VDA Technischer Kongress: "Verkehr hat nicht genug getan, um weg vom Öl zu kommen"

Der 23. Technische Kongress eröffnete mit Reden von VDA-Präsidentin Hildegard Müller und Bundeswirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck. Der mahnte, der Verkehrssektor habe in den letzten Jahren nicht genug getan, um unabhängig vom Öl zu werden. Müller: Transformation als Jahrhundertaufgabe.

„Die Abhängigkeit der deutschen Automobilindustrie von Öl ist nach wie vor hoch. Wir brauchen einen CO2-freien Verkehr", mahnte Robert Habeck, Bundeswirtschaftminister. | Foto: C. Harttmann
„Die Abhängigkeit der deutschen Automobilindustrie von Öl ist nach wie vor hoch. Wir brauchen einen CO2-freien Verkehr", mahnte Robert Habeck, Bundeswirtschaftminister. | Foto: C. Harttmann
Johannes Reichel
von Christine Harttmann

Das Technologiesymposium der Automobilindustrie diskutiert in diesem Jahr in Berlin die Schwerpunkte Digitalisierung und Klimaschutz. Auch die Auswirkungen des Ukraine-Krieges auf Lieferketten und Produktion sind ein großes Thema auf dem europäischen Branchentreffen der Automobilindustrie für Entscheider, technische Leiter, Fach- und Führungskräfte sowie Verantwortliche aus Politik, Forschung und Wissenschaft.

„Die Transformation der Autoindustrie ist eine Jahrhundertaufgabe, die wir engagiert angehen. Dafür müssen wir aber auch die Gesellschaft mitnehmen und den Dialog in den Mittelpunkt stellen. Einen wichtigen Beitrag zu der Diskussion über unsere Zukunft leisten wir deshalb mit unserem Branchengipfel – dem Technischen Kongress“ erklärte VDA-Präsidentin Hildegard Müller in ihrer Eröffnungsrede.

Zuvor adressierte sie die dramatischen Entwicklungen in Europa.

„Der Krieg in der Ukraine ist eine Zäsur in der Geschichte Europas. Wir, damit meine ich die gesamte deutsche Automobilindustrie, verurteilen den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine aufs Schärfste. Unsere Gedanken und unsere Solidarität sind bei den betroffenen Menschen.“

Müller betonte, dass die Sanktionen von den Mitgliedsunternehmen ohne Wenn und Aber mitgetragen werden. Die Mitgliedsunternehmen überprüften ihr Engagement in Russland, vor allem stünden jetzt aber humanitäre Hilfen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und für die Menschen in der Ukraine im Vordergrund. Die Unternehmen beteiligen sich daher an einer Fülle von Hilfsmaßnahmen. Gleichzeitig wies Müller auf die wirtschaftliche Dimension des Krieges hin.

„Angesichts der furchtbaren Situation in der Ukraine werden auf uns alle – auf die Bürgerinnen und Bürger genauso wie auf die Unternehmen – erhebliche zusätzliche Belastungen zukommen", mahnte Müller.

Für die Unternehmen gelte es nun, die Produktion aufrechtzuerhalten. Müller wies auf die Störungen in der Lieferkette hin, an denen sich wohl auf längere Sicht nichts ändern werde.  

„Wir erwarten empfindliche Effekte auf Liefer- und Logistikketten mit Rückwirkungen auf Fabriken in Deutschland und Europa aber auch andernorts. Zumal die Sanktionen nicht kurzfristig angelegt sind.“

Rückwirkungen auf die deutsche Wirtschaft werden da nicht ausbleiben, davon ist Müller überzeugt. Viele Lieferungen aus Russland und der Ukraine bleiben aus. Insbesondere im See- und Luftverkehr kommt es zu erheblichen Einschränkungen. Weiter steigende Öl- und Gaspreise kommen hinzu.

„Notwendige politische Entscheidungen müssen nun strategisch, langfristig, verantwortungsvoll und nachhaltig getroffen werden. Wir unterstützen daher auch ausdrücklich die Linie der Bundesregierung bei dem Thema Gaslieferungen. Unser Hebel gegenüber Russland ist unsere wirtschaftliche Stärke, diese sollten wir – genauso wie die Auswirkungen auf private und industrielle Verbraucherinnen und Verbraucher – im Blick halten.“

Mit Blick auf die Transformation der Autoindustrie zeigte Müller die unterschiedlichen Herausforderungen der Branche auf, die im Mittelpunkt des 23. Technischen Kongresses stehen.

