Tesla Giga-Factory Berlin: Massive Vorwürfe wegen Umweltfolgen

Ein Report des ZDF-Magazins Frontal21 bündelt die bisherige Kritik an Teslas Giga-Factory im brandenburgischen Grünheide und wirft ein grelles Licht auf die Umweltfolgen vermeintlich grüner Mobilität.

Umstrittene Baustelle: Wasser ist ein kritischer Rohstoff in Brandenburg - und er wird eher noch kritischer ob des hohen Wasserbedarfs der Tesla-Fabrik in Grünheide. | Foto: ZDF
Umstrittene Baustelle: Wasser ist ein kritischer Rohstoff in Brandenburg - und er wird eher noch kritischer ob des hohen Wasserbedarfs der Tesla-Fabrik in Grünheide. | Foto: ZDF
Johannes Reichel

Eine Reportage des ZDF-Investigativ-Magazins Frontal21 hat schwere Vorwürfe gegen den kalifornischen Autobauer Tesla im Zusammenhang mit dem Bau der sogenannten Giga-Factory im brandenburgischen Grünheide nahe Berlin erhoben. Der Beitrag bündelt die bisherigen Kritikpunkte an dem gewaltigen Neubau, der derzeit das größte industriepolitische Projekt Europas darstellt. Gegner des Projekts warnen vor Wasserknappheit in der Region, da das Tesla-Werk so viel Wasser verbrauchen wird wie eine 40.000-Einwohner-Stadt. Durch die Tesla-Produktion im brandenburgischen Grünheide werde es zu Einschränkungen beim Trinkwasser kommen, warnt der Chef des Wasserverbandes Strausberg-Erkner, André Bähler.

„Die Trinkwasserversorgung wird geopfert auf dem Gabentisch der Wirtschaftspolitik“, erklärte Bähler gegenüber dem ZDF-Magazin.

Die geplante Fabrik des US-Elektroautobauers werde nach Recherchen der Reporter mit den nächsten Ausbaustufen rund 3,6 Millionen Kubikmeter Wasser im Jahr verbrauchen, rund 30 Prozent des gesamten Wasservolumens in der Region. Damit sei nicht genügend Wasser da, erklärte Bähler. Solche Probleme sieht Tesla-Chef Elon Musk nicht. 

"Im Grunde sind wir nicht in einer sehr trockenen Region. Bäume würden nicht wachsen, wenn es kein Wasser gäbe. Ich meine, wir sind ja hier nicht in der Wüste", erklärte er bei einem Vor-Ort-Termin.

Laut internen Unterlagen des Landesumweltministeriums gerate Brandenburg bei der Ressource Wasser allerdings schon heute zunehmend an „Kapazitätsgrenzen“, die Fabrik verschärfe das Problem. Dass Wasser ein limitierender Faktor für den Fabrikausbau sei, wisse auch Tesla, so der Landesumweltminister Axel Vogel (Bündnis90/Die Grünen).

"Stressfaktor Tesla": Umweltprüfung unter Hochdruck

Das Magazin berichtet auch über Druck auf die Mitarbeiter des Landesamtes für Umwelt (LfU) in Brandenburg wegen des Genehmigungsverfahrens durch Tesla, intern sei von „Stressfaktor Tesla“ die Rede. Kritisiert wird die Verfahrenspraxis mit engen Termine und Zeitdruck für Mitarbeitende. Das LfU hat dem kalifornischen Autobauer immer wieder vorzeitige Baugenehmigungen ausgestellt, sodass der Bau auch ohne endgültige Baugenehmigung vorangetrieben werden könne. Jüngst erhöhte der E-Auto-Pionier seine Investitionen für die Autofabrik auf 5,8 Milliarden Euro und hält am Produktionsbeginn im Juli 2021 fest. Der Konzern habe mittlerweile 1.000 Mitarbeiter eingestellt. Allerdings soll es weder Gewerkschaft noch Betriebsrat geben, wie Elon Musk bereits angekündigt hatte.

Aussagen in diesem Video müssen nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

Tausende Mitarbeiter, kein Betriebsrat?

In dem Kontext fordert der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Reiner Hoffmann die Kalifornier auf, Gewerkschaften in Grünheide und eine Tarifbindung zuzulassen. Dies sei eine Verpflichtung, so Hoffmann, da Musk vom Steuerzahler hunderte Millionen Euro Subventionen erhalte. Musk könne "nicht auf der einen Seite die Hand aufmachen und öffentliche Fördergelder gerne einstecken, aber bei den Beschäftigten alles daransetzen, sie bei schlanken Löhnen zu beschäftigen, mit miesen Arbeitsbedingungen, mahnt der Gewerkschafter.

