-Innovation heraus

Dass der Hersteller darüber ebenso viel Gewese macht wie das schicke, aber teure und - naja - nicht wirklich notwendige digitale Mäusekino ("Active Info Display") statt der klassischen Instrumente der Basis-Version, das zeigt doch auch, was der neue Polo alles nicht ist: Ein antriebstechnischer Innovator etwa. Elektro- oder Hybrid sucht man also vergebens. Dafür findet man recht unvermittelt eine deutlich bodenständigere Antriebsinnovation, die es in sich hat: Erstmals setzt Volkswagen beim Polo einen Erdgasmotor ein, es ist eine 1,0-Liter-Dreizylinder-Version des bekannten 1,4-Liter-TGI-Aggregats aus dem VW Golf, Passat, Touran und Caddy. Ganz so eilig hat man es damit aber nicht: Sie kommt erst im November. Gegenüber dem vergleichbaren 70-kW-Benziner sind allerdings happige 2.600 Euro Aufpreis fällig für den 90-PS-TGI, der leider noch nicht für Fahrten bereitstand. Abstriche muss man auch beim Kofferraum hinnehmen, der bei voll erhaltenem Benzintank den Gasflaschen etwas Platz widmen muss. Daraus sollen 365 km Reichweite im CNG-Modus drin sein, was 3,0 kg/100 km Verbrauch entspricht. Im Notfall wird auf Benzinbetrieb umgeschaltet, was sich auf über 1.100 km Reichweite summiert. Auch wenn VW-Verantwortliche versichern, der Erdgasantrieb spiele eine große Rolle im Antriebsmix und verfüge über die Optionen Biogas und Methanisierung von Strom über gewaltige Potenziale, echte Überzeugung sieht dann doch noch anders aus. Man verweist allerdings auf die Skalierungsfalle - mit der höheren Nachfrage würde sicher auch der Preis des TGI fallen. Auch so traut man dem TGI immerhin fünf Prozent am Portfolio zu. Für mehr müsste im Zweifel die Politik eingreifen, um die in der Debatte um Fahrverbote sträflich stiefkindlich behandelte Alternative Erdgas voranzubringen.

 

Priorität haben erstmal die Brot-und-Butter-Benzin-Motorisierungen, die 75 Prozent des Verkaufskuchens ausmachen sollen und von denen uns die quirlige 70-kW-TSI-Variante des Benziners am besten gefallen hat. Deutlich kultivierter als der knurrige, überdosierte und ruckelige 1,6-Liter-Diesel mit SCR-Kat, den allenfalls Langstreckenpiloten zu schätzen wissen. Für den nüchternen Stadtverkehr genügt ansonsten auch die unaufgeladene, aber auch ziemlich unaufregende MPI-Variante des Benziners, die preiswert und zudem recht sparsam über die Runden kommt und das Leergewicht auf fast Golf-I-mäßige 1.100 Kilo drückt. Ach so, ab Mitte 2018 rückt auch noch der 1,5-Liter-Turbobenziner mit Zylinderabschaltung ins Sortiment, erstmals hier mit Otto-Partikelfilter, der hohe Feinstaubausstoß moderner Downsizing-Benziner lässt grüßen ...

 

Automatisierung: Der Baukasten eröffnet die ganze Palette Fahrerassistenz

Für die Benziner spricht neben der Laufkultur und der "Umweltzonen"-Sicherheit generell das weniger kopflastige, flockigere Handling. In dieser Hinsicht lässt der Polo ohnehin nichts anbrennen und erfüllt mit sauberer Lenkung, knackiger Schaltung, strammen Bremsen und exzellenter Straßenlage bei annehmbarem Komfort, eine erstklassige verarbeitete, deutlich steifere Karosserie, das, was man von ihm erwartet. Übererfüllt für diese Klasse wird - dem Baukasten sei Dank - das Lastenheft in Sachen Fahrerassistenz: Alles, was für Golf&Co recht ist, ist für den Polo nun ja nicht gerade billig im Sinne von preiswert, aber billig im Sinne von gesetzt und verfübar. Serie ist immerhin die Umfeldüberwachung Front Assist mit Fußgängererkennung. Mittels Einparkassistent, Rangierbremse, Spurwechselassistent oder Abstandstempomat lässt sich der "Kleinwagen" aufrüsten wie ein Großer. Gleiches gilt für das heute unvermeidliche Feld der Connectivity, wo der Polo aus den Vollen des Baukastens schöpft, etwas mit der Smartphone "App Connect", die "Mirror Link", Android Auto oder Apple Car Play um diverse Online-Dienste ergänzt.

 

Revolutionär innovativ darf dann die I.D.-Reihe sein, der Polo muss einstweilen das Geld dafür verdienen. Die Zeichen stehen dank überzeugendem Gesamtpackage gut. Wenn VW noch ein bisschen leidenschaftlicher "Erdgas" gibt, könnte der Polo TGI sogar einem Elektro-Auto den Schneid abkaufen und wäre ein echter Wiedergänger des "Öko-Polo von 1987 mit sage und schreibe 1,7 l/100 km Verbrauch. Das war ein Revolutionär!

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