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VW-Konzern: "Dachstuhl brennt lichterloh" - E-Auto-Absatz steigt stark

Mit einer im wahrsten Sinne Brandrede appelliert Markenchef Thomas Schäfer an Management und Mitarbeiter. Die Strukturen und Prozesse seien zu kompliziert, zu langsam, zu unflexibel, die Kosten liefen zu hoch. Er stellte das Personal auf "harte Wochen" ein. Immerhin steigerte man den Absatz von E-Fahrzeugen um 50 Prozent.

Legen zu, aber noch immer auf niedrigem Niveau: Die VW ID.Modelle vor der gläsernen Manufaktur in Dresden. | Foto: Volkswagen
Legen zu, aber noch immer auf niedrigem Niveau: Die VW ID.Modelle vor der gläsernen Manufaktur in Dresden. | Foto: Volkswagen
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Johannes Reichel

Mit einem dramatischen Appell hat sich VW-Markenchef Thomas Schäfer an sein Managment jüngst gewandt. Der Dachstuhl stehe "lichterloh in Flammen" ("roof is on fire"), die Kosten würden an vielen Stellen zu hoch laufen und die Konkurrenz im gleichen Segment teil zwei bis drei Mal so viel verdienen. Im Bezug auf Elektrofahrzeuge werden immer wieder der kalifornische Pionier Tesla sowie BYD aus China angeführt als Referenzen in Sachen Kosten.

"Unsere Strukturen und Prozesse sind immer noch zu kompliziert, zu langsam, zu unflexibel. Wir stellen vielerorts fest, dass es jetzt schwierig ist, die nächsten Schritte zu unternehmen und wirklich zum Kern der Sache vorzudringen", konstatierte der VW-Chef laut einem Bericht des Manager Magazins. Doch das werde man jetzt tun. Man müsse die Marke "zukunftssicher machen", so Schäfer.

Delikat ist die Situation auch durch das sich abzeichnende Abflauen der E-Auto-Nachfrage, das auch mit dem Rückgang der E-Autokaufprämie zusammenhängen dürfte: Zwar arbeitet der Konzern noch Aufträge aus dem vergangenen Jahr ab, doch im Elektroautowerk Emden, das mit dem ID.4 und bald dem ID.7 wichtige Modelle fertigt, werden die Werksferien verlängert, eine Schicht gestrichen, die Verträge von Leiharbeitern laufen aus. Im September dräut zudem noch das Auslaufen der Prämie für Flottenkunden, ein für VW traditionell wichtiger Markt.

Ein rigider Sparkurs soll nun helfen, um die eigenen Margenziele von 6,5 Prozent Rendite für 2026 bei der Kernmarke noch zu erreichen. Derzeit dümpelt man bei drei Prozent. Auch Markenfinanzchef Patrik Andreas Mayer hatte bei der digitalen Management-Information konstatiert, dass ohne das China- und Teilegeschäft („Aftersales“) kaum noch Gewinn bleibe. Und resümiert: „Unser Fahrzeuggeschäft ist krank“.

Zuletzt kam dazu passend die Meldung, dass die Rabattschlacht auf dem chinesischen Auto-Markt beim VW-Absatz tiefe Bremsspuren hinterlässt. Nach starkem Plus im Mai seien im Juni die Auslieferungen um 14,5 Prozent eingebrochen, auch deshalb so signifikant, weil im Juni vergangenen Jahres besonders viele Fahrzeuge geliefert wurden, wie ein Sprecher erklärte. Chinas Regierung hatte mit Steuererleichterungen tüchtig nachgeholfen. Auch in Nordamerika fiel das Verkaufsplus mit 5,7 Prozent moderater aus, in Südamerika stagniert der Absatz. In Westeuropa hält sich der Konzern noch am besten und verbesserte seinen Absatz um 30 Prozent.

