Volkswagen „New Auto“: Die Strategie bis 2030

Eben erst wurde der Vertrag von VW-Chef Herbert Diess als CEO der Volkswagen-Gruppe bis 2025 verlängert, jetzt hat er seine Konzernplanung bis 2030 präsentiert.

Unter dem Titel "New Auto" stellte Konzernchef Diess seine Planungen bis 2030 vor. | Foto: Volkswagen
Unter dem Titel "New Auto" stellte Konzernchef Diess seine Planungen bis 2030 vor. | Foto: Volkswagen
Gregor Soller

Herbert Diess gehört zu den ehrgeizigsten CEOs der Fahrzeugindustrie und bleibt entsprechend „auf dem Gas“, zeigte sich aber auf der Pressekonferenz sichtlich gelöst und skizzierte in Mitten der Journalisten, die er nach Wolfsburg lud, seine Zukunftspläne für den Konzern bis 2030. Er nannte sie „New Auto“:

 

„Weil das Auto hier ist, um zu bleiben"

so die trotzige Ansage des Konzernlenkers, womit er Recht behalten dürfte, auch wenn VW an alternativen Mobilitätsdiensten feilt, die künftig auch wichtiger werden. Denn Diess geht davon aus, dass auch 2030 „das Gros der Fahrzeuge individuell genutzt“ wird – und wirft hier die Zahl 85 Prozent des Verkehrs in den Raum, die er auch 2030 als „Kerngeschäft“ sieht.

Trotzdem sei es an der Zeit sich neu zu erfinden. Dazu gehört nach Diess Meinung auch das Sammeln von Daten, was Tesla bereits tut: Die Kalifornier hätten eine Million Fahrzeuge im Feld – hier will Diess bis 2030 mit bis zu 40 Millionen Fahrzeugen über alle Konzernmarken hinweg kontern. Und dazu eine eigene Software-Plattform des Konzerns nutzen. Deshalb treibt Diess auch das autonome fahren und Shuttle-Dienste weiter, für mehr Sicherheit und geringere Lohnkosten. Und differenziert sich damit von BMW und Mercedes-Benz, wo man die Sharing-Angebote derzeit eher zurückfährt.

Elektro gehört die Zukunft: Künftig auf einer einzigen „Super-Plattform“, SSP genannt

Basis von all dem ist natürlich auch bei VW die Elektrifizierung der Flotte: 2030 soll die Hälfte aller Konzernmodelle weltweit rein elektrisch fahren, 2040 will VW in den Hauptmärkten auf fast 100 Prozent kommen. womit sich Diess immer eine Hintertür für den Verbrenner offenhält. Und in dem Zusammenhang plant er die neue Super-Einheitsplattform, „Scalable Size Platform“ (SSP) genannt, die ab 2026 über alle Marken und Baureihen vom Kleinwagen bis zum Oberklasse-SUV ausgerollt werden soll. Sie soll die Elektro-Plattformen MEB und PPE zusammenführen und sukzessive ersetzen. Audi-Chef Markus Duesmann, der im Konzernvorstand zugleich für Forschung und Entwicklung zuständig ist, hat auch hier optimistische Ziele:

„Bis Ende des Jahrzehnts haben wir die SSP über alle Marken ausgerollt."

Gleichzeitig soll die Zahl der Verbrenner bis 2030 um 60 Prozent sinken. Diess rechnet damit, dass diese Antriebsform ab 2025 massiv unter Druck gerate:

„Der Verbrenner-Markt wird in den kommenden zehn Jahren um mehr als 20 Prozent zurückgehen."

Trotzdem wird die Technik Standbein bleiben und weiterentwickelt. Ab 2024 werde man aber entsprechend der Annahmen die Entwicklung für Verbrenner deutlich zurückfahren. Bis dahin soll auch die Rendite der Stromer die der Verbrenner erreichen. Interessant auch: VW will dabei den eigenen Wertschöpfungsanteil am Auto wieder erhöhen, wozu auch eine eigene Batteriefertigung entstehen soll: Bis 2030 sollen allein in Europa sechs Akkufabriken entstehen.

Software soll die neue Kernkompetenz werden.

Doch Diess denkt bereits weiter: Er will perspektivisch die Software zur neuen Kernkompetenz des Konzerns machen und damit auch das autonome Fahren samt Auswertung der Daten. Auch hier soll es eine einheitliche Softwarearchitektur für den Konzern geben, welche die neue Tochter Cariad entwickelt. Erstmals eingesetzt werden soll sie ab 2025 beim Artemis-Modell von Audi, 2026 dann beim davon abgeleiteten Trinity-Modell von VW. Audi plant mit den „Spehre“-Modellen auch konkret Richtung Level 4, das ebenfalls groß ausgerollt werden soll. Auch hier war Diess optimistisch:

„2026 sollten wir in Europa Level 4 fahren, etwas später auch in Amerika"

Wobei Artemis und Trinity erstmal für Level 4 „vorgerüstet“ sein sollen, falls es wieder Gesetzeshürden gibt, um die Software gegebenenfalls später nachzurüsten oder freizuschalten. Womit Diess auch das Geschäftsmodell ändern möchte:  Statt nur mit dem Verkauf von Fahrzeugen soll auch mit Software, Updates und Zusatzdiensten Geld verdient werden und das über die gesamte Nutzungsdauer der Fahrzeuge. Einen Ansatz, den auch Ford schon genau so kommuniziert hat.

Autonom fahren (lassen) ab sieben Euro pro Stunde

 

Cariad-Chef Dirk Hilgenberg geht in dem Zusammenhang davon aus, dass Software  auf Basis des autonomen Fahrens eine bedeutende Einnahmequelle in der Branche werden kann. Wozu VW auch gleich mal gerechnet hat: Autonomes Fahren könne man stundenweise für rund sieben Euro pro Stunde freischalten. Dafür biete die neue Cariad-Konzern-Software die Grundlage. Allerdings stellt sich VW hier breiter auf: Neben Cariad arbeitet auch das bei VW Nutzfahrzeuge angesiedelte Gemeinschaftsprojekt Argo AI mit Ford am Thema, wobei man hier den kommerziellen Aspekt in der Nutzfahrzeuganwendung fokussiert. Erstmals in der Praxis eingesetzt werden soll das ab 2025 beim ID.Buzz, voraussichtlich mit der Tochter Moia in Hamburg. Dann soll der konzerneigene Mobilitätsdienstleister Moia selbstfahrende E-Bullis in Dienst stellen. VWN-Technikchef Christian Senger ist sich sicher:

 

„Der Volkswagen-Konzern will in diesem wichtigen Zusatzgeschäft eine hohen Marktanteil erreichen und zusätzliche Einnahmequellen erschließen."

Aber auch die CO2-Reduktion soll weitergehen: Bis 2040 sollen die neuen Modelle kein CO2 mehr an die Atmosphäre abgeben, die gesamte weltweite Produktion soll bis 2050 klimaneutral sein.

Was bedeutet das?

 

VW möchte mit einer doppelten Transformation – Elektrifizierung plus Digitalisierung – seine Rentabilität steigern und hebt dazu sogar das langfristige Renditeziel bis 2025 von bisher sieben bis acht Prozent auf acht bis neun Prozent an. Wie gesagt: Herbert Diess ist und bleibt ehrgeizig.

 

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