VM-Tour-Check Opel Zafira-e Life: Meile mit Weile

Richtig fernreisetauglich ist der komfortable, geräumige und flexible Elektro-Bus nicht. Auf Mittelstrecken kommt man dank Schnelllader klar - wenn man es gemächlich angeht. Stromern bleibt aber teuer.

Keine Kaffeefahrt: Mit dem Opel zu Opel - den Diensttrip von München nach Rüsselsheim absolvierte VM-Redakteur Johannes Reichel im Zafira-e 75 kWh. Der lädt so schnell, dass es gerade für einen Espresso in Ulm-Ost reicht. | Foto: J. Reichel
Keine Kaffeefahrt: Mit dem Opel zu Opel - den Diensttrip von München nach Rüsselsheim absolvierte VM-Redakteur Johannes Reichel im Zafira-e 75 kWh. Der lädt so schnell, dass es gerade für einen Espresso in Ulm-Ost reicht. | Foto: J. Reichel
Johannes Reichel

Tipp vom Produktexperten im Opel-Werk: Tempomat auf 95 km/h, dann kommt man richtig weit! Und so machen wir auf der Rückfahrt unseres Praxis-Tests mit dem vollelektrisch angetriebenen und brandneuen Opel Zafira-e Life die Probe auf's Exempel. Wobei es sich dabei auch um eine Geduldsprobe handelt, denn gehobenes Lkw-Tempo ist nichts für Hektiker. Man reiht sich ein in das auch in der Pandemie endlose Band an Lastwagen auf der rechten Spur und: entdeckt die Langsamkeit, wissend, dass man es sonst nicht mit einer "One-Stop-Strategie" von Rüsselsheim retour nach München schafft. Lass die anderen doch rasen. Wobei: Die retour gewählte Route auf der A3/A9 ist dafür derzeit ideal, weil ohnehin gespickt mit Baustellen. Und die vorbeiheizenden Vertreter-Verbrenner sieht man dann in der Baustellendurchfahrt eh wieder. Verkehr verkehrt! Nach wie vor scheinen viele Auto-Piloten "den Schuss nicht gehört zu haben"...

Wie auch immer: In diesem Trott kamen wir tatsächlich auf 300 Kilometer Reichweite, die das Werk maximal und eher für den Stadtverkehr oder eben solche Konstantfahrten angibt (330 km WLTP) und drückten den Bordcomputerverbrauch in Richtung der 20-kWh-Marke, was für ein für das Format noch recht leichte 2,6-Tonnen-Elektro-Kaliber im Kastenformat ein respektabler Wert wäre und manchem Elektro-SUV à la Audi e-tron oder Mercedes GLC zur Ehre gereichen würde.

Effizienter als der Diesel - aber leider teurer auf Tour

Und um den Blick noch mehr zu weiten: Justament den Zafira Life mit 1,5-Liter-Diesel-Motor pilotierten wir Ostern 2020 quer durch die Republik mit für einen Selbstzünder sehr sparsamen 6,8 l/100 km. Ok, der Tempomat stand hier auf lockeren 120 km/h getackert, der Diesel-Van hätte auch 1.000 Kilometer am Stück gepackt, sofern der Fahrer das packt. Aber rein energetisch betrachtet, hätten die knapp 7 l/100 km eben doch inklusive Spritproduktion mindestens 80 kWh/100 km bedeutet, mehr als das Doppelte, mit entsprechenden Implikationen für den CO2-Ausstoß. Denn zumindest an den EnBW-Ladern und bei den Stadtwerke-München-Säulen sowie bei der Gratis-Füllung im Opel-Werk bekamen wir Ökostrom serviert, nur eine - zumal ziemlich alte - E.On-Drive-Säule in Nürnberg-Feucht ließ uns hier "ökologisch" im Stich. Doch immerhin: Formal weitgehend emissionsfrei.
 

Stromern geht gut ins Geld

Kostenmäßig, das muss man leider auch nach wie vor konstatieren, ist das 2021 noch ein ziemliches Trauerspiel. 90 Euro mussten wir an den Säulen, zweimal HPC EnBW (49 ct/kWh; 100 kW), einmal DC E.On (60 ct/kWh, 50 kW), zweimal AC bei SWM (38 ct/kWH, 11-22 kW) berappen, um den Weg von 836 Kilometern zu bewältigen. Und dabei spendierte uns Opel noch eine 50-kWh-Vollladung im Werk in Rüsselsheim! Bei einem Dieselpreis von 1,30 Euro/Liter um angenommenen 7 l/100 km wäre man mit um die 70 Euro für die 800-Kilometer-Tour jedenfalls deutlich preiswerter weggekommen. Das kann es noch nicht sein - und so darf es auch nicht bleiben. Der Fahrstrom, stellen wir einmal mehr fest, ist noch immer deutlich zu teuer und muss auf das Niveau von Haushaltsstrom runter.

Temposensibel: Mit 120 km/h schafft man kaum 200 km

Doch zurück zu unserem Zafira-Experiment: Auf dem Hinweg über die A8 und A6 waren das noch 25 bis 27 kWh/100 km laut Bordrechner, auch mal, wenn man die 120 km/h länger durchzieht, über 30 kWh/100 km. Obgleich mit 110 bis 120 km/h jetzt auch nicht gerade tempobolzend, kamen wir nur knapp über 200 Kilometer Reichweite hinaus, die der von Haus aus nicht sonderlich effiziente PSA-Elektro-Einheitsantrieb mit 100 kW aus den in diesem Falle 75 kWh großen Lithium-Ionen-Speichern zog. Nutzbar sind hier übrigens 68 kWh. Der Zafira-e (und seine baugleichen Brüder von PSA) ist ein echtes Temposensibelchen. Und der "tipping point", der Kipppunkt, bei dem der Verbrauch ausreißt, liegt offenbar an der magischen 100-km/h-Schwelle.

Üppiges Raumangebot: Mobiles Büro ideal für Ladepausen

So bleibt unterm Strich und nach drei DC-Ladestopps unterwegs und zwei Übernacht-Ladungen am Anfang und Ende eine Bilanz von 27,2 kWh/100 km inklusive der Ladeverluste. Das geht in Anbetracht des Gebotenen noch in Ordnung. Schließlich kann man mit dem übrigens flott beschleunigenden und sehr leisen und komfortabel federnden Elektro-Bus bequem acht Leute und Gepäck transportieren, wahlweise die 3er-Bank oder die Einersessel verschieben, wirklich sehr leicht per Hebelzug herausnehmen und dann Fahrräder oder Fracht durchladen.

Dazu gesellen sich neben einer ordentlichen Verarbeitung und für ein "Nutzi" ansehnlichen Materialauswahl Goodies wie das Panoramaglasdach oder eine Soundanlage, die nicht mit großen Namen klotzt, dafür mit gutem und ausgewogenem Klang. Und man sitzt auch im Fond sehr bequem auf dem Einzelgestühl, das den Zafira-e zum mobilen Büro adelt, in dem die Ladepausen keineswegs verschwendete Zeit sind. Aber man muss so eine Reise eben anders definieren, als die möglichst zügige Verbindung von Punkt A zu Punkt B und halt "Umparken im Kopf", um einen enorm griffigen und erfolgreichen Firmenslogan aus Rüsselsheim zu bemühen: (M)Eile mit Weile eben.

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