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VM-Fahrbericht Ora Funky Cat: Kompakt-BEV mit Biss und optischer Täuschung

Mit Premium-Anspruch in Optik, Haptik und Technik tritt die neue Marke unterm Great-Wall-Dach an, nicht nur die Deutschen das Fürchten zu lehren. Der Kompaktstromer bietet zudem viel High-Tech in Serie, gute Reichweite und viel Fahrspaß. Nur "billig" will er nicht sein. Preiswert schon eher. Allerdings täuscht die Optik "Mini" nur vor, fast ist die Cat wie ein "Schein-Zwerg".

Flott im Stand und in Fahrt: Die Ora Funky Cat lässt sich agil bewegen, wirkt optisch aber kleiner als sie de facto ist. Das Format ist fast auf ID.3-Niveau. | Foto: Ora
Flott im Stand und in Fahrt: Die Ora Funky Cat lässt sich agil bewegen, wirkt optisch aber kleiner als sie de facto ist. Das Format ist fast auf ID.3-Niveau. | Foto: Ora
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Johannes Reichel

Vielleicht liegt es an den Kulleraugen, die eine Mixtur aus Mini und Porsche ins Gesicht des Ora Funky Cat zaubern. Jedenfalls schätzt man den Kompakt-BEV aus dem Great-Wall-Imperium kleiner ein, als er sich dann entpuppt. Mit 4,23 Meter Länge hat die "funkige Katze" Golf-Klasse-Format, ist nur drei Zentimeter kürzer als ein VW ID.3 - und mit 1,60 Meter Höhe ragt der knuffige Stromer aus dem Reich der Mitte auch höher auf wie ein VW ID.3 mit seinen 1,56 Meter. Es handelt sich also um eine Art "optische Täuschung" und man fühlt sich fast an Jim Knopf und den Schein-Riesen erinnert, nur in diesem Fall eher "Schein-Zwerg": Er wirkt aus der Ferne klein und wird beim Nähern immer größer.

Mit dem optisch ebenso kulleräugigen Mini SE, der nur 3,85 Meter kurz und 1,43 Meter flach ist, hat der Ora vom Format nichts zu tun, technisch schon eher. Denn die nächste Mini-SE-Generation nutzt die gleiche GWM-Plattform. Besonders weit her ist es also nicht, mit der Raumeffizienz dieses interessanten Neulings, auf einen "echten" elektrischen Premium-Kleinwagen wird man weiter warten müssen. Oder man kann den Fiat 500e nehmen, der wirklich klein ist. Schade eigentlich, denn im zunehmend verwaisten 4,20-Meter-Kompaktsegment gibt es bis auf ID.3, Renault Megane und den chinesischen Landsleuten mit dem allerdings deutlich günstigeren MG4 viel zu wenig BEV-Angebot. Kompaktkoreaner wie Kia E-Niro oder Hyundai Kona Electric springen leider auch immer mehr auf den Wachstumszug auf. 

Beim Preis kein Kleinwagen: Um die 40.000 Euro ruft man auf

Wobei der Kompakt-BEV von GWM auch beim Preis gar nicht "kleinwagenmäßig" sein will. Zwar ist schon die Basis mit 48 kWh-LFP-Akku von CATL (45 kWh netto) bestens ausstaffiert vom veganen Leder über LED-Leuchten, 2x10-Zoll-Cockpit, Sprachassistenz, Gesichtserkennung, Rundumkamera und einem Arsenal an Fahrerassistenz von Totwinkelwarner bis ACC und Stauassistent sowie Spurhalter und Querverkehrsassi, sie startet aber auch bei 38.990 Euro. Die Katze mit dem 63 kWh-Lithium-Ionen-Akku (59 kWh netto), der ebenfalls von den Landsleuten von CATL stammt und kaum 40 Kilo mehr wiegt, schlägt dann mit 5.500 Euro mehr zu Buche. Er tigert aber auch glatte 400 statt 300 Kilometer weit, bei identischem Verbrauch übrigens: 16,5 kWh/100 km sind es im WLTP. Ein Wert, den wir bei der ersten Testfahrt in Stadt, Land und moderater Autobahn mit 15,9 kWh/100 km knapp unterboten haben. Um die 18 kWh/100 km im Mixbetrieb dürften realistisch sein.

