Tour-Check Mini Cooper SE: Eile mit Weile

Top Fahrleistungen und sportives Handling: Der E-Mini übernimmt Antrieb und Akkusatz aus dem BMW i3s. Damit kommt er zwar flott in Fahrt, aber nicht allzu lange. Längere Reisen werden da zäh.

Schnell wieder flott: 50 kW Ladeleistung genügen, um in der Kaffeepause gut Energie nachzufassen. Das war aber auch häufig nötig, retour in Burgau-Ost. | Foto: J. Reichel
Schnell wieder flott: 50 kW Ladeleistung genügen, um in der Kaffeepause gut Energie nachzufassen. Das war aber auch häufig nötig, retour in Burgau-Ost. | Foto: J. Reichel
Johannes Reichel

Eile mit Weile, das haben schon die Römer als guten Ratschlag bereit gehalten. Und so trägt man es mit Fassung, dass der Mini Cooper SE uns bei einer Mittelstreckentour von München nach Waiblingen schon in Ulm-Ost zum Boxenstopp lädt. Obwohl: Er wäre schon noch etwas weiter gekommen, aber eben nicht komplett die 231 Kilometer lange Strecke von München Süd bis in die Kleinstadt im Stuttgarter Speckgürtel. Also, ein Kaffee war eh grad recht und die topmoderne DC-Schnellladeanlage in Seligweiler auch ein für einen Autobahnhalt vergleichsweise gemütliches Plätzchen. Das sieht auch der Fahrer des BMW i3 neben uns so, der sich an die häufigeren Ladestopps mit dem Gefährt wohl schon gewöhnt hat. Immerhin geht es hier wie dort standardmäßig mit 50 kW zur Sache.

Technische Zwillinge: Mini Cooper SE und BMW i3s

Und so stehen die technischen Zwillinge in trauter Ladeeintracht nebeneinander, der eine in seiner avantgardistischen Hülle, der andere im konventionellen Blechkleid mit ein paar "elektrischen Akzenten" wie den lässigen, halbgeschlossenen Felgen der "Trim XL"-Version mit Panorama-Glasdach (ab 39.478 Euro brutto) oder den limettengrünen Einsprengseln an der Karosserie (offiziell "Energetic yellow") oder dem geschlossenen Grill. Beiden Fahrzeugen zu eigen ist ein relativ kleiner Akkusatz, beim Mini 32,6 kWh brutto und nur 28,9 kWh netto, der sich in den Unterboden des Kleinwagens schmiegt. Mehr Platz ist da aber offenbar nicht, der Name ist hier Programm, wie auch im ziemlich eng geratenen Innenraum. Vorne wie hinten, da hat der i3-Fahrer mehr Luft über dem Scheitel und Platz im Heck als im speziell auf den Rücksitzen und im Kofferabteil knallengen Brit-Bayern. Der ist eigentlich mehr ein 2+2-Sitzer. Das aber nur am Rande.

Breite Spanne an Verbräuchen

Denn die Reichweitenfrage ist für uns in diesem Falle noch zentraler: Denn ein Auto, das ab 32.000 Euro kostet, sollte mehr sein, als nur ein Zahnarztgattinenzweitwagen, um jetzt einmal mehr ein Klischee zu bedienen. Sondern eben auch ein Auto für alle Tage und nicht nur Pendeldistanzen. Das wurde allerdings schon dem i3 zum Verhängnis und verhinderte, neben dem polarisierenden Design, sicher eine weitere Verbreitung. Im wahrsten Sinne des Wortes. Als wir den Mini Cooper SE übernehmen und vom AC-Ladestecker ziehen, stößt einem der Bordrechner erst einmal vor den Kopf: 164 Kilometer?! Das kann's ja wohl nicht sein, ein Witz! Offiziell gibt BWM für den Mini SE 14,8 bis 16,4 kWh/100 km an. Erste Beruhigung, als wir den vorherigen Durchschnittsverbrauch sehen: 19 kWh/100 km?! Wohl viel im Sportmodus unterwegs gewesen, was?

