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VM-Fahrbericht Maxus Mifa 9: Bemannte Raumfahrt ohne Platz

Mit ungewöhnlicher Optik, vollelektrischem Antrieb und Luxusausstattung will sich der Mifa9 als "Sharan der Modern" positionieren. Das funktioniert nur mäßig. Denn an die Raumausnutzung eine ID.Buzz oder des konventionellen Sharan reicht der Fernost-Van nicht. Auch sonst gibt's eher elektrische Hausmannskost.

Mehr Kasten wagen: Der Mifa9 gibt sich klar die Kante. | Foto: Maxus
Mehr Kasten wagen: Der Mifa9 gibt sich klar die Kante. | Foto: Maxus
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Johannes Reichel

Ein Hingucker ist der Maxus Mifa 9 allemal: Die für hiesige Augen gewöhnungsbedürftige Optik sorgt bei der Fahrvorstellung im beschaulichen Würzburg jedenfalls für viel Aufmerksamkeit und staunende Blicke. Elegant ist das Design zwar nicht gerade, das Blechkleid sitzt eher wie ein weit schlackernder Anzug von der Stange denn wie eine Slim-Fit-Textilie. Aber wenn es denn der Sache dient, sprich, innen "unendliche Weiten" in einem laut Hersteller "Premium E-Shuttle" zu erschließen, sollte es recht sein. Doch beim Öffnen der Türen folgt die Ernüchterung über die Großraumlimo aus dem Imperium des Staatskonzerns SAIC auf den Fuße. Zumindest, wenn man in der Erwartung der Außenmaße von 5,27 Länge, 2 Meter Breite und 1,84 Meter Höhe an das mobile Objekt herangeht. Denn die fetten Fauteuils nehmen irgendwie so viel Platz weg, dass kaum Raum für die Beine bleibt. Vor allem in der letzten Reihe hockt man eher als dass man sitzt. Und in Reihe 2 sorgt der topfebene Boden - ein Problem vieler Großraumlimousinen, erst recht im Elektrozeitalter, dafür, dass die Beine stärker angewinkelt sind. Die ausfahrbaren Fußrasten ergeben da wirklich kaum einen Sinn, vorne stören seltsame Bodenschalen eine natürliche Fußposition unterm Sitz.

Zum Vergleich: 5,27 Meter, das ist länger als ein VW T7 Multivan L2 oder Vito Tourer L2. Oder, wenn man es denn ganz modern mag: Ein VW ID.Buzz Pro schafft auf 4,71 Länge (und leider ähnlich stadtfeindlicher Breite) ein deutlich luftigeres Raumgefühl, viel mehr Beinfreiheit, vom riesigen Kofferraum ganz zu schweigen. Der ist beim Mifa 9 zwar in Ordnung, aber richtig viel Platz für Gepäck ist mit dem schmalen Schacht nicht. Formal sind es mit 466 l Kompaktklasse-Werte. Die Sitze der letzten Reihe lassen sich klappen und auf den in den Boden eingelassenen Schienen verschieben, aber nur mühselig ausbauen. Ganz zu schweigen von den dicken Salonsesseln in Reihe zwei. Von den maximal möglichen 2.179 Liter Volumen hat man also selten etwas. Im Zweifel steht eine riesige Kiste ziemlich sinnfrei im Kofferraum, bis man mal Platz für sieben Personen braucht.

Ein langer ID.Buzz bietet deutlich mehr Platz, ein kurzer auch ...

Das geht mit dem Mifa nicht. Der für Sommer avisierte ID.Buzz Pro in Langversion schafft noch viel mehr Raum (als man braucht) auf weniger Fläche (4,96 m Länge) und bringt mittels dritter Bank die Siebensitzigkeit. Jeder konventionelle VW Sharan (wahlweise Ford Galaxy) war auf deutlich weniger Fläche flexibler, mit seinem genialen Falt- und Versenkkonzept der Sitze entstand im Handumdrehen ein Kleintransporter oder Mix-Van für Mensch und Material. Und bot nebenbei - wie alle Verbrenner - viel mehr Anhängelast als die 1.000 Kilo, die beim Mifa an den Haken dürfen. Ein Dachträger ist im Übrigen gar nicht vorgesehen. Das verhindert wohl das riesige Panoramaglasdach, das im Luxury-Paket enthalten ist und das das Gewicht weiter treibt und die Zuladung von formal anständigen 690 Kilogramm schmälert. Bis auf drei Tonnen ist der Mifa beladbar. So weiß man nicht recht, was man mit diesem üppig ausstaffierten Konzept aus dem Reich der Mitte anfangen soll. Es scheint eher auf amerikanische oder chinesische Kunden zu peilen, die einen Raumkreuzer suchen und viel Platz im Zweifel vor dem eigenen Haus zum Parken haben.

