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VM-Fahrbericht Benno Boost-E 10D CX: Ein Etility-Bike als Autoersatz

Das Etility-Bike, so bezeichnet der kalifornisch-berlinerische Unternehmer seine Räder, die nicht nur lässig aussehen, sondern extrem nutzwertig designt sind. Nicht ganz billig, aber dafür ersetzen sie mit zahlreichen Anbauten und Zubehör wirklich das eigene Mobil. Wir waren mit dem Boost-E auf Tour - und angetan.

Für ein Auto ist es preiswert: Das Benno Boost-E 10D startet bei etwa 5.000 Euro und lässt sich mit diversen maßgeschneiderten Anbauteilen zum "Kleintransporter" und Familienshuttle aufrüsten. | Foto: J. Reichel
Für ein Auto ist es preiswert: Das Benno Boost-E 10D startet bei etwa 5.000 Euro und lässt sich mit diversen maßgeschneiderten Anbauteilen zum "Kleintransporter" und Familienshuttle aufrüsten. | Foto: J. Reichel
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Johannes Reichel

Dass ein Drahtesel als Lastesel nicht fad und öko aussehen muss, mit diesem Anspruch ist Benno Bike aus Berlin angetreten, die Branche aufzumischen. Der Berliner Gründer mit kalifornischer Connection Benno Baenziger baute die Marke seit 2015 auf und war jüngst auch bei den E-Bike-Days in München zentral am Olympiasee präsent. Nicht den Verzicht predigt oder den erhobenen Zeigefinger pflegt man hier - schon gar nicht die These, die Leute sollten nun aber mal dringend auf's Auto verzichten. Es ist eher der Ansatz: Probier's doch einfach mal aus. Und der Rest wird folgen, wie uns ein Mitarbeiter erklärt. Sprich: Die Begeisterung fürs Bike.

"Ich habe Benno Bikes 2015 mit dem Ziel gegründet, das Fahrraddesign noch einmal neu zu erfinden. Nicht nur, um mehr Menschen zum Radfahren zu inspirieren, sondern um sie zu befähigen, mehr zu fahren. Sich einen Helm zu schnappen und die Autoschlüssel liegen zu lassen", erklärt der einstige Skate- und Snoboard-Pionier.

Als Designer sei er vom Potenzial der Elektrifizierung begeistert, weil die elektrische Unterstützung Hügel flacher macht, Entfernungen verkürzt, Gegenwind dämpft und das Gewicht der Ladung verringert. Aus seiner Sicht bleibe am Ende nur noch die Freude am Fahren auf zwei Rädern. Baenziger meint, dass die meisten Fahrradhersteller noch nicht wirklich verstanden hätten, welchen Einfluss die Technologie der elektrischen Unterstützung auf unsere tägliche Verkehrsmittelwahl hat. Die Autohersteller vielleicht auch nicht, könnte man hinzufügen.

Übersetzt heißt das Benno-Credo: Dass die Lasten-Pedelecs sehr viel Spaß machen zu fahren. Dass man ohne Anstrengungen alle Einkäufe und Besordungen per Rad erledigen kann, die Kinder vom Kindergarten abholt oder ins Büro pendelt. Die Benno-Räder wollen das ultimative "Allzweckmittel" sein. Wie meinte der Mitarbeiter: Bei einem Auto fragt man ja auch nicht, ob ein Kofferraum dabei ist und man Sachen mitnehmen kann. Stimmt natürlich. Bei bis zu 200 Kilo Tragfähigkeit der Räder bleibt auch fast kein Auftrag unerfüllt. Und bei der Fülle an Anbauteilen, Extras und Modifikationen auch nicht. Gut, das treibt den Preis unseres kommunalorangenen Boost-E 10D mit Bosch Performance CX und Deore 10-Fach-Kettenantrieb dann weit über die 5.000-Euro-Marke, ein Truck-Bag XXL kostet 219 Euro, eine High-Rail-Gepäckträger-Erweiterung 169 Euro, ein Frontträger 199 Euro, der Gepäckträger mit Seitenlader 399 Euro usw. Und klar, dass es auch einen Surfbrett-Halter gibt.

Im Vergleich zu Canyon schon selbstbewusste Preise

Ganz schön üppig, wenn man bedenkt, dass man für die Hälfte auch ein Canyon Precede:ON AL mit 11-fach-Deore und Bosch Active Line-Antrieb und für 3.500 Euro einen geschlossenen Gates-Enviolo-Riemen-Antrieb mit Bosch Performance Line bekommt, das zwar keinen langen Gepäckträger und Frontträger-Option hat, aber sich mittels Alukörben durchaus auch zum kompakten Lastenrad aufrüsten lässt. Dafür bekommt man beim Benno neben der Coolness auch ein neues "Auto" mit hohem Spar- und Spaßfaktor, das Pendler-, Transport-, Familien- und Freizeit- und Reiserad in einem sein soll.

