VM-Test Niu MQi GT: Mit dem E-Scooter zur Verkehrswende

Solide gefertigt, fair gepreist, einigermaßen flott - mithin wäre der E-Scooter aus China ein perfekter Ersatz für Autopendler. Wenn die 50-km/h-Grenze nicht wäre. Und der Niu mehr Stauraum hätte.

E-Roller statt E-Auto: Noch wendiger als mit dem Honda-e ist man fast nur mit einem E-Scooter wie dem Niu MQi GT unterwegs. | Foto: J. Reichel
E-Roller statt E-Auto: Noch wendiger als mit dem Honda-e ist man fast nur mit einem E-Scooter wie dem Niu MQi GT unterwegs. | Foto: J. Reichel
Johannes Reichel

Was wäre wenn: Auch nur ein Teil der laut jüngster Statistik 68 Prozent Autopendler auf einen Elektro-Scooter wie den Niu MQi GT umsteigen würden. Theoretisch sollte das möglich sein, denn wie das statistische Bundesamt weiter aufdröselt: "Fast die Hälfte aller Erwerbstätigen (48 %) hat nach eigenen Angaben weniger als 10 Kilometer zum Arbeitsplatz zurückzulegen. Für 29 % ist der Weg zur Arbeit 10 bis unter 25 Kilometer lang, 14 % legen 25 bis unter 50 Kilometer zurück".

Was man bei Zweirad Albrecht in Pasing zu bestätigen weiß, wo man engagiert für die Elektrifizierung der Motorräder kämpft - und gegen Mauern in den Petrolheads der Biker. "Da sind nicht selten Kunden dabei, die einen Roller oder Motorrad mit Verbrenner kaufen und wenn man fragt, wie weit fahrt Ihr denn, sagen sie, ja vier Kilometer einfach", erzählt Vroni Albrecht, als wir unseren E-Scooter abholen. "Probiern's halt a mal den elektrischen", empfehlen die Albrechts dann. Und haben immer öfter Erfolg. Fast die Hälfte des Portfolios des Motorradfachhändlers ist schon elektrifiziert, Tendenz steigend.

Zero: Wie Motorräder vom Saulus zum Paulus werden

Und da stehen dann auch Schmankerl wie die 190 Nm starke SR des kalifornischen E-Motorradpioniers Zero, die glatt als elektrische Reise-BMW durchgehen würden, mit Topcase und Koffern wirklich für die Fernfahrt taugen und über einen Typ-2-AC-Ladeanschluss verfügen, wenn nach 280 Kilometern der Akku leer sein sollte. Ok, für den Anfang tut's auch die ebenso hübsche 11-kW-Version (109 Nm) namens S, die mit "Power-Tank" im Stadtverkehr 360 beschallungs- und emissionsfreie Kilometer schafft. Warum hat sich das eigentlich nicht längst durchgesetzt bei diesen krawalligen, emissionsstarken Motorrädern? Aber wir schweifen ab respektive in die Ferne ...

Typische Pendeldistanzen hat man locker im Griff

Das sind jedenfalls alles tägliche Pendel-Distanzen, die ein Niu MQi GT in petto hätte, dank zweier eimer-großer Lithium-Ionen-Akkus mit 31 Ah, die sich unter der bequemen und problemlos Sozius-tauglichen Sitzbank verbergen und mit 11 Kilo nicht ganz leicht "heben" lassen. Glücklich, wer vor Ort eine Haushaltssteckdose im Außenbereich hat, um die "Eimer" binnen vier Stunden wieder voll zu Kräften zu bringen ... Wir wuchteten die Trümmer in die Wohnung und mussten erstmal Platz schaffen für den Ladevorgang. Aber hey, 90 Cent für 3 kWh feinster Ökostrom, für immerhin bis zu 80 Kilometer, die der Roller der chinesischen E-Scooter-Pionier-Marke damit kommen soll, da kann man nicht meckern.

Voreilig: Ab 15 Prozent im Kriechmodus

70 Kilometer schafften wir wirklich realistischerweise, einmal allerdings bis ans Limit, wobei leider schon bei 15 Prozent Akku der "Schildkrötenmodus" (Eco) aktiviert wird, der einen mit 25 km/h zum viel behupten Verkehrshindernis erster Güte mutieren lässt... Doch für eine 50-Kilometer-Strecke aus dem Umland in die Stadt genügt die Kapazität völlig, auch im Sport-Modus, den wir bevorzugt wählten, weil es einfach am meisten Spaß macht, die 3000 Watt des Bosch-Radnabenmotors aus dem Stand weg zu aktivieren. Und dann in verdutzte Gesichter der Fahrer von gewichtigen Verbrenner-Automobilen zu gucken. Wobei der Niu jetzt nicht zu den performantesten Vertretern der Gattung E-Scooter gehört. Im Dynamic-Modus geht es jedenfalls nicht sehr dynamisch zu.

