VM-Fahrbericht Mercedes T-Klasse: Der bessere Kangoo mit Strom-Potenzial

Zwar müssen Kunden sich bis zur BEV-Variante des gründlich auf Benz-Gene adaptierten Renault-Kooperations-Vans gedulden. Aber immerhin fährt auch der Diesel schon enorm sparsam. Der verfeinerte Großraumkombi setzt mit hoher Raumeffizienz einen wohltuenden Gegenakzent zum SUV-Wahn und ist ein ideales Gefährt für automobile Pragmatiker.

Flott, sparsam und raumeffizient: Die T-Klasse ist der ultimative Anti-SUV - und kommt bald auch noch elektrisch - als EQT. | Foto: Mercedes-Benz
Flott, sparsam und raumeffizient: Die T-Klasse ist der ultimative Anti-SUV - und kommt bald auch noch elektrisch - als EQT. | Foto: Mercedes-Benz
Johannes Reichel

Es ist ein Dilemma, aber allen Krisenerscheinungen und Klimawarnungen zum Trotz feiern großformatige und schwere SUV einen Verkaufsrekord nach dem anderen - und die Gattung der Großraumlimousinen bröselt allmählich weg. Gut, dass es noch "hybride" Fahrzeuge wie die gemeinsam mit dem Partner Renault auf Basis des Kangoo/Citan neuentwickelte Mercedes-Benz T-Klasse gibt, die auf eine private und gewerbliche Klientel mit einem höheren Anspruch an Ausstattung, Anmutung und Appeal zielen, die dabei aber einen gewissen optischen Pragmatismus walten lassen und für die Funktion vor Form geht. Denn die ist - obwohl die Neuauflage des zuvor schon als Kangoo-Ableger vertriebenen Citan deutlich adretter daherkommt - weiterhin doch ein "Kastenwagen".

Doch warum nicht mal mehr "Kasten wagen", wenn der einem so gut wie alles ermöglicht, was Automobilität ausmacht: Vom Alltag mit einem relativ kompakt bauenden und platzsparenden 4,50-Meter-Mobil mit bis zu sieben Sitzplätzen bis zur Urlaubsfernreise mit Kind & Kegel oder kleineren Fracht- und Transportaufträgen bis zu 2,2 Kubik Volumen. Immer wieder praktisch: zwei seitliche Schiebetüren. Einfach toll: Die mit einem Handgriff nach vorn schnalzenden, asymmetrisch geteilten, relativ bequemen Rückbänke, die ohne weitere Ausbaumaßnahmen eine fast ebene Fläche bilden, die fast nach einem Campingausbau schreit. Wer eine Anhängekupplung kombiniert, darf bei dem leer dann doch 1,6 bis 1,8 Tonnen schweren Fahrzeug mit 2,2 Tonnen Gesamtgewicht sogar 1.500 Kilo an den Haken nehmen. Nur die Nutzlast fällt mit 350 bis 538 Kilo etwas mau aus für ein solches Kaliber. Eine clevere Dachreling lässt sich schnell ausklappen und erweitert das Spektrum nach oben. Fertig ist das Universalgefährt(e). Das Beste daran: Er kommt bald auch vollelektrisch. Wobei es dann mit den Fernreiseplänen nicht zu weit her sein sollte, alles andere bewältigt der Stromer unter dem Label EQT mit dann 285 Kilometer Reichweite aus den 45-kWh-Akkus problemlos.

Sparsamer Diesel könnte sich lohnen

Doch einstweilen startet das Allzweckmobil als Diesel und Benziner durch, sämtlich sauber nach Euro 6D, wobei der Selbstzünder das gelegentliche Nachfüllen des ebenso wie der Diesel teuer gewordenen NOx-Reduktionsmittels AdBlue erfordert. Immerhin und um hier mal wieder eine Lanze für den effizientesten aller Verbrenner zu brechen: Der Diesel könnte sich lohnen. Denn die stärkere 116-PS-Version (270 Nm) blieb bei unserem Stadt-Land-Autobahn-Exkurs in Richtung Starnberger See gleich drei Liter unter dem Verbrauch des auf der gleichen Strecke gefahrenen Benziners. Man kann es erst gar nicht glauben, aber bei Landstraßengezuckel mit ein paar Ortsdurchfahrten meldet der Bordrechner Schnitte von 3,5 l/100 km. Über die Gesamtstrecke kam der recht ruhig laufende und diskret vor sich hin brummelnde Selbstzünder mit 4,0 l/100 km laut Bordcomputer aus, während der 1,3-Liter-Turbo-Benziner mit 7,1 l/100 km doch mehr Anstrengung vermeldete. Die von den Vorfahrern strammer gefahrene Gesamtdistanz von knapp 100 km bewältigte der Kasten-Benz mit dem sparsamen Renault-Motor mit 5,3 l/100 km. Was für ein Fahrzeug mit diesem Platzangebot ein exzellenter Wert wäre und jedem Diesel-SUV zur Ehre gereichen würde. Klar, auf der Autobahn lässt man es bei gut 120 km/h bewenden, um die stattliche Stirnfläche bei 1,81 Meter Höhe und 1,86 Meter Breite nicht in überbordenden Verbrauch zu übersetzen. In beiden Fällen erleichtert übrigens ein optionales 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe den Alltag enorm. Es sortiert brav, stimmig und zügig.

Mehr Komfort und Sicherheit denn je

Dadurch geht es umso leiser zu im ohnehin deutlich besser als früher gedämmten Großraumvan, wozu auch die reichliche Textil- und Dachverkleidung beiträgt. Der mit dem legendären Namen "T-Klasse" geadelte Transporter verfügt zudem über zahlreiche Annehmlichkeiten in Serie, die beim gewerblicher orientierten Citan extra kosten, wie das genau richtig formatierte "kleine" 7"-MBUX-Infotainment mit knackscharfem Screen sowie App-Anbindung mit Fernabfrage diverser Infos, dem 5,5"-Zentraldisplay und immer besserer Sprachbedienung oder ein Lederlenkrad. Serienmäßig ist auch eine Ambientebeleuchtung, aufrüsten lässt sich der Transporter zum Edel-Van in diversen Stufen, für schicke Akzente sorgt das nubukartige Neotex-Material oder wahlweise die Ledernachbildung Artico. Dazu kommt natürlich das bald unverzichtbare "keyless Go & Start", LED-Hauptfahrscheinwerfer und serienmäßige Fahrerassistenz, wahlweise ausbaufähig bis auf Level 2 des automatisierten Fahrens, sprich inklusive Abstandstempomat (der etwas später als Option kommt). Im Vergleich zum zu weich und undefiniert abgestimmten Renault wirkt das einzelradaufgehängte Fahrwerk mit einer Verbundlenkerachse hinten im Übrigen deutlich straffer, die Lenkung präziser und das Fahrzeug insgesamt agiler und macht mehr Fahrspaß. Sodass man durchaus vom "Teutonen-Kangoo" sprechen kann. Und das ist überaus positiv gemeint.

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