Auch in den USA arbeite Tesla nicht mit Gewerkschaften zusammen, berichtet in dem Report Cindy Estrada, Vizepräsidentin der United Auto Workers (UAW), eine der einflussreichsten amerikanischen Auto-Gewerkschaften. Estrada rechnet mit harten Auseinandersetzungen zwischen Tesla und deutschen Arbeitnehmervertretern. Die UAW versuche seit Jahren vergeblich, eigene Betriebsräte bei Tesla zu etablieren. Die Arbeiter würden sofort bedroht, nur weil sie ein Mitspracherecht bei den Arbeitsbedingungen haben wollten, vor allem beim Thema Gesundheit und Sicherheit. Dafür wurden sie bekämpft, erklärte Estrada gegenüber Frontal21. Tesla selbst habe sich auf Nachfrage gegenüber der Reporter nicht äußern wollen, so das ZDF-Magazin.

Was bedeutet das?

Wer den Anspruch erhebt, das "offizielle Auto für eine bessere Welt" zu bauen, ja, der muss es dann eben auch besser bauen, sprich nachhaltig, umwelt- und menschenfreundlich. Sonst bekommen die zweifellos wegweisenden und derzeit technologisch klar führenden Elektro-Karossen einen ganz groben Kratzer, der an der Börse so irre hochdotierte Ruf wird schwer verbeult.

Wenn man im Jahr 2021 den Umweltimpact in der Produktion - und damit muss natürlich auch die Errichtung einer neuen Fabrik gemeint sein - dermaßen außer Acht lässt, wie das in Grünheide der Fall zu sein scheint, wird man der vorgeblichen Maxime des Handelns und dem Leitbild von der neuen Mobilität nicht gerecht. Im Gegenteil, damit setzt man das Prinzip des Raubbaus an der Ökologie unter dem Deckmantel der "Nachhaltigkeit" fort. Kapitalismus 2.0 sozusagen.

Grundsätzlich ist auch festzuhalten, dass die Welt bereits heute gewiss keinen Mangel an Autofabriken hat. Wie es gehen könnte, zeigt etwa das Münchener Start-up-Unternehmen Sono Motors: Der Sion wird in der einstigen Saab-Fabrik in Trollhättan/Schweden gebaut, mit 100 Prozent erneuerbarer Energie.

Und übrigens geht es auch um die "sozialen" Ressourcen: Wenn die Ausbeutung von Mitarbeitern der Preis ist für die doch in Anbetracht von Performance und Package und in Relation zur Premium-Konkurrenz erstaunlich niedrigen Preise der Tesla-Modelle, fährt jedenfalls das schlechte Gewissen am Steuer der fabelhaften kalifornischen Strommobile mit. Und man blickt ganz anders auf für ihre technologischen Versäumnisse viel gescholtene heimische Hersteller, bei denen aber ohne den Betriebsrat gar nichts geht und ganz andere Sozial- und Lohnstandards gelten - von denen wiederum manche Krankenschwester oder Lieferdienstmitarbeiter nur träumen kann, aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls gehören die externen Kosten an Mensch und Umwelt selbstverständlich mit eingepreist, und wenn der "Preis" dann eben um ein Drittel höher liegt. Es gibt auch kein Menschenrecht auf ein für alle erschwingliches 400-PS-Elektroauto mit Katapultstarttaste.

Bei den Umweltfolgen sind im lokalen Falle noch nicht mal die "kritischen Rohstoffe" wie Lithium oder Seltene Erden in fernen Ländern gemeint. Denn ein kritischer Rohstoff ist auch das Wasser in Brandenburg. Und er wird mit den schon heute drastisch spürbaren Folgen der Klimakrise noch kritischer. Wie meint Musk so zynisch: Das hier ist doch keine Wüste. Noch nicht, aber bald vielleicht. Wie auch immer:

Es darf nicht sein, dass Autos, die angeblich das Klima retten sollen, erstmal die Umwelt ruinieren. Der Einstieg in die E-Mobilität muss genutzt werden für eine grundsätzliche und umfassende Nachhaltigkeitstransformation, nach dem Prinzip "from Cradle to Cradle". Auch dieser "Challenge" gilt es sich für Elon Musk zu stellen, der sonst auch keine Herausforderung scheut und es sogar schafft, eine Fabrik in Brandenburg mit dem Titel "Berlin" zu adeln.

Printer Friendly, PDF & Email