Test Audi Q8 60 TFSIe: Trinkfeste Größe

Trinkfest im Test: Der Audi Q8 60 TFSIe gehört zur Garde der großen und schicken Premium-SUV: Lässt sich das aber nicht nur beim Preis fürstlich vergüten

Elegant und kompetent: Der Q8 60 TFSIe steht an der Spitze der elektrifizierten Q8-Modelle. | Foto: G. Soller
Elegant und kompetent: Der Q8 60 TFSIe steht an der Spitze der elektrifizierten Q8-Modelle. | Foto: G. Soller
Gregor Soller

Der Audi Q8 60 TFSIe krönt Audis elektrifizierte Q-Palette und tritt in zahnärztlichem weiß mit passendem Neuwagengeruch zum Test an. Er stammt übrigens nicht aus Ingolstadt oder Neckarsulm, sondern aus Bratislawa. Der „große“ Bruder des Q5 Sportback, der hier nicht Q7 Sportback, sondern Q8 heißt krönt aktuell Audis Q-Reihe also als „Big brother“ from Bratislawa. Dabei kombiniert er wie der A8 den 3,0-Liter V6 mit einer E-Maschine. Ergibt 340 kW oder462 PS Systemleistung, zu der die permanent erregte Synchronmaschine (PSM) im Gehäuse der Achtgangautomatik, 100 kW (136 kW) beiträgt. Dazu kommt der bekannte Konzern-V6, der hier wie beim 55 TFSI quattro 340 PS leistet und auch hier herrlich sechszylindrig grummelnd das Premiumgefühl unterstützt. In er Regel startet er aber flüsterleise rein elektrisch. Und trotz der „schmächtigen“ 100 kW zieht er auch so schon gut voran, da die E-Maschine üppige 400 Nm Drehmoment generieren kann, das zusammen mit dem Benziner auf bis zu 700 Newtonmeter Systemdrehmoment wachsen kann. Genug für alle Lebenslagen also.

Der Q8 geht weder mit Strom noch mit Sprit sparsam um

In der Stadt (und bis 100 km/h) bleibt der Q8 dann auch brav im elektrischen Flüstermodus, zieht den 17,9-kWh-Akku allerdings dramatisch schnell leer: Nur mit ganz sanftem Gasfuß können wir ihn zart unter die 40-kWh-Marke(!) drücken, womit der Riese den ebenfalls nicht sparsamen E-Tron S Sportback 55 quattro nochmal toppt, der seinerseits schon alle Verbrauchsrekorde brach – leider im negativen Sinn. Am Ende zieht sich „Big Brather“ in der Stadt 36,1 kWh – klar – auf unserer Runde wollen mit Ballast gut 2,7 Tonnen nach 30 Pflichtstopps immer wieder beschleunigt sein. Leer ermittelten wir übrigens 2.589 Kilogramm, die sich aber bei Bedarf in 5,6 Sekunden auf 100 km/h schießen lassen. Dass er es mit dem Knausern generell nicht so hat, zeigt er auf Landstraße und Autobahn: Immerhin schaffen wir die kolportierten elektrischen 45 Kilometer E-Reichweite mit 41,4 Kilometern so annähernd, bevor der V6 dezent donnernd übernahm. Auf der Landstraße „schnurrte“ der reine E-Verbrauch anfangs auf 29,3 kWh/100 km zusammen (auch hier neuer Rekord über den e-tron-Werten), bevor er sich auf 5,5l plus 18,2 kWh/100 km einpendelte. Womit wir für die Autobahnetappe schon Schlimmes vermuteten und tatsächlich ließ sich „BigBrather“ hier nicht zu einstelligen Verbräuchen überreden und zog sich 10,6 l/100 km aus dem Gott sei Dank 75 Liter fassenden Tank, dazu boostete die E-Maschine 1,2 kWh dazu – immerhin kann sie mit bis zu 85 kW rekuperieren. Am Ende benötigte der Audi 7,5l plus 9,75 kWh/100 km und lag damit deutlich über den von uns getesteten BMW X5 45e und Mercedes-Benz GLE 350de, die 5,9l+15,4 kWh respektive 4,3lplus 15,5 kWh/100 km benötigten.