In der Tat steigt man in der neben dem "Step Trough"-Modell erhältlichen "Herrenversion" sehr locker über das tief gezogene Oberrohr, sitzt dann eher lässig und bequem aufrecht auf dem ebenso eher komfort- denn sport-orientierten Sattel und hat den Lenker mit dem ultrakurzen Vorbau mit natürlichem Gefühl zur Hand - die Position ist mehr Chopper als Rennmaschine und jedem Fall auch aufrechter (im Wind) als beim etwas "aktiver" angelegten Canyon Precede.

Die Füße stets flach auf dem Boden

Das hat bei Benno Methode. Die Idee des Gründers: Die Standardgeometrie des Rahmens sollte so verändert werden, dass eine natürlichere Sitzposition entsteht und man beim Anfahren und Anhalten die Füße flach auf den Boden stellen kann. Man nannte es Flat Foot Technology und es half der Electra Bicycle Company, die er 1993 mitbegründete, Millionen von Menschen zum Radfahren zu inspirieren. Genau so "kalifornisch" entspannt steuert man das Boost-E denn auch über die hügelige, teils steile Teststrecke im Münchner Olympiapark. Im Neuzustand flutscht natürlich auch die für den Preis eher schlichte Deore-10-fach-Schaltung noch brav und präzise per Kette über die Ritzel.

Offener Antrieb und Standard-Bremsen passen nicht recht zum Gewicht

Für ein "Etility"-Bike hätten wir allerdings eine geschlossene Nabe und einen Riemenantrieb für passender befunden. Erstens wartungsarm. Zweitens muss man mit dem Bike ja eh keine sportlichen Höchstleistungen vollbringen. Das ist bei knapp 30 Kilo Lebendgewicht des Alu-Bikes auch kaum möglich. Erst recht nicht, wenn der 500 Wh-Akku, platzsparend am Sitzrohr positioniert, leer ist - je nach Unterstützung nach 50 bis 130 Kilometern der Fall. Optional gibt es einen zweiten, für bis 100 bis 260 Kilometer Radius. Die Tretunterstützung mit maximal 85 Nm ist dann wie gewohnt mehrstufig modulierbar und erfolgt gut dosierbar. Ob der Motor der möglichen Beladung mit 200 Kilo, verteilt auf 20/120/60 kg (vorn/mitte/hinten), dauerhaft standhält, sei dahingestellt. Ein Fragezeichen würden wir in Anbetracht solcher "Lastenrad"-Gewichte auch noch bei den Bremsen machen: Die Standard-Deores verzögern das leere Bike im Neuzustand natürlich tadellos, dürften aber bei einer Bergabfahrt mit Kind & Kegel schnell verschleißen. Nicht umsonst hat der Hersteller hier nachgebessert und will demnächst Magura-Scheibenbremsen mit Doppelbremszylindern und dickeren Scheiben.

Dicke Pneus statt Federgabel

Ein Clou an dem ungefederten, auch vorn mit Alu-Gabel ausstaffierten 6061er-Alumiminum-Bike sind die eigenentwickelten 24-Zoll-Custom-Reifen, die mit ihrer 2,60er-Breite erst nach "Fat-Bike"-Show oder gar Motorrad aussehen, aber auch wirklich tragfähig und robust sein sollen. Zudem federn sie vielen Unbill der Piste weg, quittieren auch Kopfsteinpflaster mit kalifornischer Coolness und ersetzen zweifellos eine nur weiter gewichts- und wartungstreibende Federgabel. Das Handling ist nicht sonderlich agil, aber eben auch irgendwie lässig und ohne Hektik, die Straßenlage sicher, die kleinen Reifen sorgen für stets sicheren Stand an der Ampel - und das "long tail", den überlangen Gepäckträger bemerkt man bei dem kompaktes Maß wahrenden Bike überhaupt nicht. Die aufrechte Sitzposition "hart am Wind" und die kleinen Räder lassen vermuten, dass das Boost jetzt nicht unbedingt der Langstreckler zum Kilometerfressen ist. Dazu kombiniert der Hersteller einen stabilen Ständer, wahlweise mit Doppelfuß, der das Rad auch beladen oder am Berg kippsicher hält sowie stabile Alu-Schutzbleche, die formschön die Reifen umschließen. Bei der Beleuchtung gibt man sich ebenso kompromisslos - und verbaut die lichtstarken Supernova Mini vorn und E3 hinten. Ganz billig ist das Benno also nicht. Aber es ersetzt ja auch ein Auto.

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