VM-Test Fiat "New 500": Elektrisierender Italienurlaub

Auch als rein elektrische Version setzt der Fiat 500 auf Charme. Ob dazu auch Kompetenz kommt, muss er im Test beweisen

Never change a winning design: Der elektrische 500 gleicht optisch dem Verbrenner. | Foto: G. Soller
Never change a winning design: Der elektrische 500 gleicht optisch dem Verbrenner. | Foto: G. Soller
Gregor Soller

Sie kommen sehr spät, aber charmant und gekonnt – das muss man Fiat lassen. Nachdem sich Ex-CEO Sergio Marchionne einst vehement gegen die Elektrifizierung gesträubt hat, sah sich der FCA-Konzern auf einem in einem Aufholrennen um die E-Mobilität, dass man im neuen Stellantis-Konzern deutlich beschleunigen kann. Denn während die Franzosen hauptsächlich die Kernsegmente Kompakt-und Mittelklasse elektrifizierten, musste FCA wegen den kleinen Italienern und den großen Amerikanern im Programm zuerst die großen und kleinen Modelle elektrifizieren, sodass man jetzt das Ganze gut zusammenfügen kann.

Doch während PSA mit all seinen Marken schon seit Jahren auf dem Markt ist und entsprechende Erfahrungen hat – und deshalb in Sachen Effizienz schon wieder dezent nachlegen darf, ist der neue 500 Fiats rein elektrischer Erstling in großer Serie (den von Marcionne verhassten 500e für den US-Markt lassen wir hier mal außen vor).

Typisch Cinquecento: Die Proportionen

Und obwohl er fast so aussieht wie der Verbrenner, übernimmt er lediglich dessen Proportionen, ist aber ein ganz anderes, dezent größeres Auto. Wer jetzt im Fond ernsthaft Platz für erwachsene Fahrgäste erwartet, wird natürlich enttäuscht werden – dafür soll später noch ein viertüriger Panda in Centoventi-Optik nachgereicht werden. So dass es beim nicht ganz günstigen kugeligen und zeitlosen 2+2-Sitzer bleibt, der in dem Fall wieder in Italien und nicht im polnischen Tichy montiert wird.

Premiumanmutung: Schwere satt schließende Portale und feine Details

Doch öffnen wir die schwere Tür, bei der der Griff oben in der Griffmulde jetzt versteckt wurde. Was umgekehrt innen ebenfalls elektrische Türöffnerbuttons bedingt (plus zwei mechanischen „Notöffnern“) in den vorderen Ablagen. Mehr als die elektrische Unterstützung beeindruckt uns allerdings das satte und schwere Geräusch, mit dem die Portale ins Schloss fallen. Auch im Interieur setzt sich das Premiumgefühl fort: Man blickt auf eine hochwertig verarbeitete Armaturentafel die es in diversen Ausführungen gibt (und in noch mehreren geben wird).

Nicht ganz dazu passt der eher günstige Geruch des 500 – premium duftet einfach anders. Dafür überrascht auch der 500 mit vielen „Ostereiern“, einem Faible des Fiat-Chefdesigners Klaus Busse. So findet man in den Türzuziehschalen innen ein Bild des Ur-500 und in der Smartphone-Ladeschale die Silhouette der Stadt Turin, während hinter dem Zentralscreen nochmal die Zahl 500 emporlugt. Dass das Innen- und Außendesign ankommt, spürt man auch am Zuspruch etlicher Verlagskollegen, welche Testwagen sonst nie kommentieren – fast jeder hat zum 500 etwas zu sagen.

Bei Bedarf flott unterwegs

Doch drücken wir endlich en Startknopf und strömen los: Zur Begrüßung spielt der Fiat eine kleine Erkennungsmelodie und strömt dann los – was dann allerdings klingt wie Straßenbahn. Man kann zwischen drei Modi wählen: „Normal“, „Range“ und „Sherpa“. Letzterer reduziert die Leistung dann merklich und regelt daneben nicht das Klima zurück sondern auch das Topspeed auf 80 km/h. In der Stadt bewegt man sich so sparsam voran, wer allerdings auf Ampeln zukriechen möchte, wird bei Schrittgeschwindigkeit eine gewisse Ruckeligkeit bemerken – die verschwindet, sobald man sich an den 500 gewöhnt. Indem man beginnt, in diesem Bereich ganz sanft das Fahrpedal zu streicheln, um dem entgegenzuwirken. Um roten Ampeln nicht entgegenzuruckeln, sondern entgegenzuströmen. Bei Bedarf geht es aber auch in unter neun Sekunden auf 100 km/h und bei Bedarf jederzeit flott voran. Die 118 PS treiben den kleinen Stromer flott voran und das Fahrwerk pariert die meisten Unebenheiten kompetent und trocken.

Großer Schritt bei der Konnektivität

Einen großen Schritt nach vorn ging es auch mit UConnect 5: Die meisten Navigationsbefehle werden gut umgesetzt, auch dem Wunsch nach Radiosendern kommt der 500 gern nach, sofern er nicht von DAB auf FM wechselt. Auch die Anrufadressen des Telefons findet Uconnect 5 in der Regel problemlos. Das Soundsystem mit den sechs Speakern macht einen ordentlichen Job, scheppert auch voll aufgedreht nicht, klingt aber trotzdem etwas „matt“. „Raumklang“ oder gar „Konzerthalle“ bleibt dann doch höheren Fahrzeugklassen vorbehalten. 

