VM-Fahrbericht MG4: Frontalangriff auf den ID.3

MG gehört seit 2007 zum chinesischen Staatskonzern SAIC. Der ist dort Partner von VW, baut und vertreibt auch den ID.3. Mit dem MG4 treten die Chinesen in Deutschland just gegen den ID.3 an. Der erste MG auf neue E-Plattform fährt sich zum Fürchten gut, für den Wolfsburger.

Flott in München unterwegs. Der MG4 macht Spaß.| Foto: MG
Flott in München unterwegs. Der MG4 macht Spaß.| Foto: MG
Thomas Kanzler

Der neue MG4 ist mit 4,29 Metern knapp drei Zentimeter länger als der ID.3, hat einen etwas kürzeren Radstand (2,77 beim VW, 2,705 beim MG) und ist dank eines nur elf Zentimeter flachen Akkupaketes auch gute sechs Zentimeter flacher. Tatsächlich wirkt der chinesisch-britische Kompaktstromer durch die stark abfallende Frontpartie und die schmalen Scheinwerfer wesentlich dynamischer als der Wolfsburger, den ausgerechnet die MG-Mutter SAIC (Shanghai Automotive Industry Corporation) in China in Kooperation fertigt (wie auch den VW Tiguan). Überhaupt scheint die Optik des MG stark auf Sportlichkeit getrimmt. Die expressiv gestalteten LED-Leuchten am Heck und der auffällige Heckspoiler bilden den sportiven Abschluss. Trotzdem ist der MG nicht windschlüpfiger als der VW: Beide haben einen cW-Wert um die 0,27.

MG4 bietet viel Fahrspaß

Vielleicht sind die Berührungsängste mit der „neuen, alten“ Marke MG hierzulande geringer als bei anderen chinesischen Newcomern. Die Zeiten der zuletzt qualitativ furchtbar schlechten britischen Autoindustrie sind längt vorbei. Und MG steht nicht mehr für rassige, aber undichte Roadster, sondern für solide Fahrzeuge mit E-Motor. Nach den als Verbrenner konstruierten MG5, MG ZS, Marvel R und MG EHS ist der MG4 das erste Fahrzeug auf einer reinen E-Plattform. Auf dieser Basis haben die Chinesen noch viel vor. Die Modular Scalable Plattform ist für Radstände von 2,65 Metern bis zu 3,20 Metern ausgelegt. Unser Testfahrzeug war mit dem 204 PS (150 kW) starken Motor im Heck ausgestattet, der mit dem 1.765 kg (1.685 kg Leergewicht + Redakteur) wie zu erwarten keine Probleme hatte. Gestartet wird übrigens wie bei Tesla: Das Auto ist immer schon "angeschaltet", sobald man Platz nimmt.

Flottes Fortkommen, agiles Handling

Der 204 PS starke MG4 beschleunigt in 7,9 Sekunden von Null auf 100 km/h, er ist damit 0,2 Sekunden langsamer als der schwächere MG4 mit nur 170 PS und der kleineren Batterie. Bei Tempo 160 werden beide abgeregelt. Das Fahrverhalten des mit einer Fünflenker-Hinterachse gesegneten Hecktrieblers ist tadellos, eher sportlich agil als komfortabel abgestimmt. Die Lenkung ist via Bildschirmmenü einstellbar – hier sollte man, wenn man sportlicher unterwegs sein möchte, eher „mittel“ oder sogar „schwer“ einstellen. Dann wirkt sie vertrauenserweckender und der MG4 macht mit seiner guten Straßenlage auf kurvigen Landstraßen auch bei flotter Fahrt Spaß.

Golf-Talente: Keine Experimente beim Interieur

Im Innenraum ist der MG4 konservativer gestaltet, als das stromlinienförmige Design von außen vermuten lässt. Die Verarbeitung ist tadellos. Natürlich ist in einem Fahrzeug dieser Preisklasse an einigen Stellen Hartplastik erkennbar – was allerdings beim teureren ID.3 nicht anders ist, im Gegenteil ... Schade, dass unser Testfahrzeug innen vom Armaturenbrett bis zu den Sitzen ganz in schwarz gehalten war. Etwas mehr Mut zur Farbe steht dem Interieur gut, da sollte man eher zu den optionalen hellen Bezügen greifen. Und die Priorisierung einer großen Handyablage mittig samt etwas klobigem Drehregler auf der Konsole beschert einem öfter mal Kniekontakt. Lenkstock wäre eleganter und platzsparender.

Viel Platz für die Passagiere, Kofferraum nur durchschnittlich

Vorne und auch im Fond fühlte sich unser 1,90 Meter-Redakteur durchaus bequem untergebracht. Der MG ist Innen größer, als es von Außen zu vermuten ist. Wobei die Entwickler das Hauptaugenmerk auf die großzügige Unterbringung der Passagiere und weniger auf den Kofferraum legten. Das Gepäckabteil misst mit 363 Litern (1.177 Liter bei umgeklappter Rückbank) klassenüblich. Die Bank im Fond lässt sich im Verhältnis 60 zu 40 umklappen, im Fahrzeugboden entsteht dann allerdings eine kleine Stufe. Auf einen Frunk haben die MG-Ingenieure leider verzichtet, das Ladekabel ist im Kofferraum unter dem Ladeboden in einer schicken MG Tasche untergebracht.