Zackig auf Tempo, knackig in Kurven

Zugegeben, das macht durchaus Spaß und der Mini Cooper seinem Ahnen alle Ehre: Schießt wie von der Tarantel gestochen aus den Startblöcken, krallt sich trotz beim Stromer etwas höher liegender Karosserie giftig und ohne Seitenneigung in den Asphalt und kratzt mit messerscharfem Lenkgefühl lustvoll die Kurven. In 7,3 Sekunden steht die Nadel bei 100 km/h, auch auf Vmax 150 km/h schießt das 3,84 Meter kurze, aber doch knapp 1,4 Tonnen schwere Autochen wie ein Flummi. Dann ist allerdings Schluss, man will ja die Reichweite nicht noch mehr strapazieren. Das ist vernünftig. Das Antriebspackage vom i3s mit 184 PS und 270 Nm Drehmoment jedenfalls passt prächtig zu Aura und Ahnen des Mini. Da verzeiht man dann auch das Fehlen so fast schon selbstverständlicher elektronischer Helfer wie aktiver Spurassistent oder ein Abstandstempomat. Das sogenannte DCC beinhaltet nur eine Auffahrwarnung und eine City-Notbremse mit Fußgängererkennung. Immerhin: Ein Head-up-Display gibt es. Einen Mini fährt man eben gerne selbst, scheint die durchaus stringente Devise der Macher zu sein.

Dick aufgetragen: Jede Menge optischer Barock

Die haben ihre Energie lieber in alle möglichen Optik-Gimmicks gesteckt wie den irrlichternden Leuchtkranz um das Pizzateller-große Infotainmentsystem oder die mit der einst so glorreichen "Union Jack" hinterleuchtete Beifahrerkonsole. Überhaupt alles irre rund und bunt hier. Ein bisschen mehr des reduzierten "Form-follows-Function"-Gedankens des Mini-Urahns des Spirit von Alex Issigonis täte in dieser britisch-bayerischen Barock-Landschaft ebenso gut wie weniger schweißtreibende Ledersitze oder mal nicht runde, sondern griffige Türöffner. Überhaupt: Nicht nur bei einem gewissen kalifornischen Hersteller sind "Tierhäute" längst Geschichte ... Dafür klingt die optionale Soundanlage von Harman-Kardon aus zwölf großteils natürlich kugelrunden Lautsprechern exzellent und versüßt manche Ladepause. Wobei man sich kabellos nur via Bluetooth verbindet, nicht per Carplay, das (optional) nur kabelgebunden funktioniert.

In Green+ mutiert der Mini zum Öko

Doch zurück zur Startaufstellung: Schnell auf "Green +" gestuft, Klimaanlage ausgeschaltet, schon stellt sich die Reichweitenthematik etwas anders dar. Und nach den ersten eigenen Fahrten, die den Verbrauch im Stadtgezuckel, in dem der Mini in Stufe 2 sehr stramm und fast bis zum Stillstand rekuperiert, auf 12,1 kWh/100 km drücken, rechnet das System auch halbwegs brauchbare 226 Kilometer hoch. Trotzdem: Das wird knapp mit Waiblingen, über die Autobahn. Und so macht das System auch bereits vor Ulm Meldung, dass es nichts wird, die Strecke in einem Rutsch zu bewältigen. Der Ladeplaner schlägt sogleich diverse Stationen vor, die allerdings später auf dem Weg liegen. Wir gehen trotzdem aus Gewohnheit über die App, Charge Now lotst zuverlässig zum Rasthof Seligweiler.

Und da stehen wir nun - und können nicht anders, als zumindest ein gutes halbes Stündchen Pause zu machen. Gut, das genügt gerade für eine Stulle und einen Kaffee, dann ist der Akku bei Kräften und von 39 Prozent wieder auf 96 Prozent oder absolut 18,42 kWh nachgeladen, an der HPC-Säule von EnBW. Die könnte auch noch schneller als die 50 kW, die der Bordlader des Mini SE erlaubt, aber das geht schon ok. Will ja auch eine richtige Pause sein ... Und auch hier erweist sich der kleine Akku als segensreich: Von formal null auf 80 Prozent soll es in 35 Minuten gehen.

Reset an der Säule

Der Rest bis Waiblingen ist dann problemlos absolviert, wobei wir uns die ganze Zeit über mit 110 bis maximal 120 km/h ganz unsportiv betragen. Der Akku mag klein sein, aber mit der wenigen Energie geht der Mini dann maximal um und goutiert den sanften "Gas-Fuß" dann mit 12,6 kWh/100 km auf der Hinfahrt ins allerdings "tiefer gelegene" Waiblingen. Praktischerweise bietet sich gleich gegenüber vom "Daimler"-Werk, dem trefflichen Ziel der Reise, eine DC-Säule der Stadtwerke Waiblingen und Innogy an, die den SE binnen 27 Minuten wieder auf volle Kapazität bringt. Allerdings verweigerte die Säule anfangs den Dienst: Parkzeit überschritten, hieß es. Offenbar hatte sich das System aufgehängt. Gelegenheit für die Probe aufs Exempel: Anruf bei der Innogy-Hotline. Anschlusspunktnummer durchgegeben an die freundliche Dame und schon läuft aus der Ferne ein Reset, an dessen Ende nach ein paar Minuten das Ladelicht auf "grün" schaltet und der Strom fließt.

