Tempo 30: Bei den Deutschen unbeliebt, aber höchst wirksam

Umfrage ermittelt klare Ablehnung in der deutschen Bevölkerung für die Schlüsselmaßnahme, die mittlerweile bereits 400 Kommunen gerne flächendeckend einführen würden, wenn der Verkehrsminister sie ließe. Dabei sind die Effekte für Verkehrssicherheit, Verkehrsfluss, Lärm- und Schadstoffreduktion unstrittig.

Besserer Schutz für Radler und Fußgänger: Tempo 30 hätte einen deutlichen Effekt für mehr Verkehrssicherheit und weniger Verkehrstote. | Foto: GTÜ
Besserer Schutz für Radler und Fußgänger: Tempo 30 hätte einen deutlichen Effekt für mehr Verkehrssicherheit und weniger Verkehrstote. | Foto: GTÜ
Johannes Reichel

Nur ein Drittel der vom Umfrageinstitut Civey im Auftrag des Spiegel befragten Bürger*innen können sich für ein flächendeckendes Tempolimit von 30 km/h in den Städten erwärmen. 57 Prozent der Befragten in der repräsentativen Umfrage waren dagegen, 42 Prozent wollen das sogar "auf keinen Fall". Selbst in den Städten hielt sich das Meinungsbild mit 46 Prozent in der Waage, während in dünner besiedelten Gegenden das Nein mit 64 klar überwog. Das steht im Gegensatz zu mittlerweile 400 Kommunen, die sich der Initiative "Lebenswerte Städte durch angemessene Geschwindigkeiten" angeschlossen haben. Eine im Koalitionsvertrag vereinbare Reform des Straßenverkehrsrechts mit einer entsprechenden Regelung kommt allerdings im FDP-geführten Bundesverkehrsministerium von Volker Wissing nicht voran. Jüngst hatte Mailand ein solche Limit eingefährt, Brüssel und Paris waren bereits vorgeprescht, in Spanien gilt generell Tempo 30 innerorts auf einspurigen Bahnen. Nach einer Stude des Umweltbundesamts sowie einer Realstudie aus Brüssel nach Einführung des Limits hätte die Maßnahme zahlreiche positive Effekte für die Verkehrssicherheit und den Lärmschutz, teils aber auch für den Schadstoffausstoß und den Verkehrsfluss.

"In den Simulationen zeigen sich enorme Lärmentlastungen besonders an Hauptverkehrsstraßen. Aber auch stadtweit sinkt die Lärmbetroffenheit deutlich. Auch straßenverkehrsbedingte Luftschadstoffe, wie Stickoxide (NOx) und Feinstaub (⁠PM10⁠) können durch Tempo 30 leicht zurückgehen. Die CO2-Emissionen werden kaum beeinflusst. Aufgrund der positiven Wirkungen auf Umwelt, Gesundheit und Verkehrssicherheit empfiehlt das Umweltbundesamt, deutschlandweit Tempo 30 als innerörtliche Regelgeschwindigkeit einzuführen. An geeigneten Hauptverkehrsstraßen sollten höhere Geschwindigkeiten als Ausnahme zulässig bleiben. Die Kommunen können das Risiko für lokale Verkehrsverlagerungen in die Nebenstraßen vorab prüfen und mit punktuellen Begleitmaßnahmen entgegenwirken", resümiert das Amt.

Vor allem im Hinblick auf die "Vision Zero" von Null Verkehrstoten könnte Tempo 30 großen Einfluss haben. So wurde etwa in Helsinki, wo Tempo 30 im Jahr 2018 als Teil der „Vision Zero“-Strategie beschlossen und mit Beginn des Jahres 2019 im Stadtgebiet eingeführt wurde, in 2019 erstmals keine zu Fuß gehende oder radfahrende Person bei einem Verkehrsunfall getötet, konstatiert das UBA. Bei Unfällen von Kfz und zu Fuß Gehenden überleben laut OECD-Analyse schon von 2006 90 Prozent den Zusammenstoß bei Tempo 30. Bei Tempo 50 überleben nur noch 20 Prozent. Einer jüngeren Studie von 2011 zufolge liegt das Todesrisiko für eine 45 Jahre alte Person bei einer Kollision mit 32 km/h bei 25 Prozent, bei 53 km/h bei 75 Prozent. Wo Konflikte zwischen Kfz und ungeschützten Verkehrsteilnehmenden möglich sind, ist die höchste als sicher anzusehende Geschwindigkeit 30 km/h, zeigte eine Studie von 2020, schließt das UBA mit einer klaren Empfehlung.

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