Meinungsbeitrag

Tempo 30: Gebot der Stunde, der Vernunft - und des Geldbeutels!

Kostet wenig, bringt viel - dass sieben Kommunen sich in ein Tempo-30-Pilotprojekt flüchten müssen, ist der Blockade des CSU-Verkehrsministers geschuldet. Das "Tool" ist schlicht der Schlüssel: Mehr Klimaschutz trotz klammer Kassen, mehr Sicherheit, mehr Lebensqualität. Union und FDP sollten: Umparken im Kopf!

Platz da! Straßen gibt es genug in deutschen Städten. Und die sollten für Alle da sein, auch für Radler und Cargobikes, findet VM-Redakteur Reichel. | Foto: HUSS-VERLAG
Platz da! Straßen gibt es genug in deutschen Städten. Und die sollten für Alle da sein, auch für Radler und Cargobikes, findet VM-Redakteur Reichel. | Foto: HUSS-VERLAG
Johannes Reichel

Es scheint fast so, dass die Union sich in den 80er-Jahren eingegraben hat und von dort die autogerechte Stadt der 60er-Jahre wie eine Festung verteidigt, sekundiert von den willigen Adjuntanten einer ideenmäßig erschöpften FDP, die unter "Freiheit" nurmehr die "Freiheit zum Rasen, Fliegen, Grillen" versteht. Langsam steht die "alte Garde" aber einsam da, wenn sogar schon VW-Chef Diess dafür wirbt, doch die sensible Reichweite der zunehmend verbreiteten E-Autos nicht mit Tempoorgien einzudampfen. Ganz zu schweigen davon, dass sich das zweite Meta-Thema Automatisierung und autonomes Fahren auch nicht mit "Pedal to metal" und Tempo 200 verträgt.

In der Stadt jedenfalls gilt Tempo 30 seit langen Jahren als einer der "game changer" in der urbanen Verkehrspolitik, nicht nur wegen Lärm- und Abgasreduktion und weil der Verkehrsfluss nach allem, was man weiß, gar nicht mal schlechter ist. Vor allem auch aus Sicherheitsaspekten, die wiederum ein weites Feld eröffnen - gleich der Lösung eines gordisch erscheinenden Knotens.

Denn bei Tempo 30 könnten die Kommunen auch Radfahrer dort integrieren, wo sie eigentlich hingehören - auf die Straße und nicht auf den Gehweg. Die geringere, eigentlich de facto nicht mehr vorhandene Differenzgeschwindigkeit würde das erlauben. Auch die immer zahlreicheren Lastenräder wären, so wie es Bilder aus den 20er-Jahren dokumentieren, als Straßenverkehrsteilnehmer besser aufgehoben. Und Pedelecs ja sowieso, die für die engen deutschen Radwege hoffnungslos "overengineered" sind.

Freischankflächen: Corona hat deutsche Städte verändert

So enstünde Platz für den oft vernachlässigten, mit Corona aber auch wiederentdeckten Fußverkehr. Aber eben auch für mehr Aufenthaltsqualität "auf der Straße", etwa durch die in der Pandemie etablierten "Schani-Gärten" alias "Freischankflächen". Die haben kurzerhand offengelegt, wie attraktiv und lebendig, ja fast südländisch, deutsche Städte sein könnten, wenn, ja, wenn man sich nicht jahrzehntelang in Straßenkampf Fußgänger gegen Radler gegen Autos verstrickt hätte wie in einem unlösbaren Knäuel an Sachzwängen. Schon jetzt gibt es unzählige Konflikte, weil die Schankflächen natürlich den Gehweg einengen und die Fußgänger wiederum auf den Radweg usw. usf.

Eine Entlastungsoffensive tut dringend Not. Und zwar eine, die nicht viel kostet, aber viel bringt. Denn die Kommunen sind nach Corona dermaßen klamm, dass es nicht für eine teure und zudem zeitraubende zweite Wegeinfrastruktur reichen wird. Der Platz dafür ist auch gar nicht vorhanden. Die Zahl der Radler steigt rasant, den Rückenwind muss man sofort nutzen, bevor die Enttäuschung sich Bahn bricht und mancher Pedalist ins Auto zurückkehrt.

Was soll das auch: Straßen haben wir nun wirklich genug in den Städten. Und die sind numal für alle Verkehrsmittel da. Es wird Zeit, dass das unselige, in Wahrheit wenig innovative, aber kostenintensive CSU-Abo - Stichwort Pkw-Maut - auf das das Thema Verkehr beendet wird und Bleifuß-Minister Scheuer aus dem Schützengraben steigt - oder noch besser: Abgewählt wird. Und einer wirklich ideologiefreien Politik Platz macht, die ein Tempolimit auf Autobahnen nicht als "gegen jeden Menschenverstand" bezeichnet. Sondern als genau das, was es erst recht unter den Vorzeichen der Klimakrise ist: Ein Gebot des gesunden Menschenverstandes.

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