Verbrenner-Ausstieg in Europa 2035 – rosa Brille oder Realität?

Die Würfel sind gefallen – ab 2035 sollen in Europa nur noch abgasfreie respektive CO2-neutrale Pkw verkauft werden. Wie wagen einen Faktencheck und blicken auch mal über den Teich in die USA: Ist das Verbrennerende Realität oder sehen wir etwas durch die rosa Brille?

Rosarote Ballons streben in den Himmel: Jessup Auto Plaza in Palm Springs verkauft alle GM-Marken. Noch stehen fast nur Verbrenner auf dem Hof. Doch 2030 soll hier alles elektrisch sein. | Foto: G. Soller
Rosarote Ballons streben in den Himmel: Jessup Auto Plaza in Palm Springs verkauft alle GM-Marken. Noch stehen fast nur Verbrenner auf dem Hof. Doch 2030 soll hier alles elektrisch sein. | Foto: G. Soller
Gregor Soller

Rosa Luftballons zieren den Jessup Auto Plaza in Palm Springs. Angeboten werden dort alle GM Marken. Direkt am Eingang steht eine neue Corvette direkt neben einer Ladesäule – immerhin. Doch SUV und V8 stehen immer noch hoch im Kurs bei den Amerikanern. Die Ära der Verbrenner scheint unwiederbringlich zu Ende zu gehen, weshalb viele in einer Art Torschlusspanik nochmal ordern. Die Präsentation des BMW i7 in Palm Springs nutzen wir für einen Faktencheck: Gerade die Westküste im Großraum Los Angeles, zu dem wir Palm Spring großzügig mitzählen, gilt als „Vorreiterregion“ in Sachen Elektromobilität.

Elektromodelle? Zu 95 Prozent Tesla!

Auf den Straßen sieht man bis auf einige Tesla – meist Model Y kaum Stromer. Aber sie stehen sicher bei den Händlern? Nope – BMW, Mercedes-Benz und Porsche schieben eher ihre Ikonen ins Rampenlicht: S-Klasse, 911, Dreier – und die Höfe stehen fast ausschließlich voller Verbrenner. Doch das Interesse sei groß, erklärt man uns auf Nachfrage – allerdings eben eher für den Großraum L.A. – für die ganz langen Strecken nimmt dort, wo man es sich leisten kann, den Abenteuer-Verbrenner-SUV oder gleich den Flieger. Wir fahren nochmal zurück ins Hotel, wo die US-Kollegen die 7er-Präsenttion zum „Test Fest“ umgebaut haben: Heißt – alle US-Kollegen dürfen die heißesten News in der bayerischen Auswahl fahren. Wobei das viel Mini Cooper (Verbrenner und SE), Rolls-Royce, sowie M3 und M4 heißt. Der neue Siebener spielt zwar noch eine Hauptrolle – aber eine viel Kleinere als in Europa – zumal die US-Kollegen ohnehin bevorzugt zum 760i xDrive greifen…Und vom X7 hat man gar die Alpina-Version herangeschafft. So ganz überzeugend kommt das also noch nicht rüber mit dem Antriebswechsel in den USA.

VW: Bisher gibt es nur den ID.4

Wir gehen weiter zu Volkswagen – wo wir einen ID.4 an einer der zwei Ladestationen finden. Immerhin sind die klar gekennzeichnet und der ID.4 wird auch im Showroom groß beworben. Allein – er ist kaum verfügbar, wie man uns auf Nachfrage wissen lässt. Die Nachfrage sei wohl da, aber die Autos würden online bestellt und würden den Händlerhof nur kurz für die Übergabe passieren. Im Straßenbild sehen wir gar keinen…sofort verfügbar wären stattdessen alle SUV, vor allem Tao, Tiguan und Atlas Cross Sport. Von den zig Verkäuferplätzen ist keiner besetzt – die Servicemannschaft versucht uns, bei einem Kaffee so gut wie möglich zu beraten, aber wie gesagt – da der ID.4 immer digital bestellt und verkauft würde, bliebe er eben eher ein „Phantom“. Aber ja, die Nachfrage sei da, auch nach dem ID.5, den man bisher (unverständlicherweise) nicht bekomme.

Beim Lexus-Händler daneben ist es ähnlich: Auf dem Hof stehen etliche RX „to go“ und ja, die Stromer würden kommen, erklärt man uns auf Nachfrage. Nein, Ladestation habe man noch keine, aber der Wandel sei angestoßen und unaufhaltsam… Doch bei Lexus dominiert ganz klar der Hybrid.

Klar, die Kunden hätten es grundsätzlich auch nicht so mit dem Laden, erklärt uns der Toyota-Verkäufer schräg gegenüber. Immerhin hat man hier bereits fünf Ladepunkte installiert, an einem hängt gerade ein Prius Plug-in, doch das Gros der Verkäufe machen augenscheinlich die US-Brot-und Butter-Modelle RAV4 und der Pick-up Tacoma. Und der BZ4x? Klar, kommt, die Probleme mit den Rädern bestätigte man uns – allerdings dürfte das noch bis ins erste Quartal 2023 dauern. Wollen die Kunden ihn denn? Ja, nachgefragt würde, allerdings scheint der Druck bei der in den USA sehr großen Toyo-Kundschaft nicht so groß zu sein.

