VM-Test: Pendeln mit Pendix - Nachrüst-Pedelec als Autoersatz

Mit dem Pendix-Rad pendeln: Der relativ preiswerte Nachrüstantrieb macht jedes Fahrrad Commuter-tauglich und lässt einen schweißfrei im Büro ankommen. Mit großem Akku steigt auch die Reichweite der Tretunterstützung. Es muss ja nicht in einem groben Boliden wie dem Santos Cross Lite sein.

Aktivposten: Pendeln mit dem Pedelec statt mit dem Auto - das war für uns die Challenge. Na, nicht wirklich: VM-Redakteur Reichel pendelt auch so meist per Rad - weil's am schnellsten ist. | Foto: J. Reichel
Aktivposten: Pendeln mit dem Pedelec statt mit dem Auto - das war für uns die Challenge. Na, nicht wirklich: VM-Redakteur Reichel pendelt auch so meist per Rad - weil's am schnellsten ist. | Foto: J. Reichel
Johannes Reichel

Man darf ja eines nicht vergessen, bei aller Zuneigung der Deutschen zum Automobil: Ihr "liebstes Kind" steht sehr viel herum. Zum Beispiel am Arbeitsplatz der zahlreichen 2019. Und im Durchschnitt sitzen dabei jeweils nur 1,075 Personen im Fahrzeug, konstatierte erst jüngst der Think Tank Agora Verkehrswende im Kontext der Analyse der verheerenden Folgen des Autopendelns fürs Klima. Dafür sitzt die 1,075-Person dann oft: Im Stau. Auf 46 Stunden im Schnitt deutscher Städte, in Stauhauptstädten wie München sogar noch länger, summiert sich die Stehzeit. Wobei angemerkt sei, dass man in den jahrzehntelang unterfinanzierten Öffis sogar noch länger steht: Bis zu 50 Stunden verplempert man hier durch Warten, Umsteigen, Verspäten, in suburbanen Zonen gerne auch doppelt bis dreifache Zeit. Puh, das ist dann schon mal ein wunderbares langes Wochenende, das man statt "auf der Durchreise" auf echten Reisen verbringen könnte. Krass ist aber auch ein seltener beleuchteter Faktor, neben der für unsere Gesellschaft so zentralen "Zeit": Pendeln macht auch krank. Die Zunahme des Pendlerverkehrs belastet nicht nur das Klima, sondern auch die Lebensqualität der Menschen, konstatiert Agora-Experte Philipp Kosok.

"Erwerbstätige brauchten vor der Pandemie werktags im Durchschnitt knapp eine Stunde für ihren Weg zur Arbeit. Studien zeigen, dass ein täglicher Pendelweg von einer Stunde oder mehr die gesundheitlichen Risiken um das Doppelte erhöht, sowohl körperlich als auch psychisch in Form von Depressionen und Stress.

Wenn alle Beschäftigten einen kurzen Arbeitsweg hätten, könnte sich die Häufigkeit von Krankschreibungen in Deutschland um 15 bis 20 Prozent reduzieren. Bei Paaren erhöht sich das Trennungsrisiko um 50 bis 70 Prozent, wenn die Partnerin drei Jahre lang einen Pendelweg von mindestens einer Stunde zurücklegen muss, führt Kosok weiter aus. Das sind alles Sorgen, die man sich als Bike-Commuter, wie die Rad-Pendler auf Denglisch heißen, nicht machen muss. Im Gegenteil: Neben der gesundheitsdienlichen und (meist) nervenschonenden Fortbewegung, ist man aber auf dem Fahrrad vor allem eines: Wirklich mobil, im Sinne von in Bewegung.

Pendix: Wenn jedes Rad zum Pendlerbike wird

Mit Systemen wie dem auch in der Nachrüstung erhältlichen Pendix-eDrive-48-Volt-E-Antrieb, mutiert jedes Fahrrad zum Pendlerbike, das einen schweißfrei ans Ziel bringt. Kostenpunkt: Ab 999 Euro inklusive getriebelosem Mittelmotor und 140 Wh-Lithium-Ionen-Akku, der wie bei Pendix üblich, anstelle einer Trinkflasche montierbar und für 13 bis 28 Kilometer gut ist, bei 32 Nm Drehomoment für die Tretunterstützung und schlanken 5,8 Kilo Systemgewicht. Sogar der Motors soll sich bei etwas kundigen Händen selbst einbauen lassen. Ansonsten empfiehlt der Hersteller den Weg zum nächsten Fachhändler. Fernpendler nehmen den größeren Akku und sind dann mit 62 bis 120 Kilometer auf der sicheren Seite, zumal der Motor dann stramme 65 Nm aufbietet, allerdings mit dem Akku dann auch 7,3 Kilo wiegt. Die goldene Mitte bildet der 300er-Antrieb, ebenfalls mit starkem Motor, aber kleinerem Akku, der je nach Stärke der Tretunterstützung für 37 bis 72 Kilometer genügen soll (6,9 kg). 

