Meinungsbeitrag

Verkehrswende in München: Mit Diesel-Dieter schwer zu machen

Zur Eröffnung des gewaltigen Tempels fossiler Mobilität Motorworld München spricht der Oberbürgermeister Dieter Reiter bezeichnende Worte: Er sei ein Autofreund und Autofahren sei auch zum Spaß da. Für das Gebiet Landeshauptstadt gilt das sicher nicht. Und mit dieser Haltung wird es auch schwer in Sachen Verkehrswende.

Fossile Parade im O-Ton der Motorworld: "Car Guys & Girls mit Benzin im Blut und Strom in den Venen, Oldtimer, Youngtimer, Supercars, viele Biker sowie Radfahrer und sogar Kids in Gokarts" trafen sich Anfang November in den gewaltigen Hallen im Münchner Norden. | Foto: Motorworld/Kay Mac Kenneth
Fossile Parade im O-Ton der Motorworld: "Car Guys & Girls mit Benzin im Blut und Strom in den Venen, Oldtimer, Youngtimer, Supercars, viele Biker sowie Radfahrer und sogar Kids in Gokarts" trafen sich Anfang November in den gewaltigen Hallen im Münchner Norden. | Foto: Motorworld/Kay Mac Kenneth
Johannes Reichel

Man traut kaum seinen Ohren, im Geboller der Motoren: Da stellt sich doch der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter von der SPD bei der Eröffnung des Tempels der fossilen Autoleidenschaft Motorworld (hört die Signale: ausgerechnet in einem ehemaligen Bahnausbesserungswerk!) hin und outet sich als "Autofreund". Als Oberhaupt der Stau- und Feinstaubmetropole, die halt nicht nur im Fußball führend ist, sondern eben auch bei der Verkehrsbelastung. Das ist schon irgendwo eine erstaunliche Ansage.

Doch es wird noch besser: "Autofahren ist nicht nur dazu da, um von A nach B zu kommen. Autofahren kann durchaus auch Spaß machen zwischendurch. Ich glaube an die Zukunft des Automobils", gab Reiter zu Protokoll.

Das mag ja alles sein. Aber es gilt sicher nicht für München, wo zwar die "Freude am Fahren" industriell erfunden wurde und propagiert wird. Die im Alltag jedoch immer im "Ärger beim Stehen" endet. Einfach weil 860.000 Autos in der Isarmetropole zugelassen sind, die sämtliche Straßen und Plätze besetzen und tagtäglich noch 500.000 Pendler, die meisten mit dem Auto, dazu kommen, die die vollgestellten Straßen fluten. Fast die Hälfte aller Beschäftigten kommen von außerhalb. Das ist vielleicht Verkehr. Aber nicht mehr Mobilität.

Auto-Mobilität hat noch immer Vorfahrt

Als Bewohner dieser eigentlich so schönen Stadt kann man sich auch nur wundern, wie ein Oberhaupt einer europäischen Millionenstadt mit aktuem Luftreinhalteproblem eingedenk der mutigen Verkehrswenden in ehedem ebenso staugeplagten Städten wie Paris, Barcelona, Madrid, Mailand offensichtlich die Belange und die Bequemlichkeit der Pendler höher gewichtet als die Gesundheit der Bewohner.

Die Fraktionsvorsitzende der SPD im Stadtrat gab neulich doch glatt stolz zu Protokoll, man habe sich gegen die dominierenden Grünen beim jüngst beschlossenen Dieselfahrverbot ab 2023 "hinter den Kulissen hartnäckig für soziale Ausnahmen engagiert". Ursprünglich habe das Verbot für Euro-V-Diesel schon ab 1. Januar 2023 gelten. "Dass es jetzt erst zum 1. Oktober kommt, ist ein Erfolg der SPD". Ob das die Anwohner an den belasteten Ein- und Ausfallstraßen auch so sehen, ist die Frage.

Ambivalente Auto-Stadt: Viele "Opfer" sind zugleich "Täter"

Und wo eigentlich eine Sozial- und Arbeiterpartei mehr Wähler vermutet: Am Lenkrad der vielen, meist einzeln besetzten Pendler-Dienstwagen aus dem Umland oder an den frequentierten Achsen dieser Stadt. Aber das müssen die natürlich selbst klären. Wobei in München natürlich gilt: Viele Bewohner sind "Opfer" und "Täter" zugleich. Irgendwem gehören die vielen, oft dauerhat im öffentlichen Raum abgestellten Karossen (sonst findet man ja nie mehr einen Parkplatz!) schließlich. 

