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VM-Tour-Check Dacia Spring Extreme Electric 65: Auf Langstrecke echt extrem!

Dacia hat den Spring dezent überarbeitet und der Basisversion eine stärkere 65-PS-Version zur Seite gestellt: Langstreckenauto wird er trotzdem keins. Doch man kann im "Extreme" trotzdem extreme Erlebnisse haben.

Start zu einer "extremen" Tour ab der Renault-Zentrale in Köln: Vor uns liegen fast 600 Kilometer! | Foto: G. Soller
Start zu einer "extremen" Tour ab der Renault-Zentrale in Köln: Vor uns liegen fast 600 Kilometer! | Foto: G. Soller
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Gregor Soller

Wir suchten das Abenteuer und fanden es. Einen Tag Köln zu den „Portes Ouvertes“ von Renault, wo man uns das ganz neue Gebäude von Renault Deutschland (plus Alpine, Dacia und Mobilize) präsentierte. Anreise bis 14 Uhr im bis zu 300 km/h schnellen ICE als rasendes, elektrisches Vormittagsoffice.

Abreise: Um 17 Uhr im Dacia Spring – aber im starken „Extreme 65“, dem mit der „großen Maschine“. Die nicht „groß“ ist in dem Sinne, sondern einfach mehr Drehzahl bietet als die 33-kW-Variante und tatsächlich einen Hauch spritziger ist, aber zum Racer wird er damit trotzdem noch nicht…

Der PR-Verantwortliche Andreas Lübeck erklärt uns noch, dass er die 220 Kilometer Reichweite im Sommer tatsächlich schaffe und wir denken noch mit Grauen zurück, als wir mit der 45-PS-Urversion im Winter einmal von München nach Herzogenaurach wollten. Wenn der Puma-Lader nicht frei gewesen wäre, wäre der Spring keinen Meter mehr gesprungen…die 189 autobahnlastigen Kilometer waren echt eine Herausforderung!

577 Kilometer liegen vor uns – und schmelzen nur langsam ab!

Jetzt sind es deren 577 von der Kölner Renault-Zentrale in der Peter-Huppertz-Straße nach München…Punkt 17 Uhr stehen wir vor dem Testwagen. Als die Testwagengruppe das hört, nuschelt einer: „Ich will sie ja nicht beunruhigen, aber wir erwarten noch einen aus Hamburg, der ist seit halb acht heute morgen unterwegs und immer noch nicht da…“ Wir bleiben cool und rechnen vor, dass wir es trotzdem zwischen 24 und ein Uhr bis München schaffen müssten.

Wir grübeln kurz, ob die Idee wirklich so gut war, dem Spring den ganz großen Sprung mitzunehmen, doch im schlechtesten Fall wird es eben ein Abenteuer und eine lange Nacht. Wir rechnen kurz nach: Wenn wir uns hinter Lkw klemmen, könnte sich das sogar mit einer Zwei-Stopp-Strategie ausgehen! Frohgemut wuseln wir aus Köln heraus und stehen sofort im üblichen feierabendstau der A3, der uns gleich mal 30 Minuten Zeit, aber wenig Strom kostet. Das Navi im Spring springt von 21:45 auf 22:25 Uhr Ankunftszeit.  

Windschattenfahren hilft – wenn Lkw bergab die 100er-Marke reißen!

Wir klemmen uns vorsichtshalber gleich zu Beginn hinter einen flotten 15-Tonnen-Verteiler-Lkw, der es durchaus mit 90 km/h plus laufen lässt und bergab auch mal deutlich die 100 km/h-Marke reißt. Derweil korrigiert das Navi, da wir keine 120 km/h Schnitt fahren, unsere Ankunftszeit Minute für Minute zurück…Der Abstandswarner im Spring zeigt uns zuverlässig an, wann wir dem MAN TGM 15.290 zu nahe auf die Pelle rücken – an den langen Steigungen der A3 enteilt er uns – außer wir verlassen den Eco-Mode, was dem Spring an Autobahnsteigungen das entscheidende Power-Plus zum mitschwimmen gibt. Zweimal übersieht uns ein ausscherender Lkw und nur durch beherztes tröten mit der Hupe können wir auf uns aufmerksam machen…

