VM-Test Urwahn Platzhirsch: Fixie 2.0 oder der perfekte Pendler

UW statt VW: Das leichte Stahlrad aus dem 3-D-Drucker "made in Germany" fährt diskret raffiniert auf, mit leisem, starken Mahle-Motor, unsichtbar verbautem Akku und wartungsarmem Riemenantrieb - dazu tolle Komponenten. Damit wird das Bike zum Platzhirsch unter den Pendlern - und top Autoersatz. Ganz billig ist das nicht ...

Bella Figura: In der Technischen Universität München fühlt sich das Urwahn Platzhirsch quasi wie zuhause und zog die Blicke auf sich. | Foto: J. Reichel
Bella Figura: In der Technischen Universität München fühlt sich das Urwahn Platzhirsch quasi wie zuhause und zog die Blicke auf sich. | Foto: J. Reichel
Johannes Reichel

Schlicht kann so raffiniert sein: Jedenfalls rollt das Urwahn Platzhirsch so unauffällig daher und auch noch in mattem Anthrazit, dass sich die wahre Raffinesse dieses Pendler-E-Bikes erst auf den zweiten oder dritten Blick erschließt - mal abgesehen von dem "krassen Knick in der Optik" des 3-D-gedruckten Stahlrahmens. Klar, auch der cleane Look mit den innenverlegten Zügen, das ist schon ein Gedicht, das aber nur Kenner staunend stehen bleiben lässt. Gut so, denn Unauffälligkeit ist in diesem Fall vielleicht auch ein Schutz vor Diebstahl. Und zu schützen gibt es da einiges.

Allem voran der E-Antrieb: Die diskrete Mahle-ebikemotion-Kombination aus Hinterradnabenmotor, kaum größer als eine Schaltungsnabe, und dem im Unterrohr des noch immer sehr schlanken Cromoly-Rahmens verbauten Lithium-Ionen-Akku regt die Meisten zur Frage an, ob das wirklich ein Pedelec ist. Auch die 14 Kilo Gewicht verraten es nicht unbedingt, wenn man Stahlräder mit Vollausstattung vergleicht. Oder das unelektrifizierte Urwahn namens Stadtfuchs (mit 11-Gang-Shimano-Alfine-Nabe), das es auf zwölf Kilo bringt. Wer gegen das noch immer schlanke Unterrohr klopft, der merkt am dumpfen Klang: Da steckt mehr drin. Ein Pedelec ist das Platzhirsch, und was für eines.

Geisterfahrer: Das Urwahn fährt enorm leise

Und wer dann den ebenso diskreten und simplen Dreifach-Tastring rechts am Lenker, kaum größer als die Klingel links, betätigt, wird vom dezentem Vibrieren kurz aufmerksam. Schnell den Modus per Tipp nach Oben eingestellt, zum Start gleich mal auf Rot für "Power". Und los geht die rasante Fahrt. Flüsterleise und ohne das übliche Summen zieht man mit dem Platzhirsch rasch auf Tempo. Der Riemen unterstützt diese leise Fahrt, hält dabei bombenfest die Spannung und auch heftigerem Wiegetritt gut Stand.

Im Power-Modus spornt einen das Rad wie eine unsichtbare Peitsche mit den vollen 40 Nm Drehmoment, die offenbar effizient umgesetzt werden, zu flottem Tempo an. Urban Pedelecs vom Schlage Van Moof kassiert man ziemlich lässig. Und zwar ohne dass man deshalb größer ins Schwitzen kommt - und dennoch das Gefühl hat, sich zu bewegen. Der Platzhirsch ist also durchaus "business-tauglich", schick genug ist es sowieso.

