UBS-Prognose zur Post-Corona-Zeit: Zug schlägt Flug

Die Schweizer Großbank wagt sich an eine komplexe Studie zur Mobilität nach Corona – und prognostiziert Stagnation im Flugmarkt, während das Netz an High-Speed-Zugverbindungen stark wächst.

Den Zug statt im Flug: Die Zeittoleranz von Reisenden ist deutlich größer als erwartet, wie eine Umfrage im Rahmen der UBS-Studie ergab. | Foto: Adobestock
Den Zug statt im Flug: Die Zeittoleranz von Reisenden ist deutlich größer als erwartet, wie eine Umfrage im Rahmen der UBS-Studie ergab. | Foto: Adobestock
Johannes Reichel

Im Zuge der Corona-Krise hat die Schweizer Großbank UBS eine neue Studie veröffentlicht, in der vor allem die Auswirkungen und Chancen untersucht werden und prognostiziert einen Wechsel von Flug- auf mehr Zugverkehr. "Covid 19 könnte den Wechsel vom Flugzeug auf die Schiene in China wie auch in Europa beschleunigen", formulieren die Autoren ihre einleitende These der Studie mit dem programmatischen Titel "Zug oder Flug? Das Reisenden-Dilemma nach Covid-19 und vor dem Hintergrund der Sorgen um den Klimaschutz". Die Covid-19-Krise führe den Industrieländern vor Augen, was saubere Luft bedeute und wie man sich ohne zu Reisen dennoch organisiert.

Steigendes Bewusstsein für Klimaschutz und Gesundheit

Vor allem steige aber auch das Bewusstsein für Klimaschutz und dass eine intaktere Umwelt und gesündere Bewohner besser mit Krisen und Krankheiten klarkämen. Die UBS-Analysten räumen ein, dass nach der Krise möglicherweise Investments, die für die CO2-Reduktion vorgesehen waren, nun in die Stützung der Transport- und Reiseindustrie fließen könnten. "Aber wir glauben nicht, dass die entwickelte Welt ihren Plan aufgeben wird, bis 2050 die CO2-Emissionen auf "net zero" zu senken, sprich klimaneutral zu wirtschaften. 

Im speziellen Feld der Mobilität erweise sich derzeit zudem, dass es möglich ist, vor allem im kontinentalen Rahmen auf Flüge zu verzichten. Natürlich würde dies sich vor allem positiv auf die gesteckten Klimaziele der europäischen Partner auswirken, stellt man weiter fest. Auch prognostiziert UBS eine gigantische Wachstumsrate des europäischen Hochgeschwindigkeitszug-Marktes um 350 Prozent. Weil hier aber die Zahlen aus dem Jahr 2016 zugrunde liegen, sollte man diese Prognose unter Vorbehalt betrachten. Denn um dieses Wachstum darzustellen, müsste die Europäische Union mehr als 100 Mrd. Euro in den Ausbau des High-Speed-Netzes stecken.

Höhere Zeit-Toleranz als erwartet: Schienverkehr profitiert

Eine im Rahmen der Studie veranlasste repräsentative Befragung von 1.000 Bürgern hatte übrigens ergeben, dass die Toleranz für vermeintlich längere Zugreisen viel höher ist als bisher angenommen. War man bisher davon ausgegangen, dass Passagiere nur eine generelle Reisedauer von 2 bis 3 Stunden akzeptieren würden, kam die Befragung zu dem Schluss, dass hier eine Toleranz von 5 bis 6 Stunden bei Privatreisen und vier Stunden bei Geschäftsreisen akzeptier würde. Das gräbt dem Flugzeug auf kurzen Strecken zusätzlich die Argumentationsbasis ab. Wobei in China mit dem Ausbau des High-Speed-Zug-Netzes noch primär Autofahrer umgestiegen wären. 

Doch wie sieht es laut USB mit dem europäischen Flugmarkt aus? An diesen hängen schließlich tausende von Arbeitsplätzen in Bereichen wie Flugzeugbau, Airlines, Flughäfen, Infrastruktur sowie der Öl-Sektor, die von der Entwicklung belastet werden. Hier gehen die Analysten davon aus, dass für den europäischen Raum das Wachstum der Flugbranche stagniert, was zusammen mit den sinkenden Wachstumsraten international, zu 3,4 Millionen Tonnen CO2-Einsparungen pro Jahr führen könnte.

Arbeitsplatzverlust? Analysten glauben an Umbau Richtung grüner Infrastruktur

Auch könnten sich laut UBS die Fluggesellschaften von ihren alten, ineffizienten Maschinen befreien, da diese nun nicht mehr gebraucht würden, um die künftig per Zug organisierten Kurzstrecken zu bedienen. Hier würden auch viele Hersteller von Zügen, Signalanlagen, Kontrolleinheiten oder Bremsen profitieren. Generell glauben die UBS-Analysten, dass die Anbieter in den genannten von Belastungen betroffenen Bereichen danach streben würden, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und Produkte beziehungsweise Infrastrukturen, die der Reduzierung der CO2-Emissionen dienen könnten. jr/Valentin Hein

Was bedeutet das?

Vor nicht mal drei Monaten führte man in Deutschland noch große Diskussionen, ob man weniger Fliegen soll bzw. nicht ganz auf Flugreisen verzichten kann. Das Covid-19-Virus wirkt auch an dieser Stelle bei aller Tragik in gesundheitlicher Hinsicht wie eine große Disruption. Auf einmal digitalisieren sich Unternehmen in Windeseile und versuchen Meetings- und teils sogar Messen oder Symposien in den virtuellen Raum zu verlegen, jedenfalls tut man alles, um in Kontakt zu bleiben, ohne sich direkt zu sehen. Das muss mittelfristig natürlich wieder gelegentlich sein, weil der persönliche Austausch letztlich unersetzlich ist. Nur in dieser hohen und beiläufigen Frequenz, die Gewohnheit des inflationären (Dienst)Reisens, zumal auf Tagestrips per Flugzeug, sollte man dringend überdenken und überwinden. Denn auch dafür sind Krisensituationen gut: Gewohnheiten zu überprüfen - und zu ändern.

Die Krise als gewaltiger disruptiver Impuls ist selbstverständlich eine gigantische Chance für den Klimaschutz, die man auch nutzen sollte, Arbeitsplätze in der Flugbranche hin oder her.

Man sollte bloß nicht wieder in das alte Raster der Billigfliegerei selbst auf innerdeutschen Strecken verfallen, Fliegen muss wieder „exklusiver“ werden im Sinne von „nicht bei jeder Gelegenheit“. Die wegfallenden Arbeitsplätze entstehen (oder siehe Deutsche Bahn, sie sind längst vorhanden, aber könnten nicht besetzt werden) dann eben im Bereich des Schienenverkehrs, dem die UBS-Analysten klar die Pole Position für die Zeit nach der Krise zumessen. In Summe könnte es also zum einen deutlich weniger Reisebedarf geben, weil man gelernt hat, dass vieles auch "digital" geht. Zum anderen könnte das Reiseaufkommen umweltfreundlicher vonstatten gehen. Das ist, bei allem aktuellen Schrecken und Leid in der schon lange von Experten befürchteten Pandemie, eine Vision, die Hoffnung macht.

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