Techno-Classica: VW bringt Strom-Samba und erinnert an T2 Elektro

Die Nutzfahrzeugtochter hat zur Oldie-Messe einen Transporter T1 mit zeitgemäßem E-Antrieb ausgestattet - und auch sonst diskret modernisiert. Für E-Oldtimer sieht man durchaus eine Klientel. Zudem erinnert man an den ersten E-Transporter T2 von 1972, zu dessen Durchbruch aber praktikable Akku-Technik gefehlt habe.

Goldstück: Statt heiserem Röcheln aus dem Heck sendet der E-Samba nur ein leises Säuseln in die Umgebung. | Foto: VWN
Goldstück: Statt heiserem Röcheln aus dem Heck sendet der E-Samba nur ein leises Säuseln in die Umgebung. | Foto: VWN
Johannes Reichel

Volkswagen Nutzfahrzeuge (VWN) hat den Transporter T1 zur Messe Techno-Classica in Essen (25. bis 29. März) mit einem modernen E-Antrieb ausgerüstet. Ziel sei es gewesen, den ikonischen Status des Original-"Bulli" mit dem Reiz des emissionsfreien Fahrens zu verbinden. Wobei der Hersteller darauf verweist, dass es bereits 1972 einen ersten Elektro-Transporter von Volkswagen gegeben habe, auf Basis des T2. Der e-Bulli Jahres 2020 nimmt nun den T1 als Basis, in Form eines klassischen „Samba-Bus“, 1966 produziert, nach Los Angeles exportiert und später wieder nach Europa geholt. Das Fahrzeug wurde neu aufgebaut und mit einem aktuellen E-Antrieb ausstaffiert.

"In Metropolen wie Paris oder London wird es zunehmend komplizierter und mitunter teurer, aufgrund von Beschränkungen einen Klassiker zu fahren. Generell wünschen sich zudem mehr Menschen denn je auch für Young- und Oldtimer einen elektrischen Antrieb", konstatiert der Hersteller.

Genau da will man dem Elektro-Remake ansetzen. Die Mischung aus historischer Basis und elektrischer Antriebstechnik soll ein Fenster in die Zukunft der Klassiker aufstoßen, argumentiert der Hersteller. Der E-Antrieb des „Samba-Bus“ entstand auf Basis der Antriebs- und Batterietechnik von Volkswagen Group Components und besteht aus Serienbauteilen der neuesten Konzern-Elektrofahrzeuge. Damit komme die derzeit höchste Entwicklungsstufe der Zero-Emission-Technik zum Einsatz, wirbt der Anbieter. Darüber hinaus habe man das Showcar mit einem modernen und sichereren Fahrwerk ausgestattet.

Neue Sitzanlage und Automatikwählheben, Tablet an Bord

Die Designer von Volkswagen Nutzfahrzuge haben im Interieur einige Details neu konzipiert, etwa die Leder-Sitzanlage oder den zwischen Fahrer- und Beifahrersitz platzierten, komplett neuen Automatik-Wählhebel. Massivholz in Schiffsdielenoptik kam für den Fußboden zum Einsatz, der mit dem großen Faltdach harmoniert. Nur fehlt das Motorgeräusch, wenn man es öffnet. Behutsam modifiziert hat man auch das Cockpit: Dem Original nachempfunden ist der neue Tacho, der nun Leuchtdioden für die Wählstufen der Automatik aufweist (P, R, N, D). Als Hingucker in der Tachomitte fungiert ein stilisiertes "Bulli"-Symbol. Für Vernetzung sorgt ein in die Dachkonsole integriertes Tablet, mit dem sich verschiedenste Funktionen des e-Bulli steuern und zahlreiche Informationen abrufen lassen.
 

