Meinungsbeitrag

Tesla: Großes Wachstum, großes Kasino

Ein Beitrag aus Steingarts Morning-Briefing ließ uns aufhorchen: Es geht um die Börsenkapitalisierung von Tesla – die Ende November doppelt so hoch lag wie die Werte von Daimler, Ford, GM, Toyota und Volkswagen zusammen – da hat sich die Realität massiv vom Börsencasino entkoppelt!

Teslas Produktion wächst massiv - aber noch massiver wächst der leider virtuelle Börsenwert und -handel mit den Papieren. | Foto: Khan Lam/Unsplash
Teslas Produktion wächst massiv - aber noch massiver wächst der leider virtuelle Börsenwert und -handel mit den Papieren. | Foto: Khan Lam/Unsplash
Gregor Soller

Tesla ist an der Börse mittlerweile über eine Billion Euro wert – rein virtuell natürlich…gefolgt von Toyota, wo man es auf knappe 250 Milliarden US-Dollar bringt. Die Unternehmen der Autoindustrie sind im November 2021 wie folgt bewertet:

Tesla: 1.137,26 US-Dollar

Toyota: 246,76 Mrd. US-Dollar

Volkswagen: 124,59 Mrd. US-Dollar

Daimler: 99,90 Mrd. US-Dollar

GM: 87,1 Mrd. US-Dollar

Ford: 78,49 Mrd. US Dollar

Heißt: Für den Wert von Tesla könnte man am Morgen des 30.11.2021 Toyota, Volkswagen, Daimler, General Motors und Ford zweimal kaufen. Schauen wir auf die Gewinne: Toyota, VW, Daimler, Ford und GM erwirtschafteten 2020 gemeinsam einen Vorsteuergewinn (EBIT) von 40 Milliarden Euro, im Schnittwären das 8,0 Milliarden Dollar pro Unternehmen. Und Tesla? Immerhin 1,9 Milliarden Dollar, wovon laut Steingart und seinem Team aber 1,6 Milliarden Dollar (das sind rund 84 Prozent) aber nicht durch die Produktion und den Verkauf mit Autos, sondern durch CO2-Zertifikatehandel erwirtschaftet wurden. Sodass die Kollegen in Berlin schlussfolgern:

„Eine vergleichbare Entkopplung zwischen Fundamentaldaten und Börsenbewertung hat es in der 135-jährigen Automobilgeschichte noch nie gegeben.“

Noch wilder sind laut Steingarts Morning Briefing die Spekulationen, wobei man sich auf den Report der Financial Times („The Tesla-financial complex”) bezieht. Denn neben dem klassischen Wertpapierhandel blüht das Spekulationsgeschäft: Hier zirkulieren Optionsscheine und andere hochspekulative Tesla-Produkte, welche im Börsenkasino der Welt zirkulieren. Und den deckt Steingarts kurz und knapp auf: So liegt der nominale Handelswert von Tesla-Optionen laut Goldman Sachs im November 2021 bei durchschnittlich 241 Milliarden Dollar pro Tag. Amazon, der zweitaktivste Markt für Einzelaktienoptionen, erzielte im gleichen Zeitraum „nur“ 138 Milliarden Dollar am Tag – weit abgeschlagen der ganze Rest des S&P 500-Index zusammen: Er kam pro Tag auf 112 Milliarden. Was Steingart drastischer so ausdrückt: „Der Wert aller gehandelten Tesla-Optionen übersteigt den Wert des Optionshandels aller S&P 500-Firmen um 115 Prozent.“ Wo man sich ein zweites Mal fragen muss, welche Real-Werte hier überhaupt noch bewertet werden?

Aktiver Optionshandel

Dass die Börse sich mittlerweile zu einem zweiten „Kasino“ entwickelt hat, die mit Realitäten nicht mehr viel am Hut hat, zeigt auch ein Blick auf den Markt für Tesla-Optionen: Auch der ist laut Gabor Steingart und Kollegen allein mehr als 60 Mal so aktiv wie der gesamte Markt für FTSE 100-Optionen und fast sieben Mal so aktiv wie der Markt für Euro Stoxx 50-Optionen! Das genügte, dass Volumen des US-Optionshandels 2021 das Volumen des tatsächlichen Aktienhandels übersteigt – was es in der Geschichte der weltweiten Kapitalmärkte auch noch nie gab. Auch hier enteilt die virtuelle Welt der Optionen mittlerweile der Realität.

Und weil die Börsianer so tricky sind, kann man mittlerweile natürlich auch „gegen Unternehmen wetten“ – auch wieder so eine wilde Idee des weltweiten Börsenkasinos. Hat aber in dem Fall nicht geklappt, wie Steingart zusammenfasst: Hedgefonds, die in den vergangenen zehn Jahren mit Leerverkäufen gegen Tesla versuchten, Geld zu machen, sitzen laut Angaben des Finanzanalysten S3 Partners auf Verlusten von insgesamt über 60 Milliarden Dollar. Und elf Milliarden kamen allein 2021 hinzu. Entsprechend fiel der Anteil der Tesla-Aktien, der für Leerverkäufe verliehen wurde, von 20 Prozent Anfang 2020 auf nur noch 3,3 Prozent Ende November 2021 – womit immerhin gewürdigt wird, dass Tesla mittlerweile eine einigermaßen solide Produktion mit veritablen Stückzahlen am Laufen hat.

Was bedeutet das?

Einerseits kann man sich freuen, dass es nach Jahrzehnten mal wieder ein neuer Autohersteller geschafft hat, sich neben den bekannten Marken zu etablieren. Zumal Tesla aktuell die sparsamsten Stromer baut, die noch dazu mit ein paar „Specials“ auch noch eigene Duftmarken setzen können – das Alles bei knackigem fahrverhalten und einfacher Konfigurierbarkeit. Was mittlerweile auch zu veritablen Stückzahlen weltweit geführt hat und der Marke im Automobilbereich einen ähnlichen Ruf eintrug, wie Apple ihn bei den Smartphones und Rechnern genießt. Andererseits erschüttern einen die Zahlen hinter dem Konstrukt, die teils eher an Kasinos als an Realwerte erinnern. Und da kann man nur hoffen, dass die Gewinnsträhne der Marke vorerst nicht abreißt – denn im Kasino gewinnt am Ende immer die Bank – und bei Tesla? Weshalb Steingart den Vergleich zur „Tulpenspekulation aus dem Jahr 1637 mit derivativen Mitteln“ zieht und zum Schluss kommt:

„Die neue Tulpe hieß Tesla.“

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