Volkswagen sieht Software als Schlüsselfaktor

Software als Kernkompetenz: Der VW-Konzern unterstreicht seine Ambitionen, digital zu Tesla aufschließen zu wollen. Demnächst lassen sich Updates auch per mobilen Daten aufspielen.

Lasst uns reden: Bei seinem eigenen "Innovation Talk" machte der VW-Konzern mächtig Werbung für die eigenen Digitalisierungsbemühungen. | Foto: VW
Lasst uns reden: Bei seinem eigenen "Innovation Talk" machte der VW-Konzern mächtig Werbung für die eigenen Digitalisierungsbemühungen. | Foto: VW
Johannes Reichel

Mit einem Bekenntnis zur Bedeutung der Software im Fahrzeug hat der Volkswagen-Konzern bei einer eigenen Web-Veranstaltung "Innovation Talk" seine Ambitionen in Sachen Digitalisierung unterstrichen und will schneller auf dem Weg der Transformation vorankommen.Software ermögliche an Bord von Fahrzeugen innovative Funktionen und eröffne neue Möglichkeiten, zeigt sich der Hersteller überzeugt. Man sehe Software als "neuen Faktor der Wettbewerbsdifferenzierung und der Wertschöpfung" und als Kernkompetenz der Marke. Wie einst die Demokratisierung der Mobilität mit Welterfolgen wie dem Käfer und Golf gehöre heute die Software-Entwicklung zur Volkswagen DNA. Ralf Brandstätter, Chief Executive Officer der Marke Volkswagen Pkw, misst dem Thema Software höchsten Stellenwert bei.

„Der wahre Gamechanger ist die Digitalisierung. Elektrifizierung, softwaredefinierte Produkte, neue Geschäftsmodelle und autonomes Fahren – diese vier großen Kräfte treiben die künftige Entwicklung von Fahrzeugen", glaubt Brandstätter.  

Mit der neuen Strategie wolle man der Marke jetzt einen weiteren Schub geben. Auch Thomas Ulbrich, Markenvorstand für die Geschäftsbereiche Forschung & Entwicklung sieht "Software als Schlüssel zur Zukunft" und gibt dem Thema Priorität. Für Klaus Zellmer, Markenvorstand für die Geschäftsbereiche Vertrieb, Marke-ting und After Sales verbinde man damit das Beste aus zwei Welten: sichere Hardware und intelligente Software.

Man will zudem ein Portal zu neuen Business-Modellen eröffnen, unter der Dachmarke „Volkswagen We“ gebündelt. Thomas Ulbrich verweist auf das schon heute verfügbare ‚WeShare‘ zum Leihen elektrischer Modelle, zum Beispiel in Berlin und Hamburg oder ‚WeCharge‘ für Ladeprozesse an mehr als 200.000 Ladesäulen in Europa.

Software soll Durchbruch beim automatisierten Fahrzeugen bringen

Die neue Software- und Elektronik-Architektur werde mittelfristig den Durchbruch des automatisierten Fahrens und damit ein neues Komfort- und Sicherheitsniveau ermöglichen, ist man sich in Wolfsburg sicher. Sukzessive will man definierte Szenarien wie das Fahren auf der Autobahn immer weiter automatisieren. Mittelfristig soll die Automatisierung mit künftigen Fahrzeugprojekten wie dem für das Jahr 2026 projektierten Trinity hochfahren. Die Skala wird im Lauf der Jahre vom Level 3 (hochautomatisiertes Fahren; der Fahrer muss nicht mehr dauerhaft überwachen, aber potenziell in der Lage sein, einzugreifen) bis hin zum Level 4 reichen (vollautomatisiertes Fahren; im spezifischen Anwendungsfall ist kein Fahrer erforderlich). Langfristig werde darüber hinaus auch der Automatisie-rungsgrad Level 5 (vom Start bis zum Ziel ohne aktiven Fahrer) umgesetzt werden, ist man sich sicher. Einen Ausblick darauf wollte man mit der Gran-Turismo-Studie ID.VIZZION geben.

Projekthaus Software mit agilen Methoden

Konzipiert wird die Software innerhalb des eigenen Entwicklungszentrums in einem so genannten Projekthaus. Die Teams arbeiten dort ähnlich agil wie bei einem reinen Tech-Unternehmen, wirbt der Hersteller. Die Prozesse sollen komplett synchron laufen, wie in der Software-Entwicklung üblich und sie sollen künftig weitere Bereiche der Entwicklung beeinflussen und die Art und Weise verändern, wie kommende neue Volkswagen entwickelt würden. Thomas Ulbrich glaubt, mit dem Projekthaus werde die Geschwindigkeit und Qualität der Software-Entwicklung gesteigert und gleichzeitig die Komplexität der Prozesse reduziert. Er verweist auf flache Hierarchien und damit schnelle, funktionsorientierte Entscheidungsprozesse.

"Es ist ein Modell, das wir auch auf andere Bereiche der Entwicklung übertragen werden“, so Ulbrich.

Die aktuell am höchsten entwickelte Elektronik- und Software-Architektur kommt in der neuen ID. Family zum Einsatz. Sie nennt sich E3, was für End-to-End-Elektronik-Architektur steht. Ihr Herz bilden zwei vernetzte Hochleistungsrechner: ICAS1 undICAS3, ICAS ist die Abkürzung für In Car Application Server. Die Aufgaben, die ICAS1 und ICAS3 abarbeiten, waren und sind in konventionellen Autos auf sehr viele kleinere Rechner – die lokalen Steuergeräte – verteilt. Die ICAS-Module sollen die Leistungsfähigkeit der Hard- und Software auf ein neues Niveau heben. Für die Intelligenz des Systems ist eine neue ID. Software zuständig. Der ID.3 ist im Zeitfenster seiner Markteinführung mit der ID. Software 1.0 gestartet, Ende 2020 folgte die Version 2.0. Aktuell würden alle ID. Modelle mit der ID. Software 2.1 ausgeliefert. Die "sehr früh" produzierten ID.3 erhielten den aktuellsten Software-Stand per Werkstatt-Flash, so das Versprechen.

Aus der Luft gegriffen: Updates over the Air - auch mobil

Die künftigen Over-the-Air-Updates spiegelten einen Paradigmenwechsel in der automobilen Welt wider. Die Fahrzeuge holen sich das neueste Update per mobiler Datenverbindung an Bord. Alle Versionen blieben damit stets auf dem aktuellsten Software-Stand und könnten neue Funktionen aufgespielt bekommen. Die geplanten Over-the-Air-Updates der nächsten Generation erlaubten es erstmals bei der Marke, die Software-Architektur per mobiler Datenverbindung zu aktualisieren.

Höheres Sicherheitsniveau: Car2X & Co

Durch den Einsatz smarter Software und Elektronik hebe man auch die Sicherheit seiner Modelle auf ein neues Niveau. Ein Beispiel dafür sei die erstmals mit dem aktuellen Golf eingeführte serienmäßige Car2X-Kommunikation. Das neue System ist auch in den ID. Modellen an Bord. Die Car2X-Kommunikation nutzt die Iformationen anderer Fahrzeuge (mit Car2X-Funktion) im Umfeld von bis zu 800 Metern sowie Signale der Verkehrsinfrastruktur, um den Fahrer deut-lich früher als zuvor möglich vor Gefahren zu warnen und diese Warnungen auch an andere entsprechend ausgestattete Modelle weiterzuleiten.

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