Volvo erprobt Assistenzsysteme mit "mixed reality"-Technologie

Mit Gamingspezialist Varjo erprobt man Mixed-Reality-Konzepte, um Assistenzsysteme in brenzligen Situationen ohne Risiko und zu niedrigen Kosten zu simulieren. Mittels Teslasuit werden Bauteile und Systeme fühl- und erfahrbar. VM sprach mit Innovationsleiter Thimmy Ghiurau.

Gut simuliert, ist halb erprobt: Wie sich mit Hilfe von Gaming-Technologien Sicherheitssysteme teilvirtuell optimieren lassen, das erprobt Volvo derzeit mit Varjo. | Foto: Volvo Cars
Gut simuliert, ist halb erprobt: Wie sich mit Hilfe von Gaming-Technologien Sicherheitssysteme teilvirtuell optimieren lassen, das erprobt Volvo derzeit mit Varjo. | Foto: Volvo Cars
Johannes Reichel

Der schwedische Automobilhersteller Volvo Cars, eine Tochter des chinesischen Geely-Konzerns, erprobt in Zusammenarbeit mit Varjo, einem finnischen Hersteller hochwertiger und hochauflösender Augmented-Reality-Headsets, den weltweit erste Mixed-Reality-Ansatz, um Prototypen, Designs und aktive Sicherheitssysteme zu optimieren und zu kalibrieren. Dabei setzt der Hersteller auch auf die aus der Computerspiele-Entwicklung bekannte sogenannte Unity-3D-Modellierung, um Sicherheitsfeatures noch schneller zur Serienreife entwickeln zu können. Vor allem die HD-VR-Brillen hätten hier neue Möglichkeiten geschaffen, wie Innovationsleiter Timmy Ghiurau im Gespräch mit VM erklärt. Er spricht auch vom "ultimativen Fahrsimulator", mit dem sich die Grenzen zwischen virtueller und realer Welt auflösen lassen.

Als erster Automobilhersteller hatten die Schweden mit Varjo bereits im vergangenen Jahr demonstriert, dass sich ein reales Fahrzeug mit einem Mixed-Reality-Headset fahren lässt. Diese Zusammenarbeit wurde nun auf Unity und Teslasuit, Hersteller haptischer Ganzkörperanzüge, ausgeweitet. Dadurch könne man authentische menschliche Reaktionen in einer sicheren Umgebung und zu einem Bruchteil der Kosten eines echten Tests untersuchen, wirbt der Hersteller für das Verfahren.

Notbremssysteme ohne Risiko testen

Basis dafür bildet eine leistungsfähige Gaming-Hardware aus einem hochbeweglichen Fahrersitz, einem Lenkrad mit haptischem Feedback und einer hochauflösenden kristallklar darstellenden HD-Brille. Wie man bei einer Live-Web-Präsentation vorführte, lassen sich damit etwa die Feinabstimmung von Lidar-Sensoren beim Auftauchen von Hindernissen wie einem entgegenkommenden Fahrzeug oder einem auf die Fahrbahn laufenden Großwild vornehmen. Dabei werden in einem real fahrenden, mit komplexer Messtechnik ausgerüsteten Fahrzeug virtuelle Objekte eingeblendet, auf die die Systeme dann reagieren. Die Feinjustage kann dann sukzessive am Rechner erfolgen. Überhaupt sind Notbremssysteme eines der wichtigsten, unter Realbedingungen aber auch am schwersten und aufwändigsten zu testenden Anwendungsfälle.
 

Auch das haptische und mechanische Erlebnis soll mit Hilfe eines Teslasuit für die Tester risikolos nachempfunden werden können. Sogar einzelne Bauteile wie etwa Türgriffe oder andere Bedienkomponenten lassen sich mit den virtuellen Tools leichter erproben und schneller entwickeln, wo man früher aufwändig modellieren oder Testsszenarien kreiieren oder Millionen von Kilometern abspulen musste, wirbt Ghiurau für das neue Verfahren.

"Die Kooperation mit Firmen wie Varjo, Uniti und Teslasuit hat uns ermöglichts, so viele Szenarios zu testen, die sich real anfühlen und real wirken, ohne irgendetwas physisches aufbauen zu müssen", schwärmt auch sein Chef  Casper Wickman, seines Zeichens Senior leader of User Experience in Volvo’s "Open Innovation Arena".

Ende der Blechlawine: Deutlich weniger Versuchsfahrzeuge

Zudem verweist man auf die deutlich niedrigeren Kosten im Vergleich zum reinen Realtest sowie die quasi unendliche Reproduzierbarkeit von Situationen und Versuchsanordnungen. Im Gegensatz zu bisherigen Testprozederes seien auch deutlich weniger Crash- und Versuchsfahrzeuge nötig, um die Systeme zu prüfen. Die Methodik habe also auch einen Nachhaltigkeitsaspekt, wie Ghiurau betont. Unter dem Strich könne man eine authentische menschliche Reaktion in einer sicheren Umgebung und zu einem Bruchteil der Kosten überprüfen.

Besondere Aufmerksamkeit erfährt auch der bei automatisierten Fahrsystemen vorgesehene Vorgang der Rückgabe der Verantwortung an den Fahrer im Falle von unvorhergesehenen Vorkommnissen auf der Strecke. Beim "taking back control" gehe es darum, das richtige Maß zu finden, ohne den Fahrer in Panik zu versetzen und eine kontraproduktive Reaktion hervorzurufen, erklärte ein verantwortlicher Ingenieur. Der Vorgang müsse also wohldosiert und mit gut abgestimmten Warnhinweisen passieren. So prüfe man etwa diverse Sounds und optische Signale unter virtuellen Bedingungen.

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