VW-Chef Diess fordert Konjunktur-Programm für alle Antriebe

Während VW die Werke neu startet, erhebt Konzernchef Herbert Diess die Forderung nach einem Konjunktur-Programm für die Autobranche, unabhängig von der Antriebsart. Eine erstaunliche Wandlung.

Neustart: Im Werk Wolfsburg lief der Betrieb jetzt langsam wieder an, im Beisein des niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil sowie VW-Konzernchef Herbert Diess (2.v.l.). | Foto: VW
Neustart: Im Werk Wolfsburg lief der Betrieb jetzt langsam wieder an, im Beisein des niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil sowie VW-Konzernchef Herbert Diess (2.v.l.). | Foto: VW
Johannes Reichel

Volkswagen-Konzern-Chef Herbert Diess hat seine Forderung nach einem Konjunkturprogramm für die Autobranche erneuert. Im Interview mit den ARD-Tagesthemen äußerte er, das Auto stelle die beste Möglichkeit dar, die Wirtschaft anzukurbeln.

"Wir brauchen dringend ein Konjunkturprogramm für die Autoindustrie", erklärte der VW-Chef Herbert Diess.

Deutschland sei ein Autoland, unterstrich er. Der große Effekt liege nach seinem Dafürhalten daran, dass eine "Bestellkette losgeht, sobald der Kunde in den Handelsbetrieb kommt." Das sichere Arbeitsplätze beim Handel, beim Hersteller und beim Zulieferer, warb der VW-Boss. Andere Branchen wie die Gastronomie oder der Tourismus seien derzeit vielleicht stärker betroffen. "Das Auto hat aber einen größeren Effekt", glaubt Diess.

VW-Chef sieht auch mit neuen Verbrennern Effekt für die Umwelt

Zumal er diesen auch für die Umwelt sieht: Die heutigen Fahrzeuge, Diesel und Benziner, lägen im Schnitt bei 100 g CO2/km, vor zehn Jahren seien es noch 150 g CO2/km gewesen. Man mache 30 Prozent Fortschritt beim Verbrauch und reduziere auch die anderen Emissionen wie Feinstaub und Stickoxide um den Faktor fünf respektive Faktor zehn. Auf die Frage, ob man nicht nur und gezielt umweltfreundliche Fahrzeuge fördern solle, meinte Diess, diese Programme gebe es ja bereits und wenn man über die konventionellen Antriebe könne man einen größeren Breiteneffekt erzielen. 

Die Senkung der Mehrwertsteuer, um dem Konsum Impulse zu verleihen, hält Diess dagegen für ineffizient: "Das ist eine relativ teure Maßnahme. Die Senkung der Mehrwertsteuer um ein Prozent kostet zehn oder elf Milliarden Euro", so Diess wörtlich. Er versicherte, VW wolle die Krise ohne Staatshilfen überstehen. "Wir kommen zunächst ohne Staatshilfen aus." Es müsse in solch einer Krise aber erlaubt sein, Kurzarbeitergeld zu beanspruchen. Das sei eine Versicherungsleistung und der Konzern habe in den vergangenen zehn Jahren vier Milliarden Euro in die Kassen eingezahlt.

Trotz Kurzarbeit: Diess verteidigt Mitarbeiterprämien und Dividenden

Die Dividenden und Prämienzahlungen verteidigte Diess und meinte, dies seien vertraglich zugesicherte Leistungen für ein erfolgreiches Geschäftsjahr 2019, bei denen man sich gut überlegen müsse, ob man sie aussetzt. Zudem gingen viele Prämienzahlungen neben den Aktionären auch an die Mitarbeiter, zudem an das Land Niedersachsen als Anteilseigner. Dessen Ministerpräsident Stephan Weil hatte vor kurzem noch eine Prämie ins Spiel gebracht.

"Vor allem der Umstieg auf umweltfreundliche Antriebe kann damit wesentlich beschleunigt und die Automobilindustrie im Strukturwandel unterstützt werden", hatte der SPD-Politiker Mitte April in der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" erklärt.

Zuletzt hatte sich Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) für eine Innovationsprämie zur Modernisierung in gewerblichen Fuhrparks etwa von Pflegediensten ausgesprochen. Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter signalisierte, er könne sich eine Umweltprämie für klimafreundliche Antriebe vorstellen, meinte damit aber dezidiert "vernünftige Hybride oder Nullemissionsautos". Und Traton-Chef Andreas Renschler wiederum hatte eine Investitionshilfe für Spediteure zur Anschaffung neuer Lkw angemahnt.

Die Produktion bei VW werde in den nächsten Wochen wieder hochgefahren, avisierte Diess. Jüngst lief die Fertigung im Stammwerk Wolfsburg für den Golf wieder an. Mit Kleinserien fahre man derzeit bei etwa 15 Prozent der Kapazität, die man jetzt sukzessive steigern wolle. Es gebe Zusagen auch aus Italien, dass selbst kritische Zulieferungen funktionieren werden.

Was bedeutet das?

Ein Schelm, wer böses dabei denkt - aber kann es sein, dass VW-Chef Diess deshalbt so mauert, weil Volkswagen im Moment überhaupt keine Vollelektrofahrzeuge in nennenswerter, sprich für die Flottengrenzwerte relevanter Größe liefern könnte? Der e-Golf, gerade ausgelaufen. Der ID.3? Kommt nicht so schnell aus den Puschen. Der VW eUp? Macht nicht die großen Stückzahlen. Bleiben nur die Plug-in-Hybride, deren Sinnhaftigkeit von der Nutzer-Moral abhängig ist und die VW "wie geschnitten Brot" verkauft, wie jüngste Zahlen zum PHEV-Markt zeigen. Und die werden ja bereits sehr zum Gefallen und Gewinn der deutschen Premium-Anbieter gefördert, per Umweltprämie und per Steuervorteil. Außerdem weiß Diess natürlich: Die Wertschöpfung ist bei Verbrenner-Modellen einfach unschlagbar, quer durch die komplette Produktionskette. Stromer haben zudem eine schwache Marge.

Insofern ist es aus Sicht des VW-Bosses verständlich, wenn er sich auch von mehreren Nachfragen des Tagesthemen-Moderators Ingo Zamperoni nicht zu der Aussage hinreißen lässt, er wolle eine Prämie ausschließlich für emissionsarme oder emissionsfreie und besonders umweltfreundliche Fahrzeuge.

Nein, er will und der Konzern braucht diesen Vitalitätsspritze wenn dann in der ganzen Breite des sicher nicht schlechten, aber eben doch großteils konventionell angetriebenen Sortiments.

Ob ein brandneuer Golf so entscheidend sparsamer ist als ein zehn Jahre alter und das Klima wirklich so viel davon hat, sei mal dahingestellt. Und von Erdgas war hier sowieso keine Rede mehr, das hat Diess ja ohnehin auf die Streichliste gesetzt.

Trotzdem: In der Corona-Krise hat der VW-Chef eine erstaunliche Wandlung hingelegt - vom Elektro-Einpeitscher und Antreiber hin zum Verbrenner-Befürworter fast alter Schule, möchte man sagen, dem in der Not das Hemd dann eben doch näher ist als der Frack. Wobei die Not so groß nicht sein kann, wenn man Dividenden und Mitarbeiterprämien bezahlen will, obwohl der Konzern üppig vom Instrument der Kurzarbeit Gebrauch machte. Diese Argumentation hinkt zumindest.

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