Und obwohl der Q8 mit dezent coupéhaften 4,99 Metern doch deutlich kompakter auftritt als der Q7, lässt er sich einfach nicht sparsam bewegen. Leider auch nicht im Vergleich zum BMW X5 45e und erst recht nicht im Vergleich zur nochmals luxuriöseren A8L Limousine, die wir in gleicher motorischer Kombination verkostet haben – welche sich aber immer mit Werten zwischen acht und neun Litern Super auf 100 Kilometer begnügte.

Intelligente Fahrassistenz: Der Audi scheint die Teststrecke auswendig zu kennen

Sorry Audi, aber irgendwie hätten wir hier weniger erwartet: Weniger Verbrauch und weniger Gewicht. Was umso mehr verwundert, als der Q8 sonst ein intelligenter Kerl ist: Nicht nur mit aktiviertem Navi kann er die Straße regelrecht „lesen“ und passt die Geschwindigkeit bei Bedarf proaktiv an, was auch das Fahren entspannt: Man hat immer mehr als genug Kraft, muss sie aber nicht nutzen. Dazu kommen sieben Fahrprogramme, von denen wir im Test ohnehin immer das sparsamste auswählen und die den Q8 bei Bedarf eben auch schnell aus dem Block schießen können. Trotzdem steht ihm die Kurvenhatz nicht so: Dazu ist er zu schwer und meldet selbst im schärfsten Modus eine Idee zu dezent zurück. Zumal die serienmäßige Luftfederung (fast) alle Unbilden der Straße souverän wegploppt – selbst fiese Fugen und tiefe Löcher. Allradlenkung oder Wankstabilisierung gibt es aber nicht – wobei Letztere bei dieser Gewichtsklasse ohnehin meist für übertriebene Steifbeinigkeit sorgt und zusammen mit Riesenrädern im Lkw-Format samt „Niederquerschnitt-Felgenschonern“ eher nicht für gesteigerten Komfort sorgt.

Das Black-Panel Armaturenbrett: Nett nur ohne Fett(finger)

Dank quattro geht einem nie die Traktion aus und das moderne Black-Panel-Armaturenbrett mit der anfangs etwas gewöhnungsbedürftigen Touch-Drückerei sorgt für Audi-eigene Coolness, wenngleich das hochglänzende schwarz durch Fingertapser sehr uncool verfettfingert wird. Weniger anfällig ist das helle Rautensteppleder der feinen und vielfach verstellbaren Sitze und über den Innenraumgeruch eines Audi ist ohnehin jeder Zweifel erhaben: Er duftet clean und edel wie eine Zahnarztpraxis, in die man sich nur zur Zahnreinigung und zum plauschen setzt.

Dem Kofferraum fehlen auch hier wegen Akkupack im Untergeschoss 100 Liter: Er bietet 505 statt 605 Liter – immer noch genug für das Reisegepäck einer ganzen Familie. Auch die Zuladung geht mit 466 Kilogramm in Ordnung (da sind Fahrer und voller Tank schon abgezogen). Die Kosten dann nicht mehr so: Zu den hohen Leasingraten kommen hohe Spritkosten, während die Versicherung ungefähr auf dem Niveau des E-Tron liegt. Am Ende muss man feststellen, dass der Q8 zwar elegant auftritt, sich das aber etwas kosten lässt, womit wir wieder bei der Zahnarztpraxis wären – die sich als teure Praxis mit trinkfestem Praktzierenden erweist. Die Preise starten (bei 80.000 Euro netto (95.200 Euro brutto, Stand: 1.7.2021).

Was bedeutet das?

Der Q8 60 TFSIe punktet mit typischen Audi-Qualitäten wie Wertigkeit, Kraft und Image. Trotzdem sieht Vorsprung durch Technik mittlerweile ganz anders aus, denn für das Gebotene ist er einfach zu schwer und zu durstig.

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