Die Statistik und die tägliche Empirie als feinstaubgeplagter Radfahrer (die einzige Art, in München oberirdisch wirklich "mobil" zu sein - und wir lieben Mobilität!) zeigt jedenfalls, dass es selten die in Talkshows stets herbeizitierte Krankenschwester mit dem uralten (selten Diesel-betriebenen) Kleinwagen ist, sondern meist Mittel- und Oberklassewagen neueren Baumusters, gerne auch die tollen Plug-in-Hybrid-SUV, von denen in München irgendwo ein gewaltiges Nest sein muss.

Doch eigentlich ist das alles nicht irre witzig, allenfalls irrwitzig: Erst vor kurzem wies die Weltgesundheitsorganisation WHO darauf hin, dass die heutigen Grenzwerte, die München seit Jahren verfehlte, die der CSU-regierte Freistaat nicht in den Griff bekam und dann die Verantwortung an die Kommune abwälzte, dass diese Grenzwerte jedenfalls eher viel zu hoch sind. Und über eine Lebensspanne potenziell "lebensgefährlich" im Hinblick auf ernsthafte Erkrankungen. Jüngste Forschungen des britischen Wissenschaftlers Charles Swanton zur Gesundheitsgefahr durch ultrafeinen PM-2,5-Feinstaub bestätigten etwa eine deutliche Erhöhung des Risikos, an Lungenkrebs zu erkranken. Zudem können die Partikel in den Blutkreislauf eindringen und für Herzrhythmusstörungen sorgen, über die Bauspeicheldrüse auch zu Diabetes.

Nicht zuletzt sorgen die Partikel bei Eindringen ins Hirn für deutlich reduzierte Denkleistung, wie eine Studie der Uni Rostock ergab. Mit der Feinstaubbelastung am Wohnort nahm in der Tat die Gehirnleistung ab. Über eine Lebensspanne sei so das Risiko erhöht, an Demenz oder Parkinson zu erkranken. Es sei daher notwendig, die Grenzwerte so niedrig wie möglich zu halten, so das Fazit der Forscher. Zudem sollte die Bevölkerung über das Risiko aufgeklärt werden.

Ob das nun ausgerechnet in der Motorworld in München stattfindet, ist allerdings fraglich. Im Diesel- und noch viel mehr Benzindunst der "heiligen Hallen" frönt man noch dem Geruch und Geboller der ausgehenden Verbrennerwelt, wie wir sie kannten, aber uns halt leider nicht mehr leisten können, wollen wir den Planeten halbwegs lebenswert halten. Vor diesem Hintergrund wirken die Aussagen des Oberbürgermeisters, mit Verlaub, irgendwie deplaziert und zumindest leicht aus der Zeit gefallen.

Räder auf Autostellplätzen: Geht an der Isar ja gar nicht!

Ebenso wie übrigens die jüngste Aussage im tz-Interview, Fahrräder sollten doch bitte nicht wie in Berlin auf Autoparkplätzen abgestellt werden, das sei doch ein "ideologisch geprägter" Ansatz, befindet Reiter, völlig vergessend, dass es ebenso (Auto)ideologisch ist, diesen nur für Autos zu reservieren. Und im Übrigen Fahrräder unter Lösung eines Parkscheins schon bisher da abgestellt werden dürfen.

Man solle doch mehr Toleranz füreinander im Verkehr aufbringen (2,5 Tonnen SUV gegen 75 Kilo Radfahrer) und von Italien südländische Haltung lernen, wo nicht jeder auf sein Recht beharre.

Bisserl "Amore im Verkehr" halt, wie eine aktuelle Kampagne des Mobilitätsreferats sich verbal versteigt, als wäre der tägliche Straßenkampf, den sich die Münchner ob der Überlastung des für das Aufkommen nun mal zu knappen Raums liefern, mit ein wenig Verständnis zu lösen. Eine magische Münchner Formel wurde entdeckt: Guter Wille ersetzt kluge Verkehrsplanung, oder wie? Und von wegen Italien!

Jenes Italien, in dem die emissions- und lärmgeplagten Städte Autos mit Verbrennungsmotor radikal und unter Höchststrafen ausgesperrt haben und eine strenge City-Maut etwa in Mailand oder Turin die Zufahrt reguliert und die Luft und der Verkehr auf einmal herrlich locker sind? Wie auch immer. Zurück in die Welt der Motoren.

