VISION mobility THINK TANK: Das E-Zeitalter hat längst begonnen!

Lebhafte Diskussion beim ThinkTank zum Thema "Mobilität unter Strom - so fahren und laden wir morgen" im Rahmen der Power2Drive. Denn "Futurist" Lars Thomsen findet: Die Zukunft ist längst da. Und Thomas Köhler meint, wir werden das Auto auch weiter brauchen, nur eben elektrisch. Eine kleine Nachlese.

Muntere Runde: E-Mobilität macht Spaß, sie ist alltagstauglich - und sie ist längst Gegenwart, nicht Zukunft. Das war der Konsens der Diskussionsrunde beim jüngsten ThinkTank. | Foto: Screenshot
Muntere Runde: E-Mobilität macht Spaß, sie ist alltagstauglich - und sie ist längst Gegenwart, nicht Zukunft. Das war der Konsens der Diskussionsrunde beim jüngsten ThinkTank. | Foto: Screenshot
Johannes Reichel

Was heißt hier "in Zukunft" - für den Futuristen Lars Thomsen ist die Elektromobilität längst Gegenwart. Der Geschäftsführer der Schweizer Trend-Beratung Future Matters und wahrer "early adopter" in Sachen E-Mobiliät, auch auf der Langstrecke übrigens meint: "Wenn jetzt die großen OEMs sagen, bis 2025 wollen sie soundsoviele E-Autos im Portfolio haben, dann muss ich sagen, das wird viel schneller gehen". Thomsen war einer der vier hochkarätigen Gäste und Diskutanten beim VISION mobility Think Tank im Rahmen der Power2Drive, der als Online-Webinar abgehalten wurde und dennoch eine lebhafte Diskussion entspann. "Wir sollten endlich ernsthaft mit der E-Mobilität umgehen, jetzt", appellierte er. Aus seiner Sicht ist schon heute im Jahr 2020 der Marktanteil der Stromer so relevant und groß, dass man nicht mehr von einer Nische sprechen kann: Von 100 Fahrzeugen hätten bald 15 einen Stecker, meint der Zukunftforscher.

Längst ein Trend: Bald 15 von 100 Neuwagen mit Stecker

Und listet unbestechlich auf: Der Anteil reiner BEV bei Neuzulassungen in Europa in Q2/2020 beträgt 7,2 Prozent, gegenüber 2,4 Prozent im Vorjahresquartal eine Verdreifachung, in Deutschland liegen wir derzeit bei 6,4 Prozent BEV plus 6,8 Prozent PHEV, was „Autos mit Stecker“ nun in den zweistelligen Bereich führt, mit 13,2 Prozent bei den Neuzulassungen. Das unterstreicht auch Thomsens Kollege Christoph Gümbel, als Senior Futurist bei Future Matters im Einsatz und mit einer langen automobilen Erfahrung gewappnet, unter anderem als "Leiter virtuelles Fahrzeug" bei Porsche. Er zitiert Steve Jobs und meint, wenn ein Trend offensichtlich wird, habe man ihn verschlafen.

"Die E-Mobilität ist längst Gegenwart, sie macht Spaß und sie ist alltagstauglich", konstatierte er trocken.

Überlebensfrage für Hersteller: CO2 muss runter

Und verwies auf eine weitere Entwicklungsparalelle zum Apple-Imperium: Das iPhone etwa habe sich als Trend auch viel schneller durchgesetzt als vor langer Zeit der Kühlschrank. Der Fortschritt verlaufe nicht linear. Er sieht den "tipping point" für die E-Mobilität längst überschritten und verweist auf die "zwingenden" Rahmenbedingungen. Die weltweit eingezogenen CO2-Regularien machten es zur Überlebensfrage, die Emissionen in der Flotte herunterzubekommen. Und das sei nur mit einem hohen Anteil an E-Fahrzeugen möglich. Wie zur Bestätigung seiner These weisen die Zulassungszahlen denn auch weiter relativ steil nach oben, auch dank einer in Deutschland sehr großzügigen E-Auto-Prämie.