Drängler im Rückspiegel: Man fühlt sich unwohl

Ok, die Autos haben einen dann schon wieder schnell eingeholt, weil wir mangels passender Fahrlizenz auf 45, mit Mühe 49 km/h beschränkt sind, die der Niu zwar zügig erreicht, aber dann wie festgetackert hält. Wahlweise übrigens mit der praktischen Tempomattaste, bevor einem die Hand einschläft. Die "offene" Variante schafft dann 70 km/h, die das souveräne Fahrwerk auch locker hergibt. Der Niu federt kommod, verzögert zuverlässig, fühlt sich bombensolide an und liegt sehr sicher auf der Straße, auch mit 70-Kilo-Sozius im Rücken. Bei 115 Kilo Eigengewicht bietet der Scooter 270 Kilo Gesamtlast. Überhaupt wirkt auch die Verarbeitung und die Materialien sehr robust und nicht billig, auch das Zubehör, vom großformatigen Ladegerät bis zu den Adaptern zeugt von hoher konstruktiver Gründlichkeit. Von wegen "China-Roller", das war früher.

Maximal 50 sind im aktuellen Verkehr gefährlich

Doch zurück zur Tempofrage. Die 70 km/h würden dann wirkliche Pendlertauglichkeit herstellen würden und sogar für den Mittleren Ring in München geeignet wären. De facto ist es nämlich so: Wenn Tempo 50 erlaubt ist, drängeln von hinten die Autos bedrohlich und fahren eher 60 km/h. Mit 70 schwimmt man dann wirklich gut mit, wobei es da auf Überlandstrecken und Landstraßen schon wieder knapp wird. Also, ganz ehrlich: Ein universell einsetzbarer E-Roller, der wirklich den Anspruch erhebt, einen Pendler über weitere Strecken zu befördern, sollte 90 km/h "auf der Pfanne" haben. Sonst ist das tatsächlich eher was für den urbanen Raum. Und da stellt sich dann wieder die Frage, ob man nicht mit dem Fahrrad schneller ist.

Die Vorteile eines Fahrrads gehen flöten

Was nervt, ist nämlich, dass man mit einem E-Scooter eben die Vorteile des Fahrrads (Radwegbenutzung, Vordrängeln) verliert und sich hinten in der Autoschlange einreihen muss, samt Abgaswolken ohne Ende. Will man den wirklich raum- und energieeffizienten leichten Elektrofahrzeugen einen Vorsprung verschaffen, sollte man die temporär als Blue Lane realisierte Öko-Spur in München zur Dauereinrichtung machen. Und wenn man schon dabei ist, am besten gleich Tempo 30 zur Regelgeschwindigkeit machen. Dann ist man auch mit der 45er-Variante des Niu gut bei der Musik und muss nicht mehr als die fairen 3.400 Euro ausgeben. Oder man lässt ab von der künstlichen, gesetzlichen 50-km/h-Mauer, die im aktuellen Stadtverkehr eigentlich eher gefährlich als gesundheitsdienlich ist.

Gelungenes Paket - nur der Stauraum mangelt

So oder so erhält man zum günstigen Preis einen erwachsenen Scooter, dem neben etwas mehr Performance nur ein paar Sachen zum vollendeten Rollerglück fehlen. Als da wäre ein größeres Staufach als das Mini-Fächlein unter der Bank, das die Akkus übrig lassen. Das kann etwa ein jüngst auf der IAA vorgestellter Segway-Scooter mit Unterflurakkus oder auch die parallel gefahrenen, im Abzug übrigens eher flotteren Emmy-Roller, in München jetzt Yadea G5 besser. Da passen dann sogar zumindest ein Helm und Einkäufe rein.

Beim Niu bleibt nur der Taschenhaken vorn im Fußraum, aber das Trittbrett ist für Schuhgröße 46 definitiv zu klein. Auch die Fußabsteller (keine Rasten) hinten sind rutschig und eher für Ballettschuhe dimensioniert. Dafür bietet das Display klare Infos und die Anbindung ans Smartphone liefert aus der Ferne die obligaten Infos zum Ladestand und Location, per GPS-Modul, das auch bei Diebstahl nützlich ist. Wer mechanisch auf Nummer sicher gehen will, aktiviert das Lenkradschloss per Schlüssel, ansonsten tut's ein Druck auf den Zentralknopf in der Fernbedienung, die auch den Alarm aktiviert.

Guter Diebstahlschutz, schlüssellos unterwegs

Der Niu meckert aber auch laut auf, wenn man nur ein bisschen am Roller wackelt. Ansonsten kann der Schlüssel in der Tasche bleiben, was gut ist, sonst bricht man ihn am Ende mit dem Knie ab. Praktisch: Wenn der Ständer ausgeklappt ist, roll(er)t man gar erst nicht los. Ein definierter Druck auf die grüne Taste rechts aktiviert den Fahrmodus. Soweit alles kein Hexenwerk. Aber eben doch von einer gewissen Zauberkraft im Bezug auf Verkehrs- und Emissionsentlastung, wenn man leichte E-Fahrzeuge wie den Niu massenhaft einsetzen würde.

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