VM-Fahrbericht Dacia Spring: Der Wagen, der die Welt rettet

Konsequent reduziert auf's Wesentliche überrascht Renaults China-Transfer als kluges, bezahlbares Elektromobil für Stadt und Überland, das sich dank niedrigem Gewicht flott und effizient bewegen lässt.

Spring ins Feld: In der Tat schnellt der Dacia-Budget-Stromer wie eine Raubkatze, die einer Automarke den Namen gab, aus den Startlöchern. | Foto: J. Reichel
Spring ins Feld: In der Tat schnellt der Dacia-Budget-Stromer wie eine Raubkatze, die einer Automarke den Namen gab, aus den Startlöchern. | Foto: J. Reichel
Johannes Reichel

Hoppla, der springt ja ganz schön los: Der Dacia Spring macht seinem Namen alle Ehre. Und belehrt dabei alle, die meinen, bei Elektroautos sei es quasi egal, wie schwer sie sind, weil die Trägheit der Masse aus dem Stand so spielend überwunden wird - und dann die Rollenergie genutzt. Der maximal reduzierte Anti-Bolide zu all den fetten und locker doppelt so schweren Elektro-Boliden à la Audi e-tron, Mercedes EQC, BMW iX oder Volvo XC40 als für Europa adaptiertes China-Derivat des Renault K-ZE wiegt gerade einmal eine gute Tonne. Und wer zuvor in den technischen Daten geblättert hat und ob der spärlichen 33 kW und 125 Nm des im halbleeren Motorraum platzierten Elektromotörchens die Nase rümpfte, der sieht sich angenehm überrascht, wie wir bei der ersten Ausfahrt.

Flott tritt das Wägelchen an, die Maschine hat mit dem Floh leichtes Spiel und man schwimmt nicht nur mit, sondern lässt die meisten Verbrenner beim Ampelstart (0-50 km/h 5,8 s), aber eben auch beim Zwischenspurt lässig hinter sich. Die Performance passt also, auch wenn der Spring-Antrieb neben dem AVAS-Langsamfahrgeräusch munter vor sich hin surrt und seine in diesem Fall elektrische Bauart nie verhehlt. Rekuperiert wird genau einstufig, die Strategie ist eher auf "Rollen lassen" programmiert, sodass man vor der Ampel den vor lauter "One-Pedal-Driving" fast verlernten Tritt auf das reaktionsschnelle Bremspedal nicht vergessen sollte.
 

Leicht erlaubt auch bessere Effizienz

Ein weiterer, auch bei E-Fahrzeugen nicht zu leugnender Vorteil der Leichtigkeit: Die Effizienz. Die Mix-Runde aus Stadt, Überland und einem Stückchen Autobahn absolvierte der Strom-Mini mit 12,4 kWh/100 km, in der Stadt hungert man das leichte Wägelchen auch mal auf 10 kWh/100 km runter. Und anders als der überhaupt nicht artverwandte und deutlich teurere Twingo Electric neigt der Spring auch bei schnellerer Gangart nicht zum saufen, respektive ziehen. Wobei es ab 100 km/h schon so laut wird von den üppigen Wind- und kaum weniger intensiven Abrollgeräuschen und das Wägelchen mit den 14-Zöllern nervös jeder Spurrille hinterherspringt, dass man die Langstrecke nicht unbedingt sucht mit diesem Mobil. Eher taugt der Spring für alltägliches Gezuckel und Gependel aus dem Umland und wenn es denn sein muss in die Stadt.

Solche Autos braucht die Stadt: Platzbedarf minimal

Denn da klotzt der chinesische Franzose mit einem superhandlichen Wendekreis, extrem lockerem und leichtgängigem Handling und Abmessungen, die jede noch so "hohle Gasse" oder kleine Parklücke meistern. Irre, schon lange hatte man kein Auto mehr "in der Reißen", das man locker mit einer Armspanne fassen konnte - 1,58 Meter Breite, um genau zu sein. Die Übersicht ist top, jeden Winkel hat man gut im Blick. Wer es flotter angehen lässt, kann sich auf eine dank tiefem Schwerpunkt recht satte Straßenlage verlassen, man fühlt sich keineswegs unsicher in dem kleinen Gefährt(en). Auch der Federungskomfort geht durchaus in Ordnung, der Spring erweist sich als nicht zu sprunghaft und verarbeitet den gröbsten Unbill passabel.