Relativ leichtes Gewicht für gute Effizienz

Dass die Funky Cat recht effizient dahinschnurrt, dafür legt das niedrige Leergewicht von nur gut 1,6 Tonnen die Basis. Und der offenbar sparsame E-Motor, den man ganz konventionell unter der knuffigen Haube untergebracht hat, samt Steuerelektronik. Einen Frunk sucht man hier übrigens vergebens. Allerdings könnte in dem herkömmlichen Layout fast im Stile einer Multiantriebsplattform ein Grund für die mäßige Raumausnutzung liegen: Die hübsche Katzenschnauze kostet schlicht Platz.

Kleiner Kofferraum, für Vier ausreichend Platz

Den Frontkofferraum könnte die Katze allerdings gut gebrauchen, denn mit 228 bis 858 Liter Kofferraum ist sie doch einige Pfotenlängen vom erwachsenen Format eines ID.3 entfernt. Zudem ist der schmale Schacht über eine hohe Kante und eine schmale Luke zugänglich und eine Stufe bleibt auch bei Umlegen der Sitze. Praktisch ist anders. Hier erinnert die Cat dann doch eher an den Mini. Im Fond kommt man mit vier Personen - zu Lasten des Kofferraums - recht gut klar, hat ordentliche Bein- und Kopffreiheit, mittig stört dann eine Stufe den möglichen fünften Passagier. In Summe ist das Raumangebot aber kein Vergleich zur Luftigkeit eines ID.3. Immerhin haben auf den bequemen Rücksitzen alle schöne Aussicht auf das hübsche Zweifarb-Interieur aus veganem Leder mit Steppoptik (Serie) und durch das Glasschiebedach, das sich per Sprachsteuerung öffnen lässt.

Die Sprachassistenz reagiert sensibel

Die intelligente und dem Vernehmen nach sehr lernfähig Sprachsteuerung ist übrigens hypersensibel und hört auf jede Art von "S"-Lauten, weil ihre Betreuer ihr den individuell wählbaren Namen Chris gegeben haben. "Hello Ora" tut's auch, dann gehen Grundbefehle einigermaßen gut über die Bühne. So richtig erschließt sich der ganze Hype um die Sprachbedinung allerdings (noch) nicht, auch wenn mit dem jüngsten Update das Wissen von Wikipedia erschlossen worden sein soll. Gut jedenfalls, dass die "Funky Cat" auch über schön griffige Kipphebel verfügt, mit denen sich die Lüftung regeln lässt, fast schon eine Ausnahme heutzutage. Griffig ist auch das Lenkrad, allerdings etwas dünn der Kranz und groß der Umfang für einen "Optik-Mini". Apropos Akustik: Gar nicht zum Premium-Anspruch passt das blechern und hohl klingende Soundsystem, dem es untypisch für eine Katze an Biss und Dynamik, sprich Bass und Klangfülle gebricht. 

Die Präzision eines Mini SE fehlt dem Ora

Von der Schärfe eines Mini ist die "Funky Cat" in Fahrt auch noch eine Ecke entfernt, das Lenkgefühl ist eher etwas künstlich, dafür leichtgängig wie auch der ganze, für einen Stromer relativ leichte Wagen ziemlich leichtfüßig über die Landstraßen wetzt und lustvoll die Kurven kratzt. Die Straßenlage ist satt, sicher und gut berechenbar. Der Antritt erst recht im Modus Sport von vier Fahrstufen spontan und nachdrücklich, in acht Sekunden, die sich schneller anfühlen, schnellt die Katze aus den Startblöcken auf 100 km/h, obwohl der PSM-E-Motor mit 126 kW formal nicht übermäßig kräftig erscheint.

