Togg: E-Autos sollen 2022 auch nach Deutschland kommen

Togg, was für „Türkiye’nin Otomobili Girişim Grubu“ steht, hat Deutschland als ersten Exportmarkt im Visier.

Die türkische Marke "Togg" nimmt Fahrt auf und gleichzeitig Kurs auf den Exportmarkt Deutschland. | Foto: Togg
Die türkische Marke "Togg" nimmt Fahrt auf und gleichzeitig Kurs auf den Exportmarkt Deutschland. | Foto: Togg
Gregor Soller

Die neue Automarke Marke Togg gehört zu denen, die wie der russische Aurus oder der polnische Izera vor allem aus nationalstaatlichen Interessen entstanden sind. Eigene Autohersteller unabhängig von externen Großkonzernen hat die Türkei trotz staatlicher Bemühungen und Förderungen nicht dauerhaft etablieren können. Das neue Togg-E-Auto-Projekt soll die wachsende Wirtschaftskraft des Landes demonstrieren und zählt neben dem neuen Istanbuler Flughafen zu den Wunsch-Projekten des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Hinter Togg stehen aktuell fünf große Industrieunternehmen: Die Anadolu Group, BMC (wo man bereits Lkw herstellt – einst entstanden aus der „British Motor Coperation), die Kok Group, Turkcell und die Zorlu Holding. Der CEO des 2018 gegründeten Unternehmens ist der frühere Bosch-Geschäftsführer Gürcan Karakas, COO ist Sergio Rocha, der früher für GM in Korea gearbeitet hat. Der Plan von Togg sieht aktuell wie folgt aus: In dem kommenden 13 Jahren sollen mehr als drei Milliarden Euro investiert werden, unter anderem in das Werk, wo exakt 4.323 Arbeitsplätze entstehen sollen. Die türkische Regierung will Steuernachlässe gewähren und hat bereits den Kauf von 30.000 Fahrzeugen bis 2035 zugesagt, womit eine Grundauslastung gegeben wäre. Das Werk soll innerhalb von 18 Monaten fertiggestellt werden und Kapazitäten für bis zu 175.000 Fahrzeuge jährlich bieten.

Man plant zum Start ein kompaktes E-SUV und eine Limousine, die zwei Batterie-Größen für 300 oder 500 Kilometer Reichweite anbieten soll. Die Produktion soll in einem Werk in Bursa beginnen. Die modulare Plattform soll komplett von Togg-Ingenieuren entwickelt worden sein und für verschiedene Fahrzeugklassen skaliert werden können. Geplant sind auch zwei Antriebsvarianten, wobei der Hecktriebler 147 kW leisten soll, der Allradler mit zwei Maschinen entsprechend üppige 294 kW. Ob alle Antriebe mit allen Akkupaketen kombiniert werden können, ist noch offen. Die 147-kW-Version soll in 7,6 Sekunden auf 100 km/h beschleunigen, das Allrad-Modell wegen der beiden E-Motoren viel schneller binnen 4,8 Sekunden. Werte zur Ladeleistung und Akkukapazität nennt Togg nicht, die Ladezeit auf 80 Prozent soll aber bei „weniger als 30 Minuten“ liegen. Es soll ein „State of the Art“-Batteriemanagement geben, zudem wird der Hochvolt-Speicher über eine Flüssigkeitskühlung verfügen. Auf die Batterie will der Hersteller eine Garantie von acht Jahren geben ohne Angabe von Laufleistungen. Zudem soll das erste türkische E-Auto über „Level 2+“-Autonomie verfügen, autonomes Fahren nach Level 3 soll over-the-Air nachgerüstet werden können.

Interessant: Aufgrund der großen türkischstämmigen und türkischen Community in Deutschland wurde die Bundesrepublik als erster Exportmarkt identifiziert. Hier sollen die Modelle kurz nach dem Marktstart in der Türkei ab 2022 verkauft werden, bevor man auch Frankreich und Italien beliefern möchte. TOGG-CEO Gürcan Karakas will bereit sein für den internationalen Wettbewerb, äußerte sich aber noch nicht zu geplanten Preisen.

Die Fertigung soll soweit wie möglich in der Türkei stattfinden, was auch für die Akkuproduktion gilt. Aber auch Togg holt sich hier externe Hilfe, indem man ein „globales Unternehmen mit Know-how in der Batterieproduktion“ in die Türkei holen möchte. Togg-CEO Karakas ist sehr selbstbewusst, was den Marktstart angeht. Man suche keine Lieferanten, stattdessen bewerben sich die Zulieferer und Hersteller um eine Zusammenarbeit mit Togg. Mittlerweile habe man den größten Teil des Lieferantenauswahlprozesses abgeschlossen – 78 Prozent kämen aus der Türkei, 22 Prozent aus Europa und Asien. Was insofern nicht verwundert, als auch Fiat, Ford, Toyota oder Hyundai in der Türkei fertigen, ebenso wie Daimler (Busse und Lkw) sowie MAN (Busse).

Umgekehrt könne Togg laut CEO Karakas auch eine Auftragsfertigung für andere Unternehmen einzusteuern. Man könne mehrere Produkte, einschließlich Batterien, für andere Unternehmen übernehmen und sei in der Lage, Teile und Produkte der global bekannten Marken herzustellen und zu beschaffen.

Was bedeutet das?

Togg ist ein Wunschkind des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und kann auf eine bereits existierende Basis der externen Autohersteller und Zulieferer zurückgreifen. Die Ziele sind ambitioniert und die größten Knackpunkte für den türkischen Hersteller wird neben der Qualität der Vertrieb sein. Wenn diese beiden Punkte nicht von Anfang an stimmen, wird Togg es international schwer haben, sowie einst die Automarke Anadol oder Tofas. Letztere hingen konstruktiv immer am Tropf von Fiat.

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