Hofffnungsvoll in Offenbach

Trotzdem kommen wir nach 201 Kilometern gut gelaunt am Rastplatz Weiskirchen Süd kurz hinter Offenbach an. Wir haben noch gut 42 Kilometer Restreichweite, womit wir der Dacia-Presse mal rechtgeben müssen: 220 Kilometer wären wohl möglich. In 47 Minuten jazzen wir den Ladestand wieder von 16 auf 85 Prozent hoch und ziehen dabei 19,12 kWh aus dem Trition-HPC-Lader von Ionity, nachdem der alte EON-Prügel daneben unsere Shell-Karte nicht akzeptiert hat. Das Navi meldet jetzt immer noch verträgliche 23:57 Uhr als Ankunftszeit – bis ein Uhr nachts sollte sich das also trotz einem weiteren langen Ladestopp locker ausgehen!

E.ON verweigert den Dienst

Wir wollen die A3 in Folge nicht verlassen und haben Aurach Süd als nächsten idealen Ladepunkt identifiziert, den wir mit 30 Kilometern Restreichweite ansteuern. Wieder ein Ex-E.ON-Prügel betrieben von EnBW, der unsere Karte abermals nicht akzeptiert. Anruf bei der Hotline, die keinen Fehler an der Säule feststellen kann und uns somit auch nicht zu einem Mitarbeiter durchstellt. In Erlangen selbst gäbe es Schnelllader zuhauf, aber Herzogenaurach liegt näher und war ja schon mal Stromquelle für einen Spring. Puma und Adidas haben geschlossen und auch Schaeffler hat außer grün beschrankten Zufahrten keine halböffentlichen DC-Lader zu bieten, die der Company gut zu Gesicht stünden. Und so docken wir erstmal an zwei vermeintlichen 22-kW-Ladern an, an denen der Dacia aber nur nuckelt und uns gut fünf Stunden bis 80% Akkustand meldet. Das geht so nicht!

Immer wieder Herzogenaurach - immer wieder gut für Überraschungen!

Tatsächlich finden wir am Parkplatz der Beethovenstraße einen tollen HPC-Lader. In der Beethovenstraße ist: NICHTS, NADA – außer dem feinen Hotel HerzogsPark, aber diese Ecke muss man kennen! Wir kennen jetzt wirklich bald ganz Herzogenaurach und machen nachts um mittlerweile ein Uhr gezwungenermaßen einen Parkspaziergang. Der Akkustand des Spring spaziert in dieser guten Stunde von mageren acht auf 84 Prozent und gut 200 km Reichweite hoch, doch nervlich sind wir durch: Einmal mehr liegt es an der digitalen Kommunikation – in dem Fall zwischen Karte und Lader, dass das Ladeerlebnis eben keines ist…und nachts sind auch die schönsten Parks: Beleuchtete Wege, gesäumt von schwarzen Bäumen…

Endlich auf nach München, abermals hinter Lkw – und nachdem es von Nürnberg auf fast ausschließlich bergan geht, schmilzt unser Reichweitenpuffer von anfangs 21 auf zeitweise sechs(!) Kilometer ab…an der Stadteinfahrt zeigt der Spring noch vier Prozent Akkustand und elf Kilometer Restreichweite an, unter zehn Kilometer tauchen nur noch Striche auf. Mittlerweile hat das Navi die Ankunftszeit auf 3:12 Uhr hochkorrigiert, als wir eine letzte freie Säule in der Bonner Straße erhaschen und anstecken. Es klickt auch kurz, passt!

In München folgte dem ersten Ausbau der öffentlichen Ladepunkte: N I C H T S!