Gemütliche Gangart, träges Handling

Und wie fährt der elektrische Luxusliner aus Fernost? Sehr kommod, muss man sagen, aber auch irgendwie indifferent und im Handling eher träge. Man schwebt bei gedämpfter Geräuschkulisse durch den Stadtverkehr und cruist Überland dahin, aber eine rechte Verbindung zwischen Fahrer und Fahrzeug kommt über die diffuse Lenkung ebenso wenig auf wie Fahrspaß wie beim heckgetriebenen und deutlich dynamischeren Elektro-Bulli. Zumal der Frontantrieb mit seinen 180 kW und 350 Nm Drehmoment die Vorderräder schnell mal an die Grenzen der Traktion bringt. Erst recht, wenn man die flotten 9 Sekunden auf 100 km/h partout erreichen will, was dem Mifa9 gegen sein gelassenes Naturell geht. Den Power-Modus kann man getrost "stecken lassen".

Und zudem brockt der Frontantrieb dem Großraumvan einen üppigen, transportermäßigen Wendekreis von 12,7 Meter ein. Immerhin: Die Kompaktheit des Synchronmotors sorgt dafür, dass man vorne noch über einen "Frunk" verfügen kann, etwa um in dem 55-Liter-Fach die Ladekabel unterzubringen. Apropos: Der gewaltige 90 kWh-Lithium-Ionen-Akku (93 kWh Brutto) unterflur trägt seinen Teil zum üppigen Gewicht von knapp 2,4 Tonnen bei und dem eher trägen Handling des Raumschiffs aus dem Reich der Mitte. Das Energiepaket soll genügen für 435 Kilometer gemäß WLTP, in der Stadt sollen 580 Kilometer drin sein. Die erste Tour mit Stadt- und Überlandgezuckel deutete an, dass das schwierig werden könnte: mit üppigen 24,9 kWh/100 km waren wir unterwegs.

Eher moderate Ladeleistung - ungeschliffene Fahrerassistenz

Nachfüllen lassen sich die Energiespeicher über den eher unpraktisch platzierten Ladestutzen auf der Fahrerseite am Heck, in DC mit nicht überragenden 120 kW soll eine halbe Stunde genügen, um von 30 auf 80 Prozent zu kommen, im Vergleich zum ID.Buzz mit 170 kW DC-Leistung und 5 bis 80 Prozent in der gleichen Zeit kein berauschender Wert. In AC geht es mit 11 kW zur Sache, 8,5 Stunden brauchen die großen Speicher dann von 0 auf 100 Prozent. In Sachen Fahrerassistenz muss man konstatieren, dass der Hersteller zwar formal alles reinpackt, was derzeit so an Sensorik verfügbar ist, vom Abstandstempomaten mit Verkehrszeichenerkennung über Spur- und Spurwecheselassistent bis hin zum Querverkehrswarner mit Notbremse. Aber die Feinabstimmung lässt doch noch arg zu wünschen übrig. Und so deaktiviert man etwa den übernervösen Spurhalter auf der Landstraße schnell, genervt von den ganzen Gefiepe und Angemerke des Kollegen Computer. 

Kein Schnäppchen: Eher über ID.Buzz-Niveau

Und wer jetzt denkt, na, dafür wird der Mifa9 ein Schnäppchen sein, den Zahn muss man auch gleich ziehen: Ab 58.000 Euro startet die Preisliste, wobei serienmäßig traditionell schon fast alles an Bord ist, neben der Fahrerassistenz zwei elektrische Schiebetüren, Klimaautomatik, (ein ziemlich träges) 12,3"-Touchscreen-Infotainment, ein keyless-entry-System sowie eine Wärmepumpe. Die Materialien bemühen sich vor allem um wertige Optik, die die Haptik dann nicht immer hält - teils ist viel Bling-Bling aus lackiertem Pseudochrom und Hartplastik verbaut. Von Vertrauen in die eigene Technik immerhin zeugt die Fünf-Jahres-Garantie auf das Fahrzeug bis 100.000 Kilometer und eine Acht-Jahres-Garantie auf den Akku bis 200.000 Kilometer. Mit dem Luxuspaket und der trendigen Bicolor-Lackierung, Glasdach, getönten Scheiben und 360-Grad-Kamera treibt man den Preis auf 65.000 Euro. Dafür bekommt man dann auch - siehe oben - eine schicken zweifarbigen und üppig ausgestatteten ID.Buzz Pro. Und der hat dann richtig Platz.

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