VM-Fahrbericht BYD Atto 3: Außen brav, innen wild

Er dürfte BYDs Topseller werden und wird groß bei Sixt eingeflottet: Der BYD Atto 3, ein elektrisches Kompakt- SUV, das Innen mit neuen Ideen punktet. Was er kann, davon erfuhren wir in Paris erste Eindrücke. 

Erste Ausfahrt in Paris: Der BYD Atto 3. | Foto: G. Soller
Erste Ausfahrt in Paris: Der BYD Atto 3. | Foto: G. Soller
Gregor Soller

BYD – „Build your dreams“ steht tatsächlich ausgeschrieben am Heck – falls man das Kürzel nicht kennen sollte. Wir öffnen die Tür und sofort fällt unser Blick auf die „Gittarensaiten“, welche als Türtaschen dienen – wir zupfen sofort daran – und ja, sie klingen. Nicht gut genug für ein Gitarrensolo, aber immerhin – Kids können ihre Eltern auf langen Strecken damit sicher zu Tode nerven. Auch sonst bietet der Atto 3 innen viele erfrischend neue Ideen, von denen viele aus Sport und Fitnessstudio entlehnt sein sollen. Trotzdem behielten die Chinesen viele Taster und Schalter bei, sodass man sich sofort intuitiv zurechtfindet. Auch Ergonomie und Sitzposition passen auf Anhieb.

Ein BYD-Special: Der eigene "Blade-Akku"

Technisch nutzt der Atto 3 nicht die neue 800-Volt-Elektroplattform des Konzerns, sondern bleibt bei 400 Volt. Eine Besonderheit sind die Lithium-Eisenphosphat-Blade-Akkus (LFP), die eine besonders hohe Energiedichte aufweisen sollen – BYD nennt 140 Wh/kg.

Zeit, den wie im Flugzeug angeordneten Schubhebel auf der Mittelkonsole zu betätigen und zu starten. Wir haben in Paris einen Slot zum Verlassen der Messe erhalten und fliegen auf die Straßen hinaus. Dort benimmt sich der Atto im besten Sinne unauffällig: Selbst grobe Kanaldeckel weiß er ordentlich zu glätten – grundsätzlich sind Federung und Dämpfung eher komfortabel ausgelegt, was auch für die Lenkung gilt, die etwas knackiger sein könnte, grundsätzlich aber keinen Anlass zur Klage gibt. Es knarzt und knistert nichts und der Atto 3 fällt auch nicht mit irgendwelchen Weichmacher-Ausdünstungen auf, die manchen China-Modelle immer noch auszeichnen.

Überall exakt im Zentrum des Marktes

Der 60,5-KWh-akku soll für bis zu 420 Kilometer nach WLTP gut sein, bei unserem Testwagen sind es erwartungsgemäß eher 310 plus minus x, das hängt ganz von den „Flugbedingungen“ ab. Die BYD-eigene „Blade-Battery“ allein wiegt rund 420 Kilogramm –trotzdem hält der Atto 3 für ein 4,45-Meter-SUV mit rund 1.750 kg Leergewicht noch Maß. Und nicht nur an der Blende an der C-Säule orientiert er sich am VW ID.3/ID.4 – auch bei der Leistung: Er bietet bis zu 150 kW (204 PS) zwischen 5000 und 8000 Touren (schön, dass BYD das so exakt angibt) und bis zu 310 Nm zwischen 0 und 4.620 Umdrehungen. Im Alltag immer genug, wenngleich er sich im Eco-Mode eher nach 150 PS statt kW anfühlt – was für alle Stromer irgendwie zutrifft, da man sich in den letzten Jahren fatal an die hohen Leistungswerte gewöhnt hat. Das Umschalten in Sport kann man sich eigentlich sparen, die Unterschiede fallen nicht so gravierend aus. Auch die Rekuperation kann man verstellen, wobei BYD sich hier den One-Pedal-Mode spart. Nehmen vier Personen Platz, finden sie den, auch wenn alle 1,9 Meter groß sind –im Kofferraum bleiben ordentliche 440 Liter Volumen, erweiterbar auf bis zu 1.338 Liter. Auch hier bietet der Atto 3 exakt das, was man braucht.

Achtung - die Basis lädt AC nur einphasig mit 7 kW

Etwas geizig ist die Basisausstattung „Active“ allerdings beim AC-On-Board-Lader, der nur 7 kW kann - Comfort und Design ziehen mit bis zu 11 kW. Und Schnellladen klappt mit bis zu 150 kW, dann hat man von 10 auf 80 Prozent in 44 Minuten geladen. Von null auf 80 Prozent soll es 80 Minuten dauern. Einphasig mit 7 kW dauert eine Komplettladung laut BYD neun Stunden und 42 Minuten, mit 11 kW dreiphasig sechs Stunden dreißig Minuten. Die Preise starten bei 42.245 Euro brutto, das sind genau 35.500 Euro netto. Zum Vergleich: Der billigste VW ID.4 startet bei 46.335 Euro, das sind mit 150 kW und 77-kWh-Akku.

So ganz günstig kann und will der Atto 3 gar nicht sein – die Zeiten, in denen China nur Billigflieger produziert wurden, sind vorbei – stattdessen tastet sich BYD selbstbewusst in die Flughöhen der Business-Class vor.

Was bedeutet das?

Punktlandung: Der Atto 3 ist exakt in der Mitte des weltweiten Kompakt-SUV-Marktes positioniert, aus dem er auch nicht groß herausragt – bis auf den wirklich gut gemachten witzigen Innenraum. Der zusammen mit der Lieferfähigkeit den Entscheid für den elektrischen „Traum“ sein könnte. Man darf gespannt sein, wie viele Kunden sich diesen Traum erfüllen respektive „bauen“.

Printer Friendly, PDF & Email