Ukraine-Krieg könnte Elektromobilität beschleunigen

Der Engpass bei den Kabelbäumen könnte den Umstieg auf Elektromobilität beschleunigen.

Skoda Auto holt einen Teil der Kabelbaumfertigung zurück ins Stammwerk. | Foto: Skoda Auto
Skoda Auto holt einen Teil der Kabelbaumfertigung zurück ins Stammwerk. | Foto: Skoda Auto
Gregor Soller

Skoda Auto hat seine Kabelbaumproduktion in enger Abstimmung mit den betreffenden Zulieferern teilweise aus der Ukraine nach Tschechien verlegt. Außerdem sichert sich der Automobilhersteller zusätzliche Fertigungskapazitäten in Marokko und anderen Ländern. Ziel der getroffenen Maßnahmen soll sein, sich künftig gegen mögliche Versorgungsengpässe und Unterbrechungen der Lieferkette noch besser abzusichern. Die getroffenen Maßnahmen ermöglichen bei Bedarf eine Verdopplung des bisherigen Produktionsvolumens.

Elektroautos können einfachere Kabelbäume nutzen

Nachrichten wie diese hört man öfter. Außerdem führte die Nachrichtenagentur Reuters Interviews mit Branchenakteuren und –experten. Demzufolge könnte die Angebotsverknappung die Pläne der traditionellen Autohersteller forcieren, auf eine neue Generation leichterer, maschinell hergestellter Kabelbäume umzusteigen, die bevorzugt in Elektro-Fahrzeugen verbaut werden. Sam Fiorani von der Analysefirma AutoForecast Solutions wagte gar die Prognose, dass das ein weiterer Grund für die Industrie sein könnte, den Übergang zur Elektromobilität zu beschleunigen.

Bentley-Chef Adrian Hallmark gestand Reuters, dass er ursprünglich gar befürchtet hatte, bis zu 40 Prozent seiner Autoproduktion für 2022 wegen Kabelbaummangels einzubüßen. Er erklärte:

„Die Ukraine-Krise drohte unser Werk für mehrere Monate vollständig zu schließen, viel länger als wir es für COVID getan haben.“

Alternative Produzenten zu finden sei kompliziert, da handelsübliche Kabelbäume sehr komplex sind und für jedes Modell unterschiedlich, je nach Ausstattung. Die Stränge aus der Ukraine bestünden aus zehn unterschiedlichen Teilen von zehn verschiedenen Lieferanten, erklärte Hallmark. Die Lieferprobleme hätten Bentleys Fokus und Investitionen hin zur Entwicklung eines einfachen Kabelbaums für Elektroautos verstärkt. Bentley plant ohnehin, bis 2030 komplett auf E-Autos umzusteigen.

Eine neue einfachere Generation von Kabelbäumen, die von Elektroautobauern wie Tesla verwendet werden, könne in Abschnitten auf automatisierten Fertigungsstraßen hergestellt werden und wiegt weniger. Hallmark weiter:

„Auf das Tesla-Modell, das ein völlig anderes Konzept der Verkabelung darstellt, konnten wir nicht über Nacht umstellen.“

Denn das sei grundlegende Veränderung in der Art und Weise, wie man Autos konzipiere.

Nissan-Chef Makoto Uchida erklärte gegenüber Reuters, dass Störungen in der Lieferkette wie die Ukraine-Krise sein Unternehmen dazu veranlasst hätten, mit Zulieferern über eine Abkehr von billigen Kabelbäumen zu sprechen. Denn aktuell haben die meisten Automobilhersteller und -zulieferer begonnen, die Produktion in andere, kostengünstigere Länder zu verlagern. Noch immer erfordert ein Kabelbaum viel Handarbeit und war bis in die Neunziger Jahre noch Teil vieler Auto- und Lkw-Produktionen. Nicht selten als Teilzeit- und Nebenjob hauptsächlich für Damen.

Zu den neuen Standorten neben Marokko gehört laut Reuters auch Mexiko, wo etwa Mercedes-Benz Kabelbäume bestellt habe und einzelne japanische Zulieferer Kapazitäten für dieses Bauteil aufbauen würden. Auch in Ländern wie Tunesien, Polen, Serbien und Rumänien werde die Produktion erweitert.

Interessant außerdem: Viele der von Reuters befragten Insider gaben an, dass Verbrenner, denen in Europa und China Verbote drohen, nicht mehr lange genug auf dem Markt sein werden, um eine Umgestaltung für die nächste Generation von Kabelbäumen zu rechtfertigen. „Ich würde jetzt keinen Cent mehr in Verbrennungsmotoren investieren“, sagte der US-Automobilberater Sandy Munro und findet:

„Die Zukunft kommt sehr schnell.“

Was bedeutet das?

Die Elektromobilität ermöglicht auch andere Kabelbäume, weshalb deren Ausbleiben den Umstieg weg vom Verbrenner beschleunigen könnte.

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