Alles schon dagewesen: Elektroantrieb, Batterien von Varta

Den T2 Elektro-Transporter bringt der Hersteller übrigens ebenfalls mit auf die Retro-Schau: Mit einem fahrfähigen VW-Elektro-Transporter auf Basis des T2 präsentieren die Hannoveraner quasi den Vorgänger des künftigen ID. BUZZ. Er war zugelassen im April 1978 auf die Berliner Verkehrsbetriebe und gehört er nun zu der mobilen Sammlung von Volkswagen Nutzfahrzeuge Oldtimer. 1970 hatte der Erfinder des Käfer und Bulli in Wolfsburg einen Entwicklungsbereich gegründet, der die ersten elektrisch angetriebenen Volkswagen konzipierte. Schon damals sei es darum gegangen, alternative Energieträger zu erschließen, um sich von fossilen Rohstoffen unabhängiger zu machen und emissionsfrei durch die Städte zu gleiten. 1972 präsentierte das Unternehmen auf der Hannover-Messe einen ersten Prototyp als Pritschenwagen mit offener Ladefläche. Kurz danach startete die Kleinserienproduktion des nicht nur als Pritsche, sondern auch als Bus und Kastenwagen angebotenen VW-Elektro-Transporters, der seinem Namen mit einer beachtlichen Zuladung von 800 kg gerecht wurde, trotz der 880 kg schweren Batterie.

Schnell wieder geladen: Akku mit Wechseltechnik

Ein Teilnehmer des Flottenversuchs war die Stadt Berlin. An der Spree erwarb man in den Folgejahren sieben elektrische Bulli. Einer davon: der 1977 produzierte und am 14. April 1978 auf die Berliner Verkehrsbetriebe, Bereich Entwässerungswerke, zugelassene T2. Slogan als Aufdruck auf dem Wagen: „Wir fahren mit Strom – umweltfreundlich“. Berlin ging den Test in der Tat konsequent an. Im Bezirk Tiergarten wurde eine Batteriewechselstation eingerichtet, an der binnen fünf Minuten die leere Batterieeinheit gegen eine volle getauscht wurde. Das funktionierte, weil der unter der Ladefläche integrierte Akku einfach herausgeschoben werden konnte. Die Lade- und Wechseltechnik entwickelte Volkswagen zusammen mit den Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerken (RWE) und der damaligen Gesellschaft für Elektro-Straßenfahrzeuge (GES).

Ladeanschluss im Heck, Rekuperation an Bord

Alternativ konnte die Blei-Traktionsbatterie von Varta auch per Stecker über eine Schnittstelle im Bulli-Heck geladen werden. Zudem hatte der Transporter aus der Zukunft schon vor mehr als vier Jahrzehnten ein Rekuperationssystem an Bord, mit dem beim Bremsen kinetische Energie gespeichert wurde. Der Energiegehalt der Batterie lag bei 21,6 kWh; damit kam der VW-Elektro-Transporter auf Reichweiten von bis zu 85 km. Für Vortrieb sorgte ein fremderregter Gleichstrom-Nebenschlussmotor von Bosch (später Siemens). Der brachte es auf eine Dauerleistung von 16 kW (22 PS); als Peak waren es kurzfristig 32 kW (44 PS). Das maximale Drehmoment betrug 160 Nm.

Früh unter Strom, aber es fehlten praxistaugliche Akkus

So unter Strom gesetzt, schaffte der 2.170 kg schwere Transporter eine Höchstgeschwindigkeit von 75 km/h – ausreichend Speed, da zumeist in der Stadt unterwegs. Der Hersteller sieht den ersten Elektro-Transporter auch als Keimzelle einer Entwicklung, die über Generationen Ingenieure angetrieben habe, den Zero-Emission-Bulli für die Großserie zu entwickeln. "Doch über Jahrzehnte fehlte dazu eine wirklich praxistaugliche Batterie-Technologie", rechtfertigt man sich, die Technik nicht zur Großserie gebracht zu haben. Das sei heute anders und man biete von Seiten VW Nutzfahrzeuge etwa den e-Crafter als Zero-Emission-Transporter der Neuzeit. 2022 sollen dann der ID. BUZZ und der ID. BUZZ Cargo durchstarten.

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