VM-Fahrbericht Polestar 2 Single Motor: Stark genug

Wir wollten wissen, ob der günstige Einstiegs-Polestar 2 der "heller strahlende" Polarstern ist. Der sparsamere in jedem Fall. Und mit 330 Nm allemal stark genug.

Optisch unterscheidet sich die "Basis" kaum vom zweimotorigen Topmodell. | Foto: Thomas Kanzler
Optisch unterscheidet sich die "Basis" kaum vom zweimotorigen Topmodell. | Foto: Thomas Kanzler
Thomas Kanzler

Vor eineinhalb Jahren präsentierte Polestar mit dem Modell 2 ein sportliches Fahrzeug mit zwei Motoren, Allradantrieb und 300 kW (408 PS) – und positionierte dieses ehr klar gegen Teslas Model 3 – auich wenn die Plattform nicht ganz so konsequent elektrisch ausgelegt ist. Nun kommt der Polestar 2 Single Motor als „Basismodell“ mit etwas mehr als der halben Power, nur einem Motor und Frontantrieb. Ist das zu viel des Verzichts oder geht das Konzept weiter auf?

Optisch können wir schon mal Entwarnung geben: Der Polestar fällt nach wie vor mit seinem unverwechselbaren, klaren Design auf. Außen sind Volvo-Anleihen unverkennbar. Innen umgibt einen ein skandinavisch reduziertes Wohlfühl-Ambiente mit haptisch wie optisch ansprechenden und hochwertigen Materialen. Vorn sitzt man großzügig, auf der Rückbank ist genügend Platz für zwei Erwachsene. Der Blick aus dem Rückfenster lässt allerdings nur erahnen, was sich hinter dem Fahrzeug befindet - die Rückfahrkamera ist nicht ohne Grund Serie. Die Armaturen sind reduziert übersichtlich und die Bedienung inklusive der Google – Navigation einfach und selbsterklärend.

In der Menüführung des hochkant stehenden, 11,2 Zoll messenden Monitors lassen sich auch die Rekuperationsstufen einstellen oder der Lenkwiderstand verstellen, wobei die Unterschiede zwischen straff und leichtgängig eher gering sind. Das Android-Betriebssystem funktioniert wie man es bei Smartphones und Tablets gewöhnt ist – die Bedienung ist quasi ohne Gewöhnungsaufwand möglich. Der momentan noch etwas einfache Range-Assistant soll zeitnah mit einer App präzisiert werden.

Zwei Akkugrößen mit bis zu 540 Kilometern WLTP-Reichweite

Bei dem neuen Basismodell sind zwei verschiedene Konfigurationen wählbar, der Polestar 2 Single Motor Standard Range mit einer Brutto-Akku-Kapazität von 64 kWh und einer Reichweite laut WLTP von 440 Kilometern und eine Long Range Variante mit einem großen brutto 78 kWh bietenden Akku und einer WLTP Reichweite von bis zu 540 Kilometern. Den 78 kWh Akku kennt man schon aus dem Polestar 2 Dual Motor.

Polestar hat dem Modell mit dem großen Akku zum Ausgleich des etwas höheren Gewichts 5 kW extra spendiert– 170 kW im Long Range stehen 165 kW im Standard Range gegenüber (231 PS und 224 PS). Beide Modelle verfügen über ein identisches Drehmoment von 330 Newtonmeter und beschleunigen laut Werk von 7,4 Sekunden auf 100 km/h.

Kraft mehr als genug

Kraft ist also mehr als genug vorhanden, beim Überholen auf der Landstraße ebenso wie beim Ampelstart oder auf der Autobahn. Durch die mühelose Kraftentfaltung des Antriebs droht eher die Gefahr, unbemerkt in einem höheren Tempo unterwegs zu sein als beabsichtigt – oder erlaubt.

Und wenn man so entspannt auf der Autobahn dahinströmt, wird man unbemerkt und unversehens an die elektronische Leine genommen: 160 km/h sind erschreckend schnell und leise erreicht - wer schneller fahren will, muss zum Perfomance Modell mit zwei Motoren greifen und könnte dann bis 205 km/h weiterbeschleunigen. Bei der Beschleunigung tauschen die Ziffern: Statt 4,7 Sekunden auf 100 km/h lässt sich der Single 7,4 Sekunden Zeit.