Quietschgrüne Bilanz: Mit 13,7 kWh/100 km über die Runden

Retour steigt der Verbrauch dann zwar leicht an, aufgrund etwas schärferer Gangart, um sich vor den zahlreichen "Tieffliegern" rechtzeitig in Sicherheit bringen, die nach Feierabend die A8 vom Klimawandel offenbar völlig unbehelligt frequentieren. Aber auch mit 120 km/h auf der Uhr und tendenziellem Zugewinn an Höhe reißt der Mini nicht nach Maxi aus und bleibt im "limettengrünen Bereich", diverse Baustellen wirken da auch Wunder. Ein Päuschen ist aber auch auf dem Rückweg angesagt. Wobei das System ausgerechnet die Station im Angebot hat, die in der Gegenrichtung beim Rasthof Burgauer See-Nord liegt und eine schönen Extra-Schleife zurück zur Ausfahrt Günzburg beschert. Hätte man doch mal lieber selbst über die App ... Naja, immerhin wieder ein EnBW-HPC-Lader, der flott zur Sache kommt und zudem gut zu bedienen ist und für tolle Transparenz sorgt.

Vorteil EnBW: Transparentes Laden, straightes Preismodell

Und zwar sowohl was die Ladeleistung, -zeit und -menge betrifft, als auch den Preis: Schnellladen immer 49 ct/kWh, ohne Startgebühr. 17,11 kWh sind in 26:44 Minuten gezapft, die Speicher damit von 50 auf 90 Prozent. Das ist wenigstens "straight". Mit einem immerhin 91-km/h-Schnitt und einem Verbrauch 13,7 kWh/100 km schlagen wir an der heimischen SWM-Säule an, wo der Mini im AC-Modus mit maximal 11 kW den Abend über lädt - neuerdings übrigens lobenswerterweise für moderate 37 ct/kWh und ohne Zeitgebühr. OB Dieter Reiter hatte nach zahlreichen Klagen über die üppige Bepreisung interveniert. Leider weniger "transparent": Das winzige Fensterchen gibt den Zählerstand kaum Preis. So viel war es dann aber auch nicht: Der Akku ist ja, wie der Name schon sagt, "MINI". So lernt man das "Eilen und verweilen".

Was bedeutet das?

Eigentlich hat BMW ja recht: Die Leute wollen immer mehr als sie wirklich brauchen. Und im Alltag werden kaum jemals Strecken über 80 Kilometer Länge absolviert. Allerdings könnte man dann die Frage stellen, wozu manche Menschen einen dicken SUV fahren, den sie allenfalls einmal im Jahr bei der Familienfahrt in den Urlaub mit Wohnanhänger wirklich gemäß seiner Kompetenzen auslasten. Doch das nur am Rande. Jedenfalls ist klar: Ein kleiner Akku bedeutet auch einen kleineren CO2-Rucksack, sprich eine bessere Umweltbilanz. Zumal das für einen Stromer relativ leichte Fahrzeug gut mit der wenigen Energie haushaltet. Der "energetisch gelbe" Mini dürfte, abgesehen von den Ledersitzen, also deutlich schneller in den "grünen" Bereich fahren, als die in Seligweiler parkierenden Tesla mit ihren lithiumfressenden Monsterakkus.

Und mal ganz ehrlich: 150 oder gar 200 kW Ladeleistung, so schnell kann man ja kaum einen Kaffee herunterstürzen. Jedenfalls empfanden wir die noch vor kurzem als irre rasant geltenden 50 kW, die der Mini auch realisiert, zügig genug. Nichts desto trotz: Mit 300 km gesicherter Reichweite, da könnte man auch als "Erstwagen" etwas anfangen, mit diesem grundsätzlich durchaus vergnüglichen grau-quietschgrünen Spaß-Mobil aus München. So könnte es das Klischee erfüllen - und doch bloß der Zweitwagen für betuchte Vorstädter oder urbane Hipster bleiben. Vielleicht macht der E-Mini aber auch im Carsharing Karriere. Wem das Konzept allerdings zu unvernünftig ist, der greift in dieser Klasse sowieso zum Renault Zoe. Und bekommt dann ein mit knapp 400 km Reichweite reisetaugliches, geräumiges Vollwertauto zu letzlich um ein paar Tausender günstigeren Preis: Die Topversion des Zoe Intense R135 mit gekauftem 50 kWh-Speicher und 100-kW-Motor (245 Nm) kostet um die 35.000 Euro ...

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