Förderung: Lieber Infrastruktur statt Privatkonsum

Aber die hält nicht nur Thomsen für den eigentlich falschen Ansatz: Statt den privaten Individualkonsum solle man lieber die Infrastruktur fördern, da habe die Gesellschaft letztlich mehr davon findet auch Christoph R. Erni, Gründer und CEO der Ladetechnik-Innovatoren von Juice Technology und streitbarer Geist.

"Der Staat sollte nicht die Individualanschaffungen fördern, sondern die öffentliche Infrastruktur. Dann gibt es auch keinen Kater nachher", fordert er und spricht sich auch klar für eine Priorisierung der batterieelektrischen Antriebstechnologie aus.

"Lasst uns doch jetzt nicht auch noch mit Wasserstoff anfangen, batterieelektrisch ist um ein vielfaches effizienter, nicht nur zum Verbrenner. Und das ganze Öl können wir sowieso im Boden lassen", appellierte er.

Trotz Sharing: Der private Wagen bleibt gefragt

Auch Prof. Thomas R. Köhler, der als CEO der Gesellschaft für Kommunikationsberatung CE21 Firmen mit Rat und Tat in Sachen Zukunft bereitsteht, befürchtet, die Förderung von Privatanschaffungen von Pkw könnte ein teures Strohfeuer sein, das erlischt und nicht lange nachhält. Er verweist auf die heutige Verfügbarkeit von erschwinglichen E-Fahrzeugen wie dem Opel Corsa-e oder auch dem jüngst gestarteten ID.3. "Solche Autos brauchen wir, denn trotz allem Sharing und Mobilitätsangeboten, werden viele Menschen auch in Zukunft auf ein eigenes Auto und individuelle Mobilität nicht verzichten wollen, gerade auch in ländlichen Regionen", so Köhlers Prognose.

Sektoren energisch koppeln: Mobilität und Energie

Hier richtete auch Lars Thomsen einen flammenden Appell an die Politik, die Sektoren Energie, der ebenfalls rasant elektrifiziert wird und Mobilität konsequent zu verbinden. Man müsse eine Verbindung zwischen den Speichern und dem Netz schaffen. Das hätten auch viele Energieversorger noch nicht gänzlich in der Tragweite erfasst. Er verwies darauf, dass der Strombedarf in einem Haus durch ein Elektrofahrzeug schnell mal verzehnfacht würde, neben Kochen und Heizen sei das künftig das zentrale Element. Er sieht aber eigentlich keinen Engpass bei der Stromerzeugung.

Christoph Erni forderte darüber hinaus den Gesetzgeber auf, vorzuschreiben, dass alle Parkplätze mit Infrastruktur ausgerüstet sein müssen und die E-Mobilität nicht "bei der eigenen Garage" aufhören. Aus seiner Sicht liegt die Zukunft auch nicht in "schlichteren" Ladelösungen, sondern in komplexen Systemen, inklusive Service und Erschließung sowie Anbindung an das gesamte "Grid", das Netz.

Ladeinfrastruktur werde ein „normaler Teil“ des Energienetzes. Überall, wo Autos längere Zeit Parken werden AC-Anschlüsse normal sein, und entlang der Hauptverkehrsrouten DC-Charger, prognostiziert Thomsen.

"Erste müssen ein aktiver Teil eines ,atmenden' Energienetzes werden, das die Nutzung von fluktuierenden erneuerbaren Energien - dezentral, zentral und netzdienlich - optimiert", skizziert der Zukunftsforscher.

Leichte E-Mobile: Durchbruch im Gewerbe

Thomas Köhler plädierte dafür, die Akzeptanz der E-Mobilität auch durch Transparenz beim Thema Laden zu stärken und dem Publikum zu vermitteln: Laden ist nicht gleich Laden. Man müsse die Ladetechnik der jeweiligen Situation anpassen, ob Heimladen, am Arbeitsplatz, im urbanen öffentlichen Raum oder an der Autobahn. Er warb aber auch dafür, die neuentstehende Klasse und Gattung leichter Elektrofahrzeuge nicht zu vergessen, deren Durchbruch er bei den Nutzfahrzeugen erwartet. Hier sei man in Schwellenländern deutlich aufgeschlossener, meinte er und verwies etwa auf die boomende Gattung der Elektro-Rikschas, mit denen beispielsweise Amazon in Indien bereits Zustelldienste leistet.

 

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