Erstaunlich geräumig für die Größe

Trotzdem wirkt der 3,74 Meter kurze Wagen innen keinesfalls winzig. Man hat zumindest vorne ausreichend Platz, hinten wird es eng, wenn der Fahrer über 1,80 misst, der Kopfraum ist überall gut und reichlich vorhanden. Die unter der Rückbank verstauten, 186 Kilo leichten 27,4 kWh-Akkus verlangen dann doch nach einem gewissen Maß. Dafür spendiert der Spring einen recht üppigen, über einen winzigen Taster öffenbaren Kofferraum von 290 bis 1.100 Liter, sogar ein Ersatzrad findet im Unterboden Platz, Ablagen gibt es genug und groß dimensioniert, das Handschuhfach macht sich mächtig tief.

Das halbwegs ansehnliche, reichlich verbaute Hartplastik ist sicherlich sehr preisbewusst gewählt, Fensterheber mittig platziert, Scheibenwischer einblättrig und mit simpler Düse in der Haube. Aber hey, das funktioniert alles und macht seinen zugedachten Job. Auch die Drehregler der Lüftung und für den Fahrmodus (Vorwärts-Rückwärt-Neutral) sind fast schon eine Wohltat. Der "Zündschlüssel" zündet zwar nichts, wird aber trotzdem gedreht, um den E-Motor in Betrieb zu setzen. Ein klassisches "All-you-need-car" ist der Spring damit. Das in der sogenannten "Business"-Variante, die  jetzt beim französischen Vermieter Le Clerc in Erstdienst ging, zwar arg "auswaschbar" mit ihren Kunstledersitzen daherkommt, aber immerhin so robust erscheint, dass sie für Carsharing prädestiniert wäre.

Kein karges Verzichtsauto

Privatkunden werden die netter gemachten "Comfort" oder "Comfort Plus"-Versionen mit ein paar orange-farbenen Innen- und Außen-Akzenten präferieren. Bei letzterer ist auch das 7"-Multimediasystem nebst eigentlich unnötiger Rückfahrkamera Serie, sonst kommt der Basic-Stromer mit allem was wirklich wichtig ist: Sechs Airbags, Notbremsassistent, Klimaanlage (ohne Wärmepumpe), Lichtsensor. Der SUV-Look ohne die üblichen SUV-Nachteile des erhöhten Platzbedarfs werden viele Kunden zu schätzen wissen, zumal man die großzügigen Beplankungen mit Kunststoff auch als Schutz vor Remplern und Kratzern sehen kann.

Und als wir den per Stäbchen bedienbaren Bordcomputer im schlichten, aber klar informierenden Display gefunden haben und vom ebenso schlichten, aber simpel zu dirigierenden TomTom-Navi im Infotainmentsystem präzise und lispelnd gelotst wurden, kam das Gefühl auf: Was braucht man mehr, um effizient und leicht von A nach B zu gelangen.

Runde Stunde: Für den kleinen Akku braucht es auch kein HPC

Zum 6,6 kW-AC-Lader kommt sogar ein optionaler 30-kW-DC-Lader, mittels dessen Hilfe sich der Spring binnen einer Stunde wieder auf über 200 Kilometer Reichweite bringen lässt. Und die sind sogar realistisch: Der Akku ist im Stadtgezuckel kaum "klein" zu kriegen, die Anzeige hält stur Kurs und man erfreut sich an der irren Effizienz des Elektroantriebs. Da schluckt der parallel gefahrene Volvo XC40 Recharge PE schon mal das Dreifache an Strom! Und mehr als das Dreifache an Geld. Denn natürlich will der Spring als echter Dacia punkten und rollt am 20.490 Euro zu den Händlern, ist abzüglich Prämie dann das viel geforderte 10.000-Euro-Elektro-Auto.

Elektrischer Einstieg und Alternative zum e-Up & Co

Mithin ist der Spring eine zwar markentypisch ziemlich nüchterne Alternative zum chronisch ausverkauften Trio VW-eUp/Seat Mii Electric/Skoda Citigo iV oder firmenintern dem teureren und höher positionierten Twingo Electric, der freilich eine ganze Ecke mehr französischer Lebensfreude und Esprit vermittelt. Ähnlich der Fiat 500e, der aber schon fast Premium-Kleinwagen sein will. Start-ups wie ein eGo Life haben es in Anbetracht solcher Angebote argumentativ jedenfalls immer schwerer. Und den Antrieb in einer gewerblichen Version des Dacia Spring als Alternative zum teuren Kangoo Electric, würde man auch gerne sehen, ein Spring Cargo sozusagen. Chapeau, Renault, so geht's mit der Demokratisierung der E-Mobilität.

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