Gewicht und Verbräuche bleiben im Rahmen

Viel wichtiger ist aber der Verbrauch, der in der Stadt auf 12,5 kWh/100 km zusammenschnurrte, in flüssigem Stadtverkehr kann der 500 sogar die 12 unterbieten. Was auch für die Landstraße gilt: Am niedrigsten Punkt unserer Testrunde meldete der Italiener noch 11,3 kWh/100 km, um dann am Ende der Landstraße exakt auf dem Innenstadtniveau von 12,5 kWh/100 zu landen.

Doch die meist böse Überraschung folgte bei den meisten Stromern immer auf unserer Autobahnetappe, auf der sich sogar Zwerge gern über 20 kWh plus x ziehen...auch der 500 startet mit 40 kWh auf dem fies ansteigenden Beschleunigungsstreifen, um bald darauf auf 30, 25, 20 kWh zu fallen und sich dann bei knapp 19 kWh/100 km einzupendeln – bei einem Durchschnittstempo von 115 km/h wohlgemerkt. Das erlaubt bei Überholvorgängen falls nötig durchaus einige „Überschwinger“ bis 150 km/h, während wir sonst je nach Begrenzung wann immer möglich zwischen 120 und 130 km/h zu bleiben versuchen.

Die Verbräuche bleiben im Rahmen - vor allem über Land

Am Ende meldet der 500er für die Gesamtrunde 15,9 kWh/100 km vor Ladeverlusten und gehört damit zu den sparsamen Vertretern. Mit Ladeverlusten wurden daraus dann 17,8 kWh/100 km, womit er nicht die günstigen 15,0 kWh/100 des Mini SE erreicht, sich aber vor dem Honda e mit 18,1 kWh/100 km und dem Renault Twingo mit 19,2 kWh/100 km positioniert. Bei weniger hohem Autobahnanteil kommt man im Alltag leicht unter 15 kWh/100 km. Über seine geasmte Verweildauer in der Redaktion vermeldete der Italiener am Ende einen Schnitt von 15,3 kWh/100 km über ziemlich exakt 600 Kilometer. Auch im Vergleich zu den PSA-Modellen zeigt sich der erste Elektro-Fiat effizient, zumal er beim Gewicht Maß hält: Mit 80-Kilogramm-Fahrer wiegt er schlanke 1.429 Kilogramm, wobei die Zuladung mit 260 Kilogramm nicht allzu üppig ausfällt.

Dafür wiegt der netto 37,3 kWh bietende Akku auch nur 294 Kilogramm und reicht so knapp 210 Kilometer weit, über Land können aber auch echte 300 daraus werden. Immerhin kann mit bis zu 50 kWh binnen einer knappen Stunde wieder vollgeladen werden, an der 11 kW-Wallbox ist der Fiat in der Regel nach gut drei Stunden wieder bei 100 Prozent. Und selbst an der Haushaltssteckdose mit 2,3 kW „nuckelt“ sich der 500 notfalls über Nacht binnen zwölf Stunden wieder voll, sofern man ihn nicht komplett leer gefahren hat.

Preislich gehört der Italiener zu den teureren Minis

Auch Fiat startet mit einem üppig ausstaffierten Sondermodell „La Prima“, das gegenüber dem gut ausgestatteten „Icon“ allerdings über viel „chichi“ verfügt, das eher optischen als praktischen reiz hat und leider nicht ganz billig ist. Üppig fallen entsprechend die Preise und Leasingraten aus, die Fiat für diese gut ausgestattete „La Prima“ Startversion aufruft: Unser Testwagen kam mit einigen Extras auf gut 36.000 Euro, das Cabrio kostet dagegen schnell mal 38.400 brutto. Daraus werden nach Bafa-Abzug 32.400 Euro, womit man netto immerhin auf 27.230 Euro netto kommt.

Trotzdem steht beim einschlägigen Händler in München am Ende eine Rate von 398 Euro brutto respektive knapp 335 Euro netto über 36 Monate und 30.000 km Gesamtfahrleistung. Im Gegensatz zum Italiener, wo man ein großes gutes und geschmackvolles Essen für vergleichsweise kleines Geld bekommen kann, erhält man hier ein kleines gutes geschmackvolles Auto für vergleichsweise großes Geld. Weshalb Fiat bald weitere günstigere Versionen mit kleinerem Akku nachschiebt.  

Was bedeutet das?

Der 500 ist sich auch als Stromer treu geblieben. Er bleibt klar Lifestyle-Zweitwagen mit starkem Zug ins Premium und setzt dabei anders als der Mini eher auf italienische Lebensfreude (inklusive wieder leicht zu hoch eingebauter Sitze) und Variantenreichtum. Auch er erzeugt durchaus ein „Haben-Wollen“- und Urlaubsgefühl für das man gern etwas höhere Preise zahlt. Das Ganze unterfüttert er aber mit absolut konkurrenzfähigen Fahrdaten und einem ordentlichen Infotainment samt kompletter Sicherheitsausstattung. Und so füllt Fiat den kleinen feinen Schritt außen mit großen Fortschritten unter der abermals zeitlos gestalteten Hülle. Womit klar ist: Auch und vor allem als Stromer dürfte der 500 ein zeitloser Dauerbrenner bleiben.

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