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Trauriger Trend: Immer mehr getötete Radfahrer - Infrastruktur hält Wachstum nicht Stand

Radverkehr boomt, die Anteile am Modal Split steigen rasant. Leider hält die Radinfrastruktur nicht mit. Und es gibt anders als bei den Pkw-Unfällen eine traurige Trendumkehr. Es braucht mehr Schutz für Radler.

Die Verbesserung der Radinfrastruktur hält mit der steigenden Zahl der Radelnden nicht mit. Und so wächst die Zahl der getöteten Radler seit Jahren. | Foto: Bosch eBike
Die Verbesserung der Radinfrastruktur hält mit der steigenden Zahl der Radelnden nicht mit. Und so wächst die Zahl der getöteten Radler seit Jahren. | Foto: Bosch eBike
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Johannes Reichel

Die Zahl der getötete Radfahrenden im Straßenverkehr steigt und hat mit 474 Opfern im Jahr 2022 den höchsten Wert seit 15 Jahren erreicht. Damit findet in diesem Bereich eine traurige Trendumkehr statt, denn bei den Pkw-Unfallopfern sinkt die Zahl seit Jahren kontinuierlich, wie eine Analyse von Spiegel Online zum Jahresende ergibt. Bis 2013 waren die Opferzahlen auch bei den Radlerinnen und Radlern immer weiter gesunken.

Hauptgrund für die Zunahme der getöteten Radelnden ist der Boom des Rads als Verkehrsmittel der Wahl. Wie der Fahrradmonitor 2021 ausweist, stiegen schon zu dem Zeitpunkt 25 Prozent mehr Deutsche in den Sattel. Besonders in Großstädten ist das Wachstum exorbitant: In München legte der Radverkehr seit 2017 um fast 40 Prozent zu, in Hamburg gar um 50 Prozent. Dadurch kommt es auch immer öfter zu Unfällen. Die Todeszahlen könnten mit weiterem Wachstum also auch weiter steigen.

Alleinunfälle: Wenn schlechte Infrastruktur zum Sturz führt

Bei der Suche nach den Ursachen für die Unfälle wird deutlich, dass es nicht die vielzitierten Abbiegeunfälle sind, sondern es sich in 28 Prozent um sogenannte Alleinunfälle handelt. Diese gehen auf mangelhafte Radinfrastruktur zurück, wenn etwa nasses Laub, Bordsteinkanten oder Trambahnschienen zur Falle werden. "Selbst ganz ohne Autos gäbe es tödliche Radunfälle", konstatiert Unfallforscher Sigfried Brockmann vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft gegenüber dem Spiegel. Der Verband hat 900 Polizeiberichte über tödliche Radunfälle 2020 bis 2022 analysiert.

Meist sind Auto oder Lkw Unfallgegner

Bei 33,6 Prozent ist der Unfallgegner die Ursache, in der Regel ein Auto oder ein Lkw, darunter vor allem die berüchtigten Rechtsabbiegeunfälle, dann Nichtbeachtung von Vorfahrtszeichen sowie Fehler beim Linksabbiegen. Radelnde werden oft schlicht übersehen. In 38,5 Prozent der Fälle tragen die Radfahrenden selbst die Schuld, auch hier vor allem aufgrund von Nichtbeachtung von Vorfahrtsschildern oder Fehlern beim Einfädeln in fließenden Verkehr oder Verstöße gegen das Rechtsfahrgebot.

Am häufigsten passieren Radunfälle in den Städten, allerdings nicht die schwersten und mehr tödliche. Zwar liegen Berlin, Leipzig oder Freiburg in der Häufigkeit vorn, aber die Unfälle zeitigen weniger schwere Folgen als etwa in den Landkreisen Anhalt-Bitterfeld oder Vechta. Höchstwahrscheinlich spielen hier die höheren Geschwindigkeiten die entscheidende Rolle.

Alter als Risikofaktor

Wichtigster Risikofaktor für Radelnde ist das Alter, fast 60 Prozent der verunglückten Radler*innen war über 65 Jahre als. Zudem sterben mehr Männer als Frauen, was womöglich mit größerer Risikobereitschaft zu tun hat. Entgegen der landläufigen Meinung sind aber Pedelec-Fahrende nicht häufiger betroffen, sondern durchschnittlich, auch wenn die Zahl mit der absoluten Pedelec-Zahl proportional steigt. Allerdings ist die Zahl der älteren verunglückten Pedelec-Fahrer*innen auffällig, ab 75 steigt das Risiko deutlich.

Als Maßnahmen setzt die Polizei und Unfallforscher vor allem darauf, die Radelnden in die Pflicht zu nehmen, etwa Helm zu tragen, sich sichtbar zu machen und defensiv zu fahren. Der ADFC hält dagegen und pocht auf "fehlerverzeihende Radinfrastruktr", wie es sie in Ländern wie den Niederlanden oder Skandinavien längst gibt. In Holland oder Finnland ist man der "Vision Zero" dadurch schon deutlich näher gekommen als hierzulande. Seit 2007 bekennt sich Deutschland zu "Null Verkehrstoten", kommt aber nicht wirklich voran.

Rechtslage als Bremse: Flüssigkeit des (Auto)Verkehrs hat Priorität

Hinderlich ist vor allem die Rechtlage, weil Straßenverkehrsgesetz und -Straßenverkehrsordnung den Schwerpunkt auf Leichtigkeit des Straßenverkehrs und dessen Sicherheit legen. Eine Reform mit leichten Verbesserungen wurde jüngst vom Bundesrat unter Ägide der bayerischen CSU-Regierung blockiert. Deutschland benötige eine bessere Radinfrastruktur, insistiert ADFC-Sprecherin Stephanie Krone gegenüber dem Spiegel. Der Radclub fordert zudem mehr Tempo 30 innerorts und Tempo 70 auf Landstraßen. Zudem könnte Technologie helfen, wie automatische Notbrems- oder bei Lkw Abbiegeassistenten. 

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