 Zügige Fahrt ohne zu Schwitzen

Auf unserer einfach 15-Kilometer-Pendelstrecke von München Süd nach Nord (mit wenigen Ampeln und einigen "Laufstrecken") holen wir gute fünf Minuten raus, gegenüber der "normalen" Fahrt mit dem rein muskelbetriebenen Gravel-Bike. Dass der Platzhirsch auch das Revier "Schotter" und Kopfsteinpflaster nicht scheut, ist den guten Conti-Terraspeed-X-Reifen mit genau richtigem 35er-Maß und dem generell für ein Fixie noch ganz passabel gefederten Rahmen samt eigenkonstruierter, formschöner Starrgabel zu verdanken. Stahl eben. Und auch der geschwungene Hinterbau mag seinen federnden Beitrag zum Komfort leisten, ohne dass dabei aber die generell sehr hohe Steifigkeit leiden würde. Das Platzhirsch-Gestell kommt übrigens auch mit Gepäcktaschen gut klar und taugt durchaus zumindest für Flachland-Reisen ...

Agiles Handling, tolle Komponenten

Dabei gibt sich das Pedelec immer super agil, wendig und sehr reaktiv. Die Sitzposition ist zwischen aufrecht und sportlich, genau richtig, um in der Stadt den Überblick und Überland den Speed zu behalten. Einzig das Tretlager erscheint etwas hoch angesetzt, sodass der Junior mit seinen 1,90 Meter Scheitenmaß bei Rahmengröße M moniert, er fühle sich wie auf einem Laufrad. Für einen 1,82-Mann passt die Geometrie bei "M" aber so, dass der Tretwinkel nicht zu eng ist und man immer noch festen Stand an der Ampel hat.

Die Sattelverstellung ist raffiniert und ganz im Stil des Diskret-Konzepts im Winkel zwischen Ober- und Sitzrohr untergebracht. Sicher auch ein gutes Mittel gegen schnellen Diebstahl des wertvollen und sportlich-bequemen Ergon-Sattels und der LightSKIN-Stütze, die ja auch die superhelle 5er-LED-Leiste beherbergt, noch so ein raffiniertes Detail. Allerdings droht man beim Verstellen mit dem mitgelieferten Torx-Werkzeug den Rahmen zu verkratzen. Der Knick im Sitzrohr verhindert auch einen weiteren Verstellbereich des Sattels nach unten. Man sollte also exakt auf die richtige Rahmengröße achten beim etwaigen Kauf.

Zuverlässige Bremsen, tolle Beleuchung

Gut zum Speed-Modus passt, dass auch die Shimano-Scheibenbremsen zuverlässig, wohl dosierbar, kräftig und dem leisen Bike entsprechend lautlos zupacken. Denn man ist öfter man auf jenseits der knapp über 25 km/h unmerklich endenden Unterstützung unterwegs, dass sich das ein oder andere Bremsmanöver nicht vermeiden lässt. Und dass man gut sichtbar ist: Neben den LEDs hinten, die man dann allerdings nicht mit Satteltaschen zuparken sollte, sorgt das schon wieder so verflixt diskret in die LightSKIN-Lenkerstange integrierte vordere LED-Licht für Sichtbarkeit, aber auch für ordentliche Sicht auf die nächtliche Piste, selbst wenn sich der Leuchtwinkel nicht verstellen lässt, ohne den Lenker zu verstellen. Ein Traum, nicht mehr an die Batterielichter denken zu müssen - und Teil des "Unkompliziert"-Konzepts, das der Platzhirsch propagiert. Einziges Manko: Die Lichter leuchten immer, wenn das Bike angeschaltet ist. Zumindest fanden wir intuitiv keine separate Ansteuerung.

Fixie für Fortgeschrittene

Wer es langsamer angehen lassen will, was im dichten Treiben auf den viel zu engen Radwegen der Münchner City angeraten sei, stuft auf den niedrigsten Modus runter - und versieht die Tretarbeit fast komplett von selbst. Apropos: Man kann die Unterstützung natürlich auch ganz ausschalten - und erhält ein "ganz normal sportliches" und dank hochwertiger Naben gut rollendes Fixie-Bike, das sich auch bei leerem Akku bestens und flott bewegen lässt. Der Motor jedenfalls verursacht keinen spürbaren Widerstand, wenn er ausgeschaltet ist. Der 250 Wh-Energiespeicher hält je nach Gangart für auch im Powermodus erreichbare 50 bis im Ecomode 80 Kilometer, dann muss allerdings das ganze Bike an den Strom - sofern man nicht weitere 60 Kilometer in Form eines Flaschenhalterakkus installieren will.