Allwetter-Rad mit wartungsarmen Komponenten

An unserem bärig-stylischen, etwas behäbig, aber robust und komfortabel zu fahrenden Gravel-Mountain-Cross-Bike der niederländischen Edel-Schmiede Santos war sogar ab Werk der Pendix 500 mit großem Akku verbaut. Das treibt das Gewicht samt der Schwalbe-Racing-Ralph-Mountain-Bike-Bereifung, der wuchtigen Rohloff-Speedhub-14-Gang-Nabe, kombiniert mit recht flott agierenden SRAM-Speedshiftern und einem Gates-Riemenantrieb auf über 20 Kilo - und nebenbei auf etwa 7.500 Euro, bei um die 6.000 Euro Basispreis ohne Pendix-System. Aber die Komponenten prädestinieren das Santos natürlich für alle Wetterlagen und als wartungsarmes Kilometerfresser-Bike. Je nach Lust und Laune kann man die Tretunterstützung in drei Stufen modellieren, zur Arbeit etwas stärker, retour dann auf Eco zwecks Eigentraining. Mit der neuen Generation zog aber auch eine App ein, über die man eine komplett individuelle Einstellung der Tretunterstützung vornehmen kann.

Speziell im Powermodus ruppige Kraftentfaltung

Die Kraftentfaltung erfolgt vor allem im Powermodus etwas ruppig und ungestüm, setzt auch ziemlich unvermittelt ein. Der Smart-Modus ist deutlich harmonischer und dürfte den besten Kompromiss darstellen aus Reichweite und Fahrerentlastung. Sportlicheren Naturen genügt aber klar auch die Eco-Stufe. Zwar schmiegt sich der Trekurbelmotor mit drei Zentimeter dicke relativ gut an das Fahrrad ran, dennoch stört für Freunde des gepflegten Wiegetritts das Kurbelgehäuse bisweilen beim Treten. Ansonsten kommt man gut klar mit dem Antrieb. Der Akku lässt sich leicht abnehmen für abendliches Aufladen, das in gut drei Stunden mit dem soliden Ladegerät passiert ist. Für Nebenverbraucher gibt es einen USB-C-Anschluss oben am Energiespeicher. Sollte einem unterwegs doch mal der Saft ausgehen, hält sich der Tretwiderstand im System in engen Grenzen, sodass man immer noch ganz gut vorankommt. Freilich, ein kürzlich gefahrenes Canyon Commuter ON:7 erscheint für Pendel-Zwecke doch noch geeigneter und der Fazua-Motor noch kompakter und fast gänzlich frei von Tretwiderständen.

Gegen die Wand: 25 km/h sind einfach zu wenig für flottes Pendeln

Aber das ist vielleicht der "Pferdefuß" an dem Konzept: Die gesetzliche Beschränkung auf 25 km/h ist für flotte Pendler einfach zu wenig. 30 km/h wären hier ein gutes Tempo, das im Zweifel auf längere Strecken aus der Vorstadt oder dem Umland ermöglichen würde und den Anspruch "Autoersatz" noch besser erfüllt. Denn oberhalb von 25 km/h wird es schon aufgrund der Bergbereifung zäh mit diesem sonst fabelhaft gemachten und verarbeiteten Alu-Boliden, man tritt wie als hinge man an einem unsichtbaren Seil fest. Wer das Santos als Universalgefährt zum Pendeln und zum Reisen einsetzen will, der wählt besser eine Schwalbe G-One-Allround-Bereifung, da stößt man dann "leichter" in höhere Tempobereiche vor. Wobei man nie vergessen darf: Sieben Kilo Zusatzgewicht durch den E-Antrieb, die wollen einfach bewegt sein. Im direkten Vergleich sind wir jedenfalls mit einem unter zehn Kilo schweren Endurance-Gravel-Bike Focus Paralane deutlich schneller und weit flinker unterwegs. Zum Pendeln ist das Santos Cross Lite in dieser Konfiguration überqualifiziert.

Generell geht es uns aber ja eher um's Prinzip: Und da muss man sagen, das Pendix-System ist ausgereift und erfüllt einen doppelt und dreifach nachhaltigen Zweck. Man kann sein eigenes vorhandenes Rad zum Pendler-Bike umrüsten, spart also Ressourcen. Und man spart Geld für die Neuanschaffung eines Pedelecs. Und man spart Sprit für das Auto. Nerven sowieso.

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