Umweltverbände: Kein Weizen für Biokraftstoffe

Tank statt Teller: Mit Putins Krieg gegen die Ukraine bekommt die Debatte neue Aktualität. NGOs schlagen Alarm und fordern einen Stopp der Verwendung von Biokraftstoffen aus Weizen, etwa in E10-Sprit.

Grün im Tank? Für Biokraftstoffe werden täglich 10.000 Tonnen Weizen als Ethanol für E10-Sprit verarbeitet, moniert die NGO T&E. | Foto: AdobeStock
Grün im Tank? Für Biokraftstoffe werden täglich 10.000 Tonnen Weizen als Ethanol für E10-Sprit verarbeitet, moniert die NGO T&E. | Foto: AdobeStock
Johannes Reichel

Wie eine neue Studie der Umweltdachorganisation Transport & Environment (T&E) zeigt, werden in Europa jeden Tag 10.000 Tonnen Weizen zu Ethanol für Autos verarbeitet. Das entspreche 15 Millionen Broten. Ethanol wird im Kraftstoff E10 zu zehn Prozent beigemischt und soll Verbrenner umweltfreundlicher machen. Die NGO verknüpfte die Feststellung mit der Forderung nach einem Stopp der Verbrennung von Weizen und anderen Nahrungsmitteln für Biokraftstoffe und bezeichnete den Vorstoß der Biokraftstofflobby zur Steigerung der Produktion als "unmoralisch" in einer Zeit akuter globaler Nahrungsmittelknappheit.

"Jedes Jahr verbrennen wir Millionen von Tonnen Weizen und andere lebenswichtige Getreidearten, um unsere Autos anzutreiben. Das ist angesichts der weltweiten Nahrungsmittelkrise nicht hinnehmbar. Die Regierungen müssen dringend die Verbrennung von Nahrungsmitteln in Autos stoppen, um den Druck auf die kritische Versorgung zu verringern", fordert Maik Marahrens, Manager für Biokraftstoffe bei T&E.

Würde man Weizen aus den europäischen Biokraftstoffen herausnehmen, könnte man der Studie zufolge mehr als 20 Prozent der zusammengebrochenen ukrainischen Weizenlieferungen auf dem Weltmarkt ausgleichen. Für Länder wie Ägypten, das mehr als 60 Prozent seines Weizens hauptsächlich aus Russland und der Ukraine importiert, wäre diese zusätzliche Versorgung des Marktes lebensrettend, so die NGO.

Eine Gruppe führender europäischer Nichtregierungsorganisationen unter Beteiligung von T&E appellierte an die Regierungen der EU, die Verwendung von Nahrungsmitteln für Treibstoff sofort zu stoppen. Die Gewährleistung einer stabilen Energieversorgung für die Menschen und die Wirtschaft dürfe nicht auf Kosten der Ernährungssicherheit gehen oder dazu führen, dass die Inflation der Lebensmittelpreise außer Kontrolle gerät, argumentiert die Gruppe.

Verdoppelung der Anbauflächen ersetzt nur 7 % der Ölimporte

Vor allem die europäische Biokraftstofflobby (ePure und European Biodiesel Board) fordere zunehmend, russisches Öl durch Biokraftstoffe aus Weizen, Mais, Gerste, Sonnenblumen, Raps und anderen Pflanzenölen zu ersetzen, skizzieren die Verantwortlichen weiter. Dies, obwohl die Lebensmittelpreise nach Putins Einmarsch in der Ukraine, der die "Kornkammer Europas" dezimiert habe, drastisch gestiegen seien. Die Ukraine und Russland liefern zusammen etwa ein Viertel des weltweit gehandelten Weizens und der Gerste, 15 Prozent des Mais und über 60 Prozent des Sonnenblumenöls.

Selbst wenn Europa seine Anbauflächen für Biokraftstoffe verdoppeln würde - was mindestens zehn Prozent der Anbauflächen in der EU entspräche -, würde dies nur sieben Prozent der Ölimporte der EU aus Russland ersetzen. Um alle russischen Öleinfuhren durch heimische Biokraftstoffe zu ersetzen, wären mindestens zwei Drittel der landwirtschaftlichen Anbauflächen der EU erforderlich.

"Die Biokraftstoffindustrie verstärkt ihre Lobbyarbeit, um mehr Getreide wie Weizen und Mais als Ersatz für russisches Öl zu fördern. Damit nutzt sie auf zynische Weise die Sorgen der Menschen über die Kraftstoffpreise aus und stellt den Profit über die Ernährungssicherheit. Das ist unmoralisch, während sich Millionen von Menschen auf der ganzen Welt nicht einmal einen Laib Brot leisten können", kritisiert Maik Marahrens.

ADAC empfiehlt E10 als günstiger - und umweltfreundlich

Im Gegensatz dazu hat der Automobilclub ADAC erst jüngst eine uneingeschränkte Empfehlung zum Tanken von E10-Kraftstoff mit zehnprozentigem Ethanol-Anteil erneuert. Dies sei auch in Anbetracht der hohen Spritpreise geboten, denn E10 sei immer fünf bis sechs Cent pro Liter günstiger gewesen als der Standard-Otto-Kraftstoff E5. Auch umwelttechnisch sei E10 ein Fortschritt, schließlich ließen sich mit umweltverträglich angebauten Pflanzen im Sprit bis zu drei Millionen Tonnen CO2 jährlich einsparen, die Beimischung sei klimaneutral, so der Club. Zudem reduziere sich der Feinstaub- und Stickoxidausstoß gegenüber herkömmlichem Ottosprit.

Keine Flächenkonkurrenz? Vorgaben nur für besondere Flächen

Etwaiger Flächenkonkurrenz würde die Erneuerbare-Energie-Richtlinie der EU oder die nationale Biokraftstoff-Nachhaltigkeitsverordnung vorbeugen, die Vorgaben zum Schutz natürlicher Lebensräume und zur nachhaltigen Landwirtschaft im In- und Ausland mache. So seien Flächen mit einem hohen Wert für die biologische Vielfalt geschützt – wie der Regenwald, Flächen mit hohem Kohlenstoffbestand oder Torfmoore. Nach Auskunft des Bundesverbandes der deutschen Bioethanolwirtschaft würden heute nur rund zwei Prozent der Ackerfläche in Deutschland für die Produktion des im Straßenverkehr genutzten Bioethanol verwendet. Zudem seien laut Angaben der UN-Ernährungsorganisation FAO weltweit noch große Flächen verfügbar, die ohne Nutzungskonkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion für Biokraftstoffe verwendet werden können.

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