Wer weiter fährt, nimmt den Flaschenakku dazu

Das wäre eigentlich gegen das "leichte Prinzip" des Bikes, aber für fernere Pendler durchaus eine Erwägung wert. Unter Umständen kommt hier dann aber auch die 500 Euro teurere Version mit 11-Gang-XT-Kettenschaltung in Frage. Vor allem wenn es länger und steiler bergauf geht, gerät die Kombination aus Eingang und dann gelegentlich etwas ruckelnden E-Motor dann doch an ihre Grenzen. Oder der Akku ist so schnell leer, dass man sich arg abmühen muss. Für kurze, urbane Stiche und Steilstücke genügt es aber, einmal kurz aus dem Sattel und oben ist man. Überhaupt zieht einen das Bike flott und gut dosiert über kleinere Kuppen, wodurch man in Summe und gesetzt den Fall, man hat "grüne Welle" oder eine Ampel-freie Fahrt ordentlich Zeit gewinnt.

Zum Aufladen in die Wohnung schleppen

Es ist dann einer der wenigen Nachteile des schicken Platzhirsch: Der Akku lässt sich nur zu Wartungszwecken durch eine Unterrohrklappe entnehmen. Man schleppt also das Bike mit in die Wohnung. Gut dass es nicht so schwer ist wie etwa das jüngst getestete Canyon Precede:ON AL7 mit seinen 24 Kilo (bei herausnehmbarem Akku) - und der Hüftknick im Nebeneffekt einen guten Griff abgibt. Aufgeladen wird mit einem etwas wuchtigen Ladegerätkasterl und einem etwas pfriemelig an der Oberseite im Tretlagerbereich angebrachten Ladeanschluss mit rundem Stecker. Das dauert dann auch ganz schön lange ... Um die Wartezeit zu versüßen, kann man sich ja die Wandhalterung von Parax im Urwahn-Design gönnen. Dann wird der Platzhirsch zum Prachtgeweih!

Wer's braucht: Verbunden per App

Ach ja, das Platzhirsch fährt sich nicht nur toll, es ist auch voll konnektiv, was uns jetzt aber eher vom Fahrvergnügen abgelenkt hätte. Aber natürlich gibt es eine (Mahle)App, mit der sich per Handy, sicher montiert an der Halterung am Lenkkopf, auch durch den Alltag navigieren lässt, wenn man selbst den Weg nicht kennt. Oder die Umwege genießt, die der Platzhirsch einen so locker einschlagen und absolvieren lässt. Denn man "reißt" ganz locker ordentlich viele Kilometer ab, mit dem teutonischen Pedelec. 

VM-Fazit: UW statt VW - lasst das Auto stehen, reitet den Platzhirsch!

Summa summarum kommt das Platzhirsch dem Ideal eines perfekten Pendlers mit seinem wartungsarmen, unkomplizierten und flotten Charakter schon ziemlich nahe. Doch diese Perfektion hat - wie so oft im Leben - ihren Preis: Wer die optisch, qualitativ und von der Wirkung tollen Schutzbleche und den ebenso eleganten wie tragfähigen Tubus-Fly-Gepäckträger ordert, landet mit Gates-Eingang-Riemen bei 4.800 Euro. Wer noch das GPS-Tracking dazu packt, landet über 5.000 Euro, mit Hexlox-Komponentensicherung bei 5.100 Euro. Fehlt eigentlich nur noch ein ebenso "dezenter" Ständer für das Bike.

Tja, und ein sogenannter "Fairframe" und "made in Magdeburg", so viel kostet das eben, wenn Design, Engineering, Rahmenbau und Montage in Deutschland erfolgen, wie auf dem Oberrohr stolz vermerkt ist. Viel Geld. Und andererseits auch wieder nicht, wenn man dagegen hält, dass man damit ein Auto ersetzt - und so einen Haufen Euro spart. UW schlägt im Alltag VW, würden wir sagen.

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