„Es ist das eine, was wir als Branche für die Klimaneutralität leisten. Wir unternehmen erhebliche Anstrengungen um dieses Ziel zu erreichen. Das andere sind die politischen Rahmenbedingungen, die unsere Anstrengungen flankieren. Sie bilden das Gerüst für die Transformation. Doch dieses Gerüst ist aktuell noch nicht tragfähig", bretonte Müller weiter.

So forderte die VDA-Präsidentin mit Blick auf entscheidende zukünftige Technologien mehr Tempo bei der Digitalisierung und dem dafür notwenigen Ausbau der Infrastruktur. Er ist Voraussetzung, damit Autonomen Fahren oder vernetzter Verkehr international wettbewerbsfähig werden.

„Mit jedem Zögern ziehen andere Länder an uns vorbei“, mahnte Müller.

So sei ein flächendeckendes und leistungsfähiges Mobilfunknetz notwendig, damit vernetztes Fahren gelingen kann. Müller mahnte daher zu „mehr Geschlossenheit und mehr Geschwindigkeit“ bei der Digitalisierung.

„Nur so können wir das Potenzial der Unternehmen nutzen.“

Für die Geschlossenheit, mit der die VDA-Mitgliedsunternehmen die Sanktionen gegen Russland mittrage, bedankte sich Wirtschaftsminister Robert Habeck ausdrücklich. Er habe kein Unternehmen gehört, dass daran Kritik geäußert habe.

„Man fühlt sich davon tatsächlich getragen, auch wenn man politisch unterwegs ist.“

Großen Applaus erntete der Minister im Auditorium, als er betonte:

„Der Westen kann imperialistische Bestrebungen nicht akzeptieren, bei denen Grenzen mit Waffengewalt verschoben werden.“

Habeck erklärte, dass ihm bewusst sei, welch große Belastung die Sanktionen für die Unternehmen bedeuten. Aber – sie seien wirkungsvoll. Russland habe Ramschstatus erreicht. Hoffnung auf ein schnelles Ende der Sanktionen machte der Minister dennoch nicht:

„Sie sind mit Absicht so ausgestaltet, dass wir sie lange, ewig lange durchhalten können.“

Nun sei der nächste Schritt, Deutschland aus seiner Abhängigkeit von russischer Energie zu machen.

„Deutschland kämpft momentan aus der Defensive heraus mit seiner Öl- und Gasabhängigkeit. Wir versuchen das nun Schritt für Schritt zu lösen.“

Um insbesondere bei den Gaslieferungen die Abhängigkeit zu minimieren, ist das Bundeswirtschaftsministerium seit Dezember auf dem Weltmarkt aktiv. Außerdem wird mit Hochdruck der Bau von LNG-Terminals vorangetrieben. Dass diese H2-ready sein müssen, versteht sich dabei von selbst. Schnelle Sanktionen auf fossile Energieträger wird es allerdings nicht geben, auch das betont Habeck.

„Die Abhängigkeit der deutschen Automobilindustrie von Öl ist nach wie vor hoch.“

Einen Vorwurf kann und will Habeck der Branche dabei nicht ersparen:

„Der Verkehrssektor hat in den letzten Jahren noch nicht genug dazu beigetragen, um unabhängig von Öl und Gas zu werden.“

Deswegen sei es gut, dass sich die Gesellschaft inzwischen einig sei:

„Wir brauchen einen CO2-freien Verkehr.“

In den Diskussionen gehe es deshalb heute nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um das Wie und wie schnell – eine neue Geschlossenheit, wie Habeck findet. Dass die Herausforderung für den Verkehrssektor dennoch hoch bleibt, ist dem Wirtschaftsminister bewusst. Er weiß, dass der Hochlauf der E-Mobilität ein ambitionierter sein muss. Den Nutzfahrzeugen, davon ist Habeck überzeugt, kommt dabei eine wichtige Rolle zu.

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