Die 250 Nm Drehoment zerren öfter mal an den Vorderrädern, vor allem wenn man es beim Kurvenausgang etwas dynamischer angeht, GTI-Gefühle kommen auf. Auch im Eco-Modus der generell nicht sehr ausdifferenzierten Fahrprogramme geht es bei Kickdown noch flott voran, in "Sport" bessert sich vor allem das Ansprechverhalten des Fahrpedals. Grundsätzlich macht der Ora Funky Cat also durchaus einigen Fahrspaß. Zumal die Karosserie steif verarbeitet ist, Schlaglöcher eher straff, aber solide pariert werden und die "Cat" leise läuft und abrollt. Poltern ist dem Fahrwerk fremd. Elf Meter Wendekreis sind allerdings nicht sensationell, auch hier fordert das Frontantriebskonzept Tribut.

Reizüberflutung: Die klugen Systeme meckern ständig rum

Umgekehrt rekuperiert das Fahrzeug recht tüchtig, den Einpedal-Modus muss man sich aber erst mühselig im Menü ertappern. Zudem ist es kein "echter" One-Pedal-Drive, denn das Bremspedal muss für den Stillstand immer getreten werden, die Rekuperation könnte auch noch kräftiger sein. Zudem nervig: Zum Losfahren muss immer manuell die elektrische Feststellbremse gelöst werden, was für diverse "Aufbäumer" bei startwilligen Kollegen sorgt. Die Fahrerassistenz funktioniert ganz ordentlich, bei niedrigem Tempo lässt sich das ACC allerdings nicht aktivieren. Allerdings merkt der Kollege Computer ständig an, wenn etwa die Notlenkhilfe in etwas großzügig ausgefahrenen Radien eingreift oder sonst etwas anfällt oder anliegt.

Überhaupt: Die übertriebene Mitteilsamkeit der all der streberhaften Systeme nervt auf Dauer. Auch die Gesichtserkennung, die einen von der A-Säule her observiert, ist einem irgendwie unheimlich und der Aufmerksamkeitsassistent wirkt bevormundend. "Seien Sie nicht geistesabwesend", heißt es sofort ermahnend, wenn der Blick mal wieder abgelenkt ist, weil man im Menü den Radiosender oder die Lüftung verstellen will ...

Premium?! Nicht beim Laden: Jeder Opel Corsa-e kann mehr

Wo der Hersteller gespart hat, offenbart sich nicht auf der Straße, sondern beim Blick in die technischen Daten: Mit einer Ladeleistung von 63 und 67 kW für den kleinen und den großen Akku, vergehen dann doch 43 respektive 48 Minuten, um die Speicher von 15 auf 80 Prozent zu bringen. Da lädt dann jeder "schnöde", kaum weniger geräumige Opel Corsa-e schneller. Wenigstens in AC lädt die Katze mit 11 kW klassengemäß.

Was bedeutet das?

In seiner Gesamtheit wirkt das Paket also in Teilen inkonsequent und wie auf halbem "Premium-Weg" stehengeblieben. Zudem bietet die "Funky Cat" für die Größe und den Preis zu wenig Platz und Praktikabilität, fünf Jahrs-Garantie ohne Kilometer hin, Fünf-Sterne-Euro-NCAP und sehr kurze Lieferfristen dank vorkonfektionierter Ausstattung her. Eine abgespeckte Budgetversion wie in China und Großbritannien soll es in Deutschland, wo die Emil-Frey-Gruppe den Vertrieb übernimmt, aber nicht geben. Dafür ist der Anspruch dann doch zu hoch. Apropos: Die gestreckte Katze setzt mit dem auf dem Pariser Salon zu sehenden Next Ora Cat ja auch bereits zum Sprung an, dem weitere "Großkatzen" im SUV-Segment folgen sollen. Die "nächste katze" erinnert dann an den Porsche Panamera. Wie gesagt: Der Anspruch ist hoch. 

 

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