Udacity: Code is King - warum Software-Ingenieure die neuen Mechaniker sind

Digitale Transformation als Schlüssel: Holger Kobler, Regional Vice President DACH von Udacity, erklärt, warum Autokonzerne umsteuern müssen, wollen sie im Geschäft bleiben. Dafür braucht es Software-Ingenieure statt Maschinenbauer. Fehlende Zukunftsplanung sieht er als Ursache des Mangels, Umschulung als Ausweg.

Software im Fahrzeug übernimmt eine immer wichtigere Rolle - und muss redundant und zuverlässig funktionieren. Der Wert von Fahrzeugsoftware wird sich im laufenden Jahrzehnt ​pro Fahrzeug verdreifachen: Von rund 800 Euro auf knapp 2.400 Euro​, so die Conti-Prognose auf Basis einer Berylls Strategy-Analyse. | Foto: Conti
Software im Fahrzeug übernimmt eine immer wichtigere Rolle - und muss redundant und zuverlässig funktionieren. Der Wert von Fahrzeugsoftware wird sich im laufenden Jahrzehnt ​pro Fahrzeug verdreifachen: Von rund 800 Euro auf knapp 2.400 Euro​, so die Conti-Prognose auf Basis einer Berylls Strategy-Analyse. | Foto: Conti
Johannes Reichel

Es besteht Handlungsbedarf: Eine Studie der Bitkom zeigte jüngst auf, dass sich die Automobilbranche schon seit einigen Jahren im Umbruch befindet. Und laut einer repräsentativen Umfrage wünschte sich die Mehrheit bereits 2019 autonome oder elektrische Fahrzeuge und achtet beim Autokauf eher auf digitale Dienste als auf die Marke. Im Jahr 2021 sind bereits eine Million Elektrofahrzeuge alleine auf deutschen Straßen unterwegs. Tesla hat bekanntlich seit 2019 selbstfahrende Fahrzeuge in der Beta-Entwicklung, aber es ist längst nicht das einzige Unternehmen, das in diesen Bereich investiert. Im Jahr 2016 kündigte Ford an, bis 2021 ein vollautonomes, selbstfahrendes Auto ohne Lenkrad in Serie zu produzieren.

Im selben Jahr machte Uber Schlagzeilen mit der 680 Millionen Dollar teuren Übernahme von Otto, einem Unternehmen für selbstfahrende Lkw und erst vor wenigen Monaten gab General Motors die 2,1 Milliarden Dollar teure Übernahme der Mehrheitsbeteiligung des Vision Fund von SoftBank an der autonomen Fahrzeugeinheit Cruise bekannt. Auch Audi kündigte in diesem Jahr an, gemeinsam mit dem Technologieunternehmen Huawei an autonom fahrenden Fahrzeugen zu arbeiten. Das Aufkommen der SaaS-Technologie im 21. Jahrhundert treibt die Automobilindustrie zu massiver Skalierung und Innovation an und beeinflusst so auch maßgeblich die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt der Automobilbranche.

Code als Königsdisziplin: Programmierer sind gefragt wie nie

Da sich die Automobilindustrie immer mehr auf digitale Projekte wie Elektrofahrzeuge und autonome Fahrzeuge verlagert, ist die Software zur neuen Hardware geworden. Diese digitale Transformation hat zur Folge, dass Ingenieure nicht mehr nur mit reinen Hardware-Kenntnissen auskommen können. Da Softwarekenntnisse in der Branche zunehmend wichtiger werden, müssen Maschinenbau- und Elektroingenieure jetzt auch als Softwareingenieure arbeiten. Die Industrie braucht Experten in verschiedenen digitalen Bereichen, darunter KI, maschinelles Lernen, Architektur und Entwicklung und vor allem Programmierung.
 

Fehlende Zukunftsplanung erklärt die Lücke

Wo es Software gibt, muss auch programmiert werden und in einer Branche, die zunehmend von SaaS überholt wird, ist der Code die Königsdisziplin. Die SaaSifizierung der Automobilindustrie eröffnet Software-Entwickler*innen ein neues Betätigungsfeld, das viel Raum für Innovationen bietet und an der Schwelle zu massiven Veränderungen steht. Während Unternehmen mit der Entwicklung ihrer SaaS-Angebote beginnen, wird jedoch schnell klar, dass diese Innovation mit einem großen Hindernis konfrontiert ist: der Mangel an digitalen Talenten, die den Entwicklungsprozess innovativ gestalten und durchführen können. Ein Teil dieser Lücke lässt sich durch einen Mangel an effektiver Zukunftsplanung erklären.

