Volkswagen: Brandstätter löst Diess als VW-Markenchef ab

Nach den Querelen um die Kaufprämie und den Softwareproblemen bei Golf VIII und ID.3 muss Herbert Diess seinen Posten als Markenchef räumen. Komponenten-Chef Sommer verlässt den Konzern.

Soll die Software-Probleme lösen und die E-Mobilität endlich aus den Startlöchern bringen: Der neue VW-Markenchef Ralf Brandstätter. | Foto: VW
Soll die Software-Probleme lösen und die E-Mobilität endlich aus den Startlöchern bringen: Der neue VW-Markenchef Ralf Brandstätter. | Foto: VW
Johannes Reichel

Nach der Kritik an VW-Konzern- und Markenchef Herbert Diess im Zusammenhang mit dem holprigen Start des Golf VIII sowie des ersten E-Modells ID.3 und der als missglückt empfundenen Kommunikation im Kontext einer etwaigen Kaufprämie muss sich Diess von der Spitze der Kernmarke zurückziehen. Sein Nachfolger als VW-Chef wird der bisherige Co-Markengeschäftsführer Ralf Brandstätter, der vorher als COO fungierte und jetzt zum CEO befördert wird. Er soll vor allem die Probleme in Sachen Software beim Golf VIII, aber auch beim ID.3 in den Griff bekommen und. Diess soll in Zukunft eine präsidialere Rolle im Konzern spielen. Sein Vertrag läuft bis Frühjahr 2023. Ziel der Maßnahme sei "eine stärkere Fokussierung auf die jeweiligen Aufgaben an der Spitze von Konzern und Marke in der laufenden Transformationsphase der Automobilindustrie", wie es offiziell heißt.

„Ralf Brandstätter gehört zu den erfahrensten Managern des Unternehmens. Er hat bereits in den zurückliegenden zwei Jahren Volkswagen als COO erfolgreich geführt und die Transformation der Marke an entscheidender Stelle mitgestaltet“, erklärte der Vorstandsvorsitzende des Volkswagen Konzerns, Herbert Diess, offziell.

Ein weiterer Grund für den Rückzug war wohl auch der Vorwurf an den Aufsichtsrat gewesen, Informationen aus Sitzungen immer wieder öffentlich durchsickern zu lassen, was Diess als Rechtsbruch bezeichnete. Dafür musste er offiziell Abbitte leisten. Die Entscheidung, ihn als VW-Chef zu entmachten, mag dieser Vorgang beschleunigt haben.

Aufhorchen lässt eine weitere Personalie im VW-Tableau: Der erst 2018 von ZF Friedrichshafen gewechselte Vorstand für das Ressort Komponente und Beschaffung Stefan Sommer verlässt das Unternehmen Ende Juni offiziell  "auf eigenen Wunsch im besten gegenseitigen Einvernehmen". Das Vorstandsressort wird bis auf weiteres kommissarisch von Frank Witter verantwortet.

Was bedeutet das?

Es knirscht gewaltig im VW-Gebälk. Nicht nur, dass VW-Konzernchef missglückte Kommunikation im Kontext der harsch geforderten Autoprämie vorwirft, auch die Probleme beim Start des Golf VIII sowie vor allem des ID.3 werden jetzt Diess angelastet. Er muss sich an seinen eigenen ambitionierten Ansprüchen, denen der Hersteller derzeit einfach nicht in diesem Tempo gerecht werden kann, weil man zu viel Zeit vertändelt hat, nun messen lassen - und das Feld räumen. Diess wollte in kürzester Zeit zum Digitalführer Tesla aufschließen, dass er das neben der Elektrifizierung als Kernthema erkannt und die Weichen generell richtig gestellt hat in Wolfsburg, wird ihm auch von Kritikern zugestanden. Aber jetzt zeigt sich, dass das alles andere als trivial ist. Ob es gut geht, die seit Winterkorn und auch für Diess gesetzte "Zweieinigkeit" aus Konzern- und Markenführung, zu splitten, wird sich zeigen. Die Marke Volkswagen ist schließlich der technologische und zum Großteil auch innovatorische Nucleus des Baukastens, aus dem sich dann die erfolgreichen Marken bedienen.

Das gilt vor allem auch für das "Chef-Thema" Elektromobilität, eine Karte, auf die Diess mit einer unter deutschen Herstellern sonst beispiellosen Radikalität setzt und eine riskante Wette. Erst recht, wenn man sieht, dass die Bundesregierung das Feld Wasserstoff keineswegs räumen, sondern vorantreiben will, das Diess eigentlich wie Erdgas-Antriebe schon abgeschrieben hat, zumindest für den Pkw-Bereich. Wie auch immer sagt man Brandstätter einen besseren Draht zu den Werkern nach. Keine schlechte Basis, wenn man wissen will, wo es hakt. Hier soll der nach außen hart kommunizierende Diess nicht wirklich konsequent durchgegriffen haben.

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