Subaru: Der Solterra lässt noch auf sich warten

Also schnell rüber zu Subaru, wo man den bZ4x-baugleichen Solterra ins Programm heben wird. Und, doppelte Überraschung: Subaru hat noch keinen Stromer, aber bereits eine Ladesäule installiert und Csaba Nagy einen extrem engagierten Verkäufer, der den Solterra-Start auf März bis April taxiert. Ja, es gäbe grundsätzlich Interesse, doch den Hauptabsatz machen Forester und Legacy Outback, der übrigens zum meistverkauften Kombi der USA avanchierte. Tatsächlich sieht man das in Europa extrem seltene Auto in den Staaten extrem oft – es scheint der einzige verbliebene Kombi überhaupt zu sein – „eben auch fürs Outback“, erklärt Nagy – und da brauche man Reichweite und hätte wenig Lust, sich mit Zwischenladen zu beschäftigen. Die Strecke Las Vegas-L.A. wolle man schließlich auch im Sommer mit Klimaanlage und im Winter mit Heizung ohne großen Zwischenstopp zurücklegen, weiß Nagy von seiner Kundschaft und trotz Pandemie und Inflation schaffe man jährlich ein Wachstum von rund zehn Prozent am Standort – allerdings seien die verfügbaren Fahrzeuge auch hier massiv zurückgegangen: Hatte man einst bis zu 200 (!) Modelle „to go“ verfügbar seien es jetzt gerade mal zwischen 15 und 20…

Hyundai und Kia: Ioniq 5 und EV6 gelten noch als Exoten

Und die Koreaner? Der Hyundai Ioniq 5 taucht an der Westküste verstärkt auf, ansonsten machen eher die SUV sowie die Limousinen Elantra und Sonata das Geschäft – umso mehr, seit sich die US-Konzerne aus diesem Segment immer weiter zurückziehen. Bei Kia erklärt man uns, dass klar der „Forte“, eine viertürige Kompaktlimousine der Topseller sei. Robust, erschwinglich und für viele eben der erste leistbare Neuwagen. Dazu kommen viele SUV. Den Soul gibt es im Gegensatz zu Europa nur als Verbrenner, der Niro steht nur als Hybrid auf dem Hof. Und der EV6? Habe er persönlich noch gar keinen gesehen, erklärt uns der Junior-Verkäufer, obwohl er ein starkes Design habe. Da erging es uns besser: wir haben tatsächlich EINEN in Palm Springs gespottet.

Der Mustang Mach-E hat den Ur-Mustang absatzseitig längst abgehängt

Ein bisschen öfter taucht mittlerweile der Mustang-Mach-E auf, der den Ur-Mustang im Absatz mittlerweile weit hinter sich gelassen hat. In Deutschland respektive den europäischen Elektromärkten mittlerweile tatsächlich ein fast schon gewohnter Anblick. Auch hier ein begeisterter Verkäufer: Raul Avila hat 2022 bestimmt schon 30 Mach-E verkauft. Draußen steht er neben dem E-Transit und dem F-150 Lightning an der Ladesäule, außerdem ein Tesla Model 3. Immerhin. Die Zukunft sei elektrisch, erklärt Avila und wenn er denn die Autos nur bekäme, könne er „Tausende“ davon verkaufen, erklärt er augenzwinkernd. Der Mach-E würde online geordert und wäre für ihn nur verfügbar, wenn ein Kunde vom Vertrag zurücktritt. Für jedes „frei werdende“ Auto hätte er sofort zehn Kunden an der Hand, weshalb der Mach E auch dann nur ganz kurz vom Autotransporter in Kundenhand über den Hof „huscht“.

Interesse an E-Nutzfahrzeuge groß

Auch das Interessen an den elektrischen Nutzfahrzeugen sei groß – aber vor allem für den Einsatz im Großraum Palm Springs. Auf große Tour gingen seine Kunden damit eher (noch) nicht. Dass der Mach-E in Deutschland bereits ein so normaler Anblick sei, wundert ihn dann doch etwas: „Dahin liefern sie also all die Autos, die wir hier bräuchten“, überlegt er augenzwinkernd. Zum Abschluss fragen wir ihn noch, was bei Ford denn die Topseller seien? Klar, der F-150, in der Regel als Verbrenner – wovon Avila nicht 30, sondern eher 300 im Jahr verkauft. Auf dem Hof ganz vorn stehen dann auch der F-150 Raptor neben dem Explorer und zwei Bronchos…

Chevrolet: Der Bolt bolzt die Absatzzahlen nach oben

Auch bei GM sucht man den Bolt wie die Nadel im Heuhaufen. Aber er gehe wie geschnitten Brot, erklärt uns Verkäufer Raul Solorio. Rund vierzig Prozent all seiner Verkäufe seien mittlerweile Bolts. Und das sei ja nur ein Modell – 2023 hätten sie drei in Aussicht! Und ja, auch der Bolt sei eben schlecht lieferbar: Die Kunden ordern online und nehmen ihn gleich mit, sobald er am Jessup Autoplaza anlandet.