Wolfganz Reitzle findet, E-Mobilität sei eine Mogelpackung

Denn auch die Worte anderer Festgäste (meist männlich, gesetztes Alter) wie Ex-Formel-1-Manager Norbert Haug, der sich für die energetisch im Pkw sinnfreien Synfuels stark machte. Oder Ex-BMW- und Linde-Manager Wolfgang Reitzle, der doch allen Ernstes die Zukunft der E-Mobilität "langfristig" sieht und vorrechnete, dass ein Diesel-Fahrer aktuell umweltfreundlicher unterwegs sei als ein E-Mobilist, weil die Kosten einer Kilowattstunde Strom so stark gestiegen seien. Leider der Dieselpreis noch immer nicht adäquat zu den verursachten Umweltkosten, kann man da nur bedauernd hinzufügen. E-Mobilität sei eine "Mogelpackung", verstieg sich der bis vor kurzem Linde-Aufsichtsrat, die Umstellung von 1,2 Milliarden Pkw weltweit würde 50 Jahre dauern. Ja, dann, fangen wir doch lieber gleich gar nicht an, oder was ist die conclusio? Sorry, aber das ist wirklich "ganz alte Schule", um den Titel von Reitzles ziemlich selbstverliebten Podcast zu bemühen.

Hüh und Hott an der Isar: Autofreie Innenstadt ja - aber nein!

Und der in den Kommentaren unter dem Artikel der Süddeutschen Zeitung als "#Diesel-Dieter" geschmähte Oberbürgermeister? Sprach weiter mit gespaltener Zunge: Autofreie Innenstadt ja, aber keine "Überstülpung eines Einheitskonzepts". Es sei halt nicht so, dass "wir überall eine Top-Anbindung an den ÖPNV haben". Na, da wird sich die MVG aber bedanken. Zumindest innerhalb der Stadtgrenzen hat es im Millionendorf München wirklich an jeder Milchkanne eine Bus- Tram- oder U-Bahn-Haltestelle. Und außerhalb gibt es seit 1972 ein eigentlich feines S-Bahn-Netz.

Dass das marode ist, ist schon klar. Aber für Besserung hätte Reiter in seinen mittlerweile acht Jahren an der Spitze der Isarmetropole schon auch sorgen können. Oder für ein Radschnellwegnetz wie in Kopenhagen, das Pendler eine Alternative zum Auto bietet. Ob die nun wie fast überall in Europa sachlich gut begründet grün (rot&gelb=Alarm, blau=Parken/Polizei, schwarz=unsichtbar, grün=umwelt) gefärbt sind, worüber sich die Fraktionschefin übrigens ebenfalls ausgiebig mokiert, oder nicht, ist mal wieder ein schönes Beispiel für Münchner Gemütlich- und Kleinkariertheit. Statt dass man sich freut, dass es endlich ein paar Meter Radschnellweg gibt, bevor die nächste Baustelle den Pedalhelden wieder bremst. Und man hätte auch zeitig dafür sorgen können, dass die Zahl der Autos zumindest nicht immer noch weiter wächst.

Die Fehlentwicklung der autogerechten Stadt korrigieren

Es geht auch nicht darum, wie Reiter es im tz-Interview offenbar versteht, den Autofahrern etwas wegzunehmen. Sondern darum, die jahrzehntelange Fehlentwicklung (vieler Städte) der "autogerechten Stadt" zu korrigieren, sprich, den Straßenraum gerechter zu verteilen. Gilt in München etwa das Gewohnheitsrecht?

Da fallen die paar Hochglanzkarossen in der Motorworld kaum noch ins Gewicht. Wie man überhaupt sagen muss: Lieber ein paar feine und bewusst bewegte Oldtimer am Sonntag als Millionen von übergewichtigen Pendlerkarossen am Montag.

Und die Superlative Motorworld München hätte ja auch noch einen Vorteil: Die riesige Tiefgarage, die über ein Jahr lang mit täglich 15 Betonmischerladungen gegossen wurde. Auch das können wir aus eigener Empirie bestätigen: Hier war symptomatischerweise ewig kein Durchkommen. Wie mit dem Auto häufig in der ganzen Stadt.

Neben der gewaltigen Halle der Motorworld, die vom Brandschutz ob der Größe als eigener Stadtteil eingestuft wird, liegt übrigens die beliebte Konzerthalle (Nochmal ein Signal: Bahnausbesserungswerk!) namens Zenith. Der Verbrenner hat selbigen jedenfalls längst überschritten. Und kann von uns aus ins Museum. In die Motorworld zum Beispiel. 

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