Bedienung meist logisch und intuitiv

Die zwei knackscharfen Screens nehmen die ID.-Ideen auf, machen sie aber besser und wertiger: Der kleine Bildschirm vor dem Lenkrad zeigt die wichtigsten Infos, die Gestaltung ist aufgeräumt und übersichtlich. Die Bedienung des Infotainments und der Navigation gibt kaum Rätsel auf. Das meiste ist logisch aufgebaut, MG hat dem „Vierer“ zum Glück noch einige echte Tasten spendiert, besser als das unergonomische Gewische auf den Bedienfeldern beim ID.3.. Assistenzsysteme gibt es reichlich und serienmäßig. Da unser MG4 ein Vorserienmodell war, verzeihen wir ihm auch manche Ungenauigkeit noch. Die Verkehrszeichenerkennung ist beim MG – wie bei vielen anderen Fahrzeugen auch - nicht immer richtig und der Spurhalteassistent benötigt ebenso weiteren Feinschliff. Cooles Feature: Die Kameras übertragen bei Langsamfahrt ihr Bild auf den mittigen Screen, was Verrenkungen mit dem Kopf oft erspart.

Ladeperformance kann sich sehen lassen

Die beiden erhältlichen Akkus unterscheiden sich nicht nur in der Kapazität, sie sind auch in ihrer Zusammensetzung unterschiedlich. Während MG beim kleineren auf einen nicht zuletzt günstigeren Lithium-Eisenphosphat (LFP) Akku mit 51 kW eine Reichweite nach WLTP von 350 Kilometern setzt, soll der größere Nickel-Mangan-Akku (NMC) mit 64 kW für 450 Kilometer (WLTP) gut sein. 

MG ist überzeugt von der Ladeleistung des MG4 und lud zum Zwischenstopp an den Schnelllader. Auf dem Papier versprechen die Chinesen eine Ladeleistung von 135 kW, ein guter Wert für diese Fahrzeugklasse. Von 10 auf 80 Prozent soll so innerhalb von 35 Minuten wieder voll sein. Diesen Wert übertraf der MG4 am HPC-Charger. Angesteckt wurde mit acht Prozent Restkapazität, innerhalb von 27 Minuten war der Akku auf die angepeilten 80 Prozent gebracht, die maximale Ladeleistung stieg bis auf 143 kW und die Ladekurve knickte erst spät ab. Eine Vorkonditionierung für schnellere Ladeleistung ist auch nicht selbstverständlich in dieser Klasse, ebenso wenig wie das bidirektionale Laden: Der MG4 gibt auch Strom ab an extern. Top Performance an der Säule also. In AC wird dann mit ordentlichen 11 kW geladen.

Hoch hinaus: Plattform ist fit für 800 Volt

Für das nächste Jahr ist die Einführung weiterer MG4 Varianten geplant. Neben zwei Modellen mit Allradantrieb und einer Batterie mit 77 kW und über 500 Kilometer Reichweite, soll später auch eine Sportversion mit 300 kW Leistung kommen. Der MG4 ist noch mit einem 400 Volt System ausgestattet ist, die Modular Scalable Plattform ist aber für die 800 Volt-Technik wie bei der Korea-Konkurrenz von Kia und Hyundai vorbereitet. Sogar für Batteriewechselsysteme ist die Plattform geeignet, sodass sich weitere Perspektiven ergeben, sollte sich die Akku-Technologie weiter so rasant entwickeln. Hier hat er dem Wolfsburger Widersacher also einiges voraus.

Preislich liegt der MG4 dagegen sogar einige tausend Euro unter seinem Hauptkonkurrenten aus Niedersachsen, weswegen die Chinesen auch argumentieren, es gebe trotz des ID.3 noch kein elektrisches Angebot in der Golf-Klasse: Sie meinen es vor allem preislich. Der Grundpreis der bereits gut ausgestatteten Basisversion mit 51-kWh-Batterie beläuft sich auf 31.990 Euro, abzüglich Förderung wäre man nahe der 20.000er-Marke - mithin im Verbrenner-Golf-Revier. Die Version mit 64-kWh-Batterie bekommt man dann ab 35.990 Euro, das Topmodell für 37.990,-. So hört der MG4 auf, wo der ID.3 erst richtig anfängt. Und fährt auf dem Preisniveau eines elektrischen Kleinwagens wie dem Opel Corsa-e oder Fiat 500e. Respekt, was sie aus den Resten von MG gemacht haben!

Was bedeutet das?

Wer schnell mit seiner Bestellung ist, kann seinen MG4 noch dieses Jahr erhalten – und von der Förderung profitieren. Laut Pressesprecher könnten die MG4 quasi „vom Schiff“ aus verkauft werden, so gut lässt sich die Nachfrage an. MG punktet zudem mit einem Garantieversprechen von sieben Jahren – im Gegensatz zu den mageren zwei des Volkswagen-Konzerns beim ID.3. Da erwächst dem Wolfsburger also äußerst ernsthafte Konkurrenz vom fernöstlichen Partner SAIC.

Diese Partnerschaft ist aber ganz schnell vergessen, wenn es um Marktanteile in Europa geht - und im größeren Bild um die weitere Expansion chinesischer Technologie auf Schlüsselfeldern, die die rigide KP-Regierung ihrer Wirtschaft verordnet hat. Und die Marke MG aus dem gewaltigen Staatskonzern SAIC ist einer der vielen Antreiber aus dem Reich der Mitte im Autosektor und soll sukzessive den Markt erobern. Der MG4 hat die Fähigkeiten dazu. tk/jr  

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