Wir wechseln vom Chevrolet-Gebäude zu Buick, Cadillac und GMC, wo uns Sales and Leasing Agent James Eccleston erklärt: GM ist bis 2030 rein elektrisch. Das Interesse am Cadillac Lyriq sei riesig und die neue Luxuslimousine Celestiq schon nach der Präsentation bis 2025 ausverkauft – was auch an den extrem geringen Stückzahlen liegt. Dazu kommt der GMC Hummer, von dem wir allerdings auch weder auf dem Hof von Jessup Auto Plaza noch auf der Straße einen gesehen haben. Und Buick? „Wird auch elektrisch“ lässt Eccleston keine Zweifel am Plan von GM. Auch wenn der Hof aktuell voller Encore-GX-SUV steht. Dazu kommen Chevy- und GMC-Pick-ups mit diversen Aufbauten, Gewichtsklassen und bei den höheren Tonnagen eben mit den großen Cummins-Dieseln. Bei keinem Hersteller gehen Aussage und Aussteller aktuell so weit auseinander.

Dodge: Am liebsten hätte man V8 und elektrisch

Einen ganz großen Spagat macht man derzeit auch bei Chrysler, Jeep und vor allem Dodge, wie uns Verkäufer David Gutirrez erklärt. Beim Chrysler Pacifica liege man momentan fifty-fifty zwischen Plug-in und Standardverbrenner. Manche Kunden, gerade im ländlichen Raum hätten einfach keine Lust, sich mit dem Laden zu beschäftigen. Bei Jeep steige das Interesse am Plug-in merklich an. Bei Dodge kommt der Rebel als Plug-in ins Programm (alias Alfa Romeo Tonale) und bei den Chrysler-300-Limousinen und den wilden Dodge Challenger und Charger? „Wünschte ich, sie würden den Hemi-V8 noch viel länger bauen“, erklärt Gutirrez, den aktuell herrsche ein bisschen Torschlusspanik: Nachdem der V8 2023 definitiv auslaufe, orderten viele Kunden jetzt erst recht noch einen – obwohl auch das Interesse am bösen rein elektrischen Dodge Charger-Nachfolger sehr groß sei. Gutirrez hat nur Sorgen, dass der künstliche Krach, den Dodge auch elektrisch machen will, dem V8-Donnern nicht das Wasser reichen könne. Womit wir zurück sind bei BMW: Der XM Plug-in sei laut Insidern natürlich auch eine Möglichkeit, das Leben des V8 nochmal zu verlängern….

Out of L.A.: Plötzlich bleiben nur Teslas übrig

Wir verlassen die Region L.A. und fahren teils abenteuerlich lange Strecken ohne Lade- oder Tanksäule. Und plötzlich bleiben nur Teslas übrig. Grund dafür ist das dicht geknüpfte und immer funktionierende Netz an Superchargern, die auch an den entlegensten Routen stehen und immer funktionieren – im Gegensatz zu den öffentlichen Ladesäulen, die laut „Road and Track“ eher mäßig: So ergab die Erhebung eines Instituits in San Francisco, dass nur 73 Prozent der Ladestationen problemlos funktionieren würden. Was ein spontaner Check am Interstate 15 bestätigt. Dort gibt es Ausfahrten mit Namen wie Zzyzx-Road (gesprochen zye-zix-Road), die entweder sofort in die Wüste oder in der anderen Richtung zu einem Forschungsinstitut führt.

Als wir am Rastplatz Valley Wells Rest Area abfahren, gibt es dort eine einzige Schnellladesäule für CCS und Chademo, an der man auch per Kreditkarte bezahlen könnte – allein das Display weißt schon zahlreiche braune Flecken auf, hinter denen sich Funktionen verbergen würden. Und in der halben Stunde unserer Rast lädt hier auch niemand. Heißt: In den Weiten der Staaten steht das Ladenetz zwar prinzipiell soweit, ist aber viel dünner geknüpft ist als in Europa und funktioniert eben nicht immer. Weshalb die US-Amerikaner laut Road and Track weniger Reichweiten- als Ladeangst haben, obwohl die Reisenden mit langen Distanzen vertraut sind.

Trotzdem landen mittlerweile auch einige gebrauchte Model 3, X und Y bei unseren Händlern: Fast alle haben gebrauchte Tesla auf dem Hof stehen. Fragt sich nur, welches Modell die Kunden bei Gutirrez dafür ausgegriffen haben. Einen Dodge Charger oder Challenger etwa? Gutirrez lächelt vielsagend.

Was bedeutet das?

Elektromobilität bedeutet in den USA in erster Linie Tesla - wegen des funktionierenden und einigermaßen dichten Supercharger-Netzwerks. Mit dem Antrieb ändert sich auch das Kaufverhalten: Die Stromer werden in der Regel online bestellt und in der Regel direkt beim Händler abgeholt. Direkt auf dem Hof aussuchen und mitnehmen? Eigentlich nur noch Verbrenner, zumal die Elektriker ebenso schlecht lieferbar sind wie in Europa. 

 

 

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