Volkswagen-Strategie: "Auch Verbrenner werden noch gebraucht"

Bei der Vorstellung der neuen Strategie geht es zwar viel um Elektromobilität. Doch daneben hält der Konzern auch am Verbrenner und Plug-in-Hybriden fest und will kein festes Ausstiegsdatum nennen.

Für bestimmte Zeit will VW-Markenchef Ralf Brandstätter noch auf Verbrenner setzen - und sie als Plug-in-Hybride bis 100 Kilometer elektrisch flott machen. | Foto: VW
Für bestimmte Zeit will VW-Markenchef Ralf Brandstätter noch auf Verbrenner setzen - und sie als Plug-in-Hybride bis 100 Kilometer elektrisch flott machen. | Foto: VW
Johannes Reichel

Trotz der Vorstellung der bereits übernächsten Elektro-Plattform Trinity und seines Transformationsprogramms "Accelerate 2030" hält der Volkswagen-Konzern auch Verbrenner-Modelle sowie Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge noch eine Weile für unabdingbar. Bei der Strategie soll sich der Anteil der E-Fahrzeuge bis 2030 zwar jetzt in Europa auf 70 Prozent verdoppeln, im Vergleich zur bisher angepeilten Quote. In China und den USA soll bis 2030 eine Elektro-Quote von 50 Prozent erreicht werden. Dabei soll nicht zuletzt ein auf 2025 vorgezogenes Einstiegsmodell der 20.000-Euro-Klasse unterhalb des ID.3 sorgen. An weiteren reinen BEVs startet in der ersten Hälfte 2021 der allradgetriebene ID.4 GTX, gefolgt in der zweiten Jahreshälfte vom sportlicher orientierten ID.5. Im Herbst soll mit dem ID.6 X / CROZZ, ein siebensitziges Elektro-SUV für den chinesischen Markt folgen.

Dennoch behalten die Wolfsburger den Verbrenner im Blick und legen sich nicht auf ein festes Ausstiegsdatum aus der fossilen Technologie fest, anders als etwa Ford oder General Motors, die zumindest formal ein Ende des Verbrenners proklamierten, teils aber mit Ausnahmen wie bei schweren Pick-ups.

"Wir brauchen den Verbrenner noch auf bestimmte Zeit, aber so effizient wie möglich", formulierte VW-Marken-Chef Ralf Brandstätter.

So sollen etwa Golf, Passat, Tiguan, Tayron und T-Roc allesamt als "Weltautos" noch Nachfolger erhalten und auch an der umstrittenen Plug-in-Hybrid-Technologie will man hier festhalten. Dann sollen aber die elektrischen Reichweiten auf bis zu 100 Kilometer steigen, verspricht der CEO.

Brandstätter glaubt grundsätzlich, dass der Wandel zur Elektromobilität erst der Anfang eines harten Ausleseprozesses in der Autoindustrie sei, die Digitalisierung von Produkten und Geschäftsmodellen stehe bevor. „Von allen großen Herstellern hat Volkswagen die besten Chancen, das Rennen zu gewinnen. Während Wettbewerber noch mitten in der Elektro-Transformation stecken, gehen wir mit großen Schritten in Richtung digitale Transformation“, meint der CEO.

Was bedeutet das?

Die VW-Strategie bleibt ambivalent: Bei dem ganzen Wirbel um Accelerate 2030 und Trinity geriet fast ein wenig in den Hintergrund, dass der VW-Konzern auch für die Verbrennermodelle Golf & Co Nachfolger plant. Wenn man sich das über die Zeitschiene legt, ist man dann bei einem Lebenszyklus von 10 bis 15 Jahren und einem Golf 9, der Mitte der 20er-Jahre erscheint, schon bei Laufzeiten weit in den 2030er-Jahren. Aus Klimasicht ginge dieser Umstieg bei Weitem zu langsam von statten.

Und aus Kundensicht stellt sich die Frage: Wenn ich heute schon ein alltags- und urlaubstaugliches Elektromodell wie den ID.3 oder ID.4 bekomme, wozu soll ich dann noch einen nicht weniger teuren Plug-in-Hybriden mit "altmodischem" Verbrenner kaufen, der mir etliche Nachteile einbrockt, wie auf Langstrecke hohe Benzin-Verbräuche, das hohe Gewicht, die hohen Betriebs- und Wartungskosten. Denkt man sich dann noch einen zunehmend rasanten Ausbau der Ladeinfrastruktur öffentlich wie privat sowie günstigere Fahrstrompreise und weiter sinkende Unterhaltskosten hinzu, besteht bald schlicht keine Notwendigkeit mehr, einen so gar nicht zukunftssicheren Verbrenner zu fahren. Da muss man noch nicht mal ökologisch, sondern "nur" ökonomisch denken.

Kann gut sein, dass die Nachfrage Volkswagen "rechts" überholt - und die Verbrenner viel schneller zu Ladenhütern werden, als man das in Wolfsburg derzeit annimmt. Da wirkt die Strategie "Vollgas elektrisch, aber mit Notbremse" zumindest zwiespältig, wenn nicht im Antriebswendejahr 2021 gar etwas verzagt und "halbquer" zu Konzernchef Herbert Diess Ansage "Alles auf elektrisch". Bekommt man in Wolfsburg Angst vor der eigenen Courage?

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