Am nächsten Morgen die nächste böse Überraschung: Auf der anderen Seite der Säule klebt der Hinweis, dass diese komplett außer Betrieb sei! Deshalb stand der Dreier-Touring so ungeniert davor und wir erinnern uns, dass einer der beiden Ladepunkte (der mit Aufkleber und BMW) schon länger defekt ist. Doch statt ihn zu reparieren, wartet die Stadt München, bis die ganze Säule defekt ist, pappt einen Aufkleber drauf und: „Passt scho“! Aus dem erfreulichen Start wurde einmal mehr ein unbefriedigender Horrortrip mit absolut negativem „Ladeerlebnis“.

Lade-Zicke: Auto und Säule reden nicht miteinander

Also vor zum Bonner Platz, kurz zwischenladen, dass der Akku nicht komplett entkräftet wird (mittlerweile zeigt er noch drei Prozent an), Frühstück holen und dann (etwas später heute) ins Büro! Karte vorhalten, anstecken, das Zählwerk startet und – Crosscheck: Auch im Spring werden erstmal wieder die üblichen gut fünf Stunden Ladedauer gemeldet. Übers Frühstück sollten wir es wieder auf rund zehn Prozent Akkustand schaffen…wenn, ja wenn der Ladevorgang nicht nach 0,02 kWh wieder abgebrochen worden wäre, warum auch immer. Das weckt unseren Ehrgeiz: Wir stecken alles ab. Und mal den Dacia, mal die Säule zuerst an – dreimal OHNE Erfolg. Einmal wird nach 0,01 kWh abgebrochen, zweimal erst gar nicht gestartet! Beim vierten(!) Versuch nuckelt der Dacia dann als wäre nie was gewesen und der Zähler läuft. Doch jetzt müssen wir ins Büro!

Nerven wie Drahtseile: Drei Prozent Akku, null Kilometer!

Vier Kilometer mit drei Prozent? Klappt! L O C K E R! Hoffen wir jetzt einfach mal – und hängen den Spring an die verlagseigene Säule, an der er sofort zufrieden Strom zieht – und statt über fünf von Beginn an nur 3:55 Stunden bis 100 Prozent Akkustand meldet…und ja, man muss beim Spring-Fahren tatsächlich so viele Abstriche machen, dass wir eine gebrauchte Zoe mit geprüftem Akku klar vorziehen würden.

Der Dacia Spring hat eine große Fanbase – zurecht, denn er ist sparsam und irgendwie lustig

Trotzdem hat der Kleine am Ende noch eine versöhnliche Überraschung für uns bereit, denn abgerechnet wird ja bekanntlich immer ganz zum Schluss: Erstmal bietet er uns ganze 257 Kilometer Reichweite an und als wir nachrechnen ermitteln wir über insgesamt 597,4 Kilometer, auf denen wir insgesamt 65,66 kWh nachluden, einen Verbrauch von 10,99 kWh/100 km. Womit bewiesen ist: Elektromobilität könnte soo viel effizienter sein! Und doch wäre uns ein etwas größerer Akku mit einem teureren Schnelllader nochmal 1500 Euro extra Wert, denn im Gegensatz zum lahmsten und rostigsten R4, dessen leeren Tank man halt einfach schnell wieder füllte, ist der Spring vieles aber gar KEIN Langstreckenauto. Und damit eben auch kein Auto, mit dem man „mal“ in den Urlaub fahren könnte, denn: Gut zehn Stunden Fahrt von Köln nach München – das dauert viel viel viel zu lange!

Was bedeutet das?

Die Effizienz des Spring begeistert – zumal er für unsere kleinen Ladedramen am wenigsten kann -obwohl er mit den Münchner Ladesäulen eher auf Kriegsfuß zu stehen scheint. Trotzdem müsste er irgendwie ein bisschen mehr bieten: Mit 35-kWh-Akku und mehr als 33 kW Ladeleistung im Peak wäre schon ganz ganz viel gewonnen, um ihn zum echt perfekten Allrounder zu machen. Die Effizienzkrone wird ihm in der Redaktion jedenfalls so schnell kein Pkw streitig machen! Und über Land kann man ihn doch sicher unter 10 kWh/100 km drücken? Unser Ehrgeiz ist schon wieder geweckt!

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