Die Stromer gewinnen Anteile im Portfolio

Immerhin: Der Anteil verschiebt sich hin zu den Stromern. Denn weltweit setzte Volkswagen mit 321.600 Exemplaren im ersten Halbjahr 48 Prozent mehr E-Modelle ab als vorher. Rund 68 Prozent der BEV-Auslieferungen des Konzerns entfielen auf seine Heimatregion Europa, gefolgt von China mit 19 Prozent und den USA mit neun Prozent. Vier Prozent gingen in andere Märkte. Der BEV-Anteil an den Gesamtauslieferungen stieg demnach auf 7,4 Prozent, nachdem er in den ersten sechs Monaten des Vorjahres bei 5,6 Prozent gelegen hatte. Die größten Zuwächse erzielte der Konzern in Europa, wo die Auslieferungen um 68 Prozent auf 217.100 BEVs stiegen. Hier sei die Volkswagen Group Marktführer und gewinne Marktanteile hinzu, vermelden die Wolfsburger. Auch in den USA nahmen deutlich mehr Kunden einer Konzernmarke ihre vollelektrischen Fahrzeuge in Empfang. Der Zuwachs betrug hier 76 Prozent auf 29.800 Fahrzeuge. Auch in China legt man zu, auf relativ niedrigem Niveau in Relation zu BYD und Tesla zu: Im zweiten Quartal schlug man mit 41.000 Exemplaren 18 Prozent mehr los, nach sechs Monaten sind es nun 62.400 E-Autos, allerdings zwei Prozent unter Vorjahr.

„Mit einer Steigerung der vollelektrischen Auslieferungen im ersten Halbjahr um rund 50 Prozent setzt die Volkswagen Group ihre Transformation konsequent fort. Wir sind Marktführer in Europa in diesem Segment und haben Marktanteile hinzugewonnen. Seit Mai verzeichnen wir hier wieder einen verbesserten Trend bei den Auftragseingängen, nachdem zu Jahresbeginn aufgrund reduzierter Förderprogramme, zeitweise langer Wartezeiten und hoher Inflation eine gewisse Zurückhaltung bei unseren Kunden zu spüren war. Angesichts zuletzt deutlich verkürzter Lieferzeiten gehen wir davon aus, dass sich diese positive Entwicklung in den kommenden Monaten verstetigt", interpretierte Konzern-Vertriebschefin Hildegard Wortmann die Situation halbwegs positiv.

Die Marke Volkswagen Pkw lieferte demnach bis Ende Juni mit 164.800 Fahrzeugen etwas mehr als die Hälfte aller BEVs des Konzerns aus. Es folgten Audi mit 75.600 Fahrzeugen (Konzern-Anteil 24 Prozent), ŠKODA mit 31.300 Fahrzeugen (Konzern-Anteil 10 Prozent), SEAT/CUPRA mit 18.900 Fahrzeugen (Konzern-Anteil 6 Prozent), Porsche mit 18.000 Fahrzeugen (Konzern-Anteil 6 Prozent) und Volkswagen Nutzfahrzeuge mit 12.300 Fahrzeugen (Konzern-Anteil 4 Prozent). Die erfolgreichsten BEV-Modelle im ersten Halbjahr 2023 waren:

  • Volkswagen ID.4/ID.5 (101.200)
  • Volkswagen ID.3 (49.800)
  • Audi Q4 e-tron (inkl. Sportback, 48.000)
  • ŠKODA Enyaq iV (inkl. Coupé, 31.300)
  • Audi Q8 e-tron (inkl. Sportback, 19.500).

Im Falle Chinas heißt der maue Zuwachs auch, dass man schlechter abschnitt als der gesamte E-Auto-Markt im Reich der Mitte, der um 20 Prozent wuchs und deutlich von BYD angeführt wird. Offenbar leiden selbst die heimischen Marken wie BAIC oder SAIC unter den Rabattschlachten, wie DPA unter Berufung auf Mercedes-Vertreter berichtete. China-Chef Ralf Brandstätter sprach von einem "ungesunden Wettbewerbsumfeld" und hält sich mit Volkswagen bis auf temporäre Nachlässe weitgehend raus bei Rabatten. Zuletzt unternahmen 16 Hersteller auf Initiative des Branchenverbands CAAM den Versuch, die Preisschlacht einzudämmen, die für alle ruinös ist - außer für die Kunden.

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