Bis 2030 entfallen 30 Prozent der Fahrzeugkosten auf Digitales

Laut einer Umfrage des Center for Future Mobility von McKinsey werden bis 2030 voraussichtlich 30 % der gesamten Fahrzeugkosten auf Software und Elektronik entfallen, aber nur 9 % der Befragten gaben an, dass sie bei der Einstellung von Software-Architekten, Entwicklern und Systemintegratoren Priorität haben. Auch der Branchenausblick 2030+ von der Stiftung Arbeit und Umwelt der IGBCE, stellt fest, dass muss zwar kein großer Rückgang der Arbeitsplätze insgesamt erfolgen müsse, aber eine Neuqualifikation von Beschäftigten in erheblichem Maße bis 2030 erforderlich sei.

Das Qualifikationsproblem

Dieser Wandel der Branche und die damit einhergehend neu gefragten Fähigkeiten haben jedoch zu einer alarmierenden Qualifikationslücke geführt. Die Zahl der offenen Stellen ist aktuell nirgendwo so hoch wie in dieser Industrie: Einer Hays Studie zufolge sind die Stellenanzeigen in der Branche seit 2020 um mehr als 100 Prozent gestiegen. Die Unternehmen der Automobilbranche suchen mittlerweile neben den klassischen Ingenieur-, Mechanik- und Elektronik Berufen zunehmend auch Absolventen der Informatik, aber es gibt einfach nicht genügend digitale Talente, um die Lücke zu schließen. Was kann also getan werden, um die Qualifikationslücke zu schließen und wie können Automobilunternehmen dem Wandel der Branche von einer Hardware- zu einer Softwarebranche einen Schritt voraus sein?

Fähigkeiten vorhandener Mitarbeiter umschulen

Eine der wirksamsten Methoden zur Behebung des Fachkräftemangels besteht darin, den Einstellungsprozess zu ändern, indem man sich nach innen wendet und die Fähigkeiten der bereits vorhandenen Mitarbeiter umschult. Auf diese Weise lässt sich das Einstellungsproblem umgehen und die Fähigkeiten der vorhandenen Mitarbeiter werden dem Wandel der Branche entsprechend ausgebaut – ein unschätzbarer Vorteil für eine Branche, die mit großen und schnellen Veränderungen konfrontiert ist. Investitionen in die Kompetenzentwicklung bestehender Mitarbeiter sollten als Teil der digitalen Transformation betrachtet werden: Die Anforderungen der Verbraucher ändern sich ständig und die Unternehmen der Automobilindustrie müssen sich dementsprechend anpassen und investieren, um an der Spitze zu bleiben.

Dauerhaftes Projekt

Daher sollte die Investition in die Talententwicklung der Mitarbeiter ein dauerhaftes Projekt sein. Anstatt ständig neue Mitarbeiter einzustellen, wenn sich die Branche weiterentwickelt, kann durch das Fördern der Talente der schon bestehenden Mitarbeiter deren über Jahre im Unternehmen und in der Branche erworbenes Fachwissen bewahrt werden. Im Juli diesen Jahres kündigte Mercedes-Benz an, dass das Unternehmen genau dies mit der Einführung seines digitalen Schulungsprogramms "Lebenslanges Lernen" tun wird. Das Unternehmen investiert allein in Deutschland mehr als 1,3 Milliarden Euro in das Programm, das später weltweit eingeführt werden soll. Durch die Teilnahme der derzeitigen Mitarbeiter an Programmen zur Talententwicklung in Bereichen wie Programmierung, Architektur und Entwicklung, künstliche Intelligenz, maschinelles Lernen oder Cybersicherheit können Automobilunternehmen in einer Zeit des intensiven Wandels eine nachhaltige Belegschaft aufbauen.

Fazit: Digitale Zukunft durch Talententwicklung

Die Automobilbranche durchfährt einen Wandel, der nicht nur das Endprodukt, sondern auch jegliche Prozesse innerhalb der Industrie verändert: Software wird zur neuen Hardware. Das erfordert auch neue und erweiterte Fähigkeiten der Mitarbeiter, was zu einem erheblichen Mangel an Fachkräften führt. Der Fachkräftemangel wird in absehbarer Zeit nicht verschwinden, daher ist der digitale Talentwandel der Schlüssel zur Langlebigkeit von Automobilunternehmen. Die SaaSifizierung des Automobilsektors erfordert Kreativität, nicht nur bei der Produktentwicklung, sondern auch beim Aufbau einer flexiblen Belegschaft mit zukunftsfähigen Fertigkeiten. Hier sind vor allem die HR-Abteilungen gefragt und müssen bestehende Prozesse an die neuen Gegebenheiten anpassen. Die Talentumwandlung bietet den Automobilunternehmen Zugang zu einem Pool leicht verfügbarer Talente, die über bereits vorhandene Branchenkenntnisse verfügen. Und genau jene ermöglichen es ihnen, das Transportmittel der Zukunft zu bauen.

Der Autor Holger Kobler ist Regional Vice President DACH von Udacity. Er arbeitet täglich mit Kunden aus der Automobilindustrie und hilft Unternehmen wie BMW dabei, Arbeitskräfte für Berufe der Zukunft weiterzubilden – insbesondere in zukunftsweisenden Bereichen wie KI, Data Science, Cloud Computing und Programmierung.

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