Krux der Multiantriebsplattform: Frontantrieb

Nicht ganz ersichtlich ist die Entscheidung, den Single Motor Polestar 2 mit Frontantrieb auszustatten – wo doch die meisten Hersteller vor allem bei leistungsstärkeren Modellen auf Heckantrieb setzen. Denn bei einem beherzteren Tritt aufs Gaspedal ist auch die Lenkung des Polestar nicht frei von Antriebseinflüssen. Das mag damit zusammenhängen, dass der Polestar auf der multimodalen Volvo-Basis steht, die auch Verbrenner und Plug-in kann und dort prinzipiell als (günstigerer) Fronttriebler ausgelegt ist. Insofern spart man hier Aufwand beim Umkonstruieren und behält konstruktiv ähnliche Gewichtsverteilungen, Achslasten und Crashzonen.

Wir nehmen den Schwung etwas raus und widmen uns dem Verbrauch: Polestar gibt nach WLTP 17,1 bis 18 kWh an, wir kamen bei einem Mix aus Stadt, Land und sportlichen Autobahnetappen auf reale 20,3 kWh und lagen damit merklich günstiger als mit den bärenstarken Allradlern, die auf dem Display vor Ladeverlusten gern mal bei 23 kWh/100 km plus x liegen. Geladen wird der Akku dann mit einer Ladeleistung von maximal 150 kW.

Liebe zum Detail: Der Polarstern am Dachhimmel

Die Ausstattung lässt sich mit Paketen erweitern. Das Pilot-Paket umfasst Pixel-LED-Scheinwerfer und verschiedene Assistenzsysteme, das Plus – Paket unter anderem ein Harman Kardon Premium Sound System und ein empfehlenswertes Glasdach. Denn der Innenraum gewinnt mit dem Panoramadach über die gesamte Fahrzeuglänge enorm an Luftigkeit. Ein weiteres „Highlight“ – und ein Beispiel, wieviel Liebe zum Detail die Polestar – Macher ihren Fahrzeugen angedeihen lassen – ist das sanft illuminierte Polestar Logo im Dachhimmel, dass bei Dunkelheit wie ein Stern am Nachthimmel im Panoramadach leuchtet. Nur das Performance Paket mit Elementen in „schwedisch Gold“ bleibt der Dual Motor Variante vorbehalten.

Prognose: Mehr als die Hälfte greift zum Single

Polestar rechnet damit, dass sich etwas mehr als die Hälfte der Modell 2 Käufer für den Single Motor entscheiden werden. Das Design, die Reichweite und die Ladeleistung sind up to date. Und auch mit dem Frontantrieb ist man im Polestar 2 sportlich unterwegs. Auf der Polestar – Website kann man den Basis 2er ab 35.930 Euro inklusive der staatlichen Förderung ordern (das sind knapp 30.200 Euro netto), die Lieferzeit soll nur 4 Wochen betragen. Das Upgrade auf den 78 kW Akku lässt sich Polestar mit 3.000 Euro brutto (gut 2.520 Euro netto) bezahlen. Wer nicht auf den zweiten Motor und die extra Leistung verzichten möchte, muss 5.470 Euro (rund 4.600 Euro netto) mehr überweisen. Interessant die Farbe: Wie einst beim Ford Model T aufpreisfrei, so lange man schwarz wählt, hier „void“ genannt.

Was bedeutet das?

Der Polestar 2 Single Motor ist ein mehr als ausreichend motorisiertes Fahrzeug im prämierten Design (RedDot 2020). Wer ihn nicht als potenten Sportwagen nutzt, sollte unbedingt zu einer Single Motor Variante greifen. Denn der Verbrauch fällt merklich niedriger aus, was in einer merklich höheren Reichweiteresultiert: Beim Standard Range kommt man laut WLPT 40 Kilometer, beim Long Range sogar 100 Kilometer weiter als der Dual Range. Und spart nicht nur Anschaffungs- sondern auch Stromkosten.

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