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Technischer Kongress des VDA: Selbstkritisch zum Auftakt

Das Urteil zu den Fahrverboten aus Leipzig stand noch aus, als der 20. Technische Kongress in Berlin begann. Ungeachtet dessen startete man in Berlin selbstkritisch und ungewöhnlich direkt.

Quo vadis, Autoindustrie? Der VDA sieht die Elektromobilität als Königsweg in die mobile Zukunft. Kongresspartner Schaeffler zeigte auf der IAA 2017, wie er sich das vorstellt. | Foto: J. Reichel
Quo vadis, Autoindustrie? Der VDA sieht die Elektromobilität als Königsweg in die mobile Zukunft. Kongresspartner Schaeffler zeigte auf der IAA 2017, wie er sich das vorstellt. | Foto: J. Reichel
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Redaktion (allg.)

Noch immer kämpfen die Branche und der VDA mit dem Abgasskandal. Entsprechend äußerte sich der scheidende VDA-Präsident Matthias Wissmann kritisch: Es sei „keine einfache Zeit“ für die Autoindustrie, die sich tatsächlich mehr denn je selbst neu erfinden müsse. Immerhin erklärt der VDA-Präsident, dass die Elektromobilität aus seiner Sicht „ein Königsweg“ sei. Dem pflichtet Dr. Ulrich Eichhorn, Leiter Konzernbereich Forschung und Entwicklung des Volkswagen Konzerns in seinem Statement bei: „Die Elektromobilität wird entweder die oder eine Antriebstechnologie der Zukunft sein", ist er sicher. Und Wissmann findet, dass man eigentlich schon den Anspruch haben sollte, hier Leitanbieter und Leitmarkt zu sein. Und er meint, dass man heute schon deutlich besser unterwegs sei als noch 2010, wo das Postulieren solcher Ziele schon sehr schwierig gewesen wäre, wenn man ehrlich sei. Gleich darauf mahnt er weiter einen hohen Investitionsbedarf seitens der Politik und des Staates an.

Ein Ball, den Staatssekretär Rainer Bomba zurückspielt, denn man müsse die Menschen auch mitnehmen in die neue Welt. Er bringt das Beispiel seines 72-jährigen Vaters, der dem digitalisierenden Sohn dann schon mal um die Ohren haut, dass er „mit dem ganzen Zeug nichts mehr zu tun haben möchte“ – was einen als Staatssekretär und noch mehr als Sohn dann ganz schön ins Grübeln bringe, wie der Politiker schmunzelnd ausführt. Trotzdem sieht Bomba der Tatsache ins Auge, dass man den Verbrenner wohl eines Tages aufgeben müsse, zumal die Elektrifizierung seit 2010 erhebliche Fortschritte gemacht habe. Von Staatsseite habe man alle 400 Tank- und Rast-Stationen mit Schnellladesystemen ausgestattet, zuletzt mit kräftigen 150 kW Ladeleistung. Trotzdem genüge das noch nicht und auch Bomba ist klar, dass man an allen öffentlichen Plätzen Lademöglichkeiten installieren müsse.

Womit er gleich zum Thema autonomes Fahren überleitet, denn 3300 Tote seien einfach zu viele und 90 Prozent dieser Toten kämen durch menschliches Versagen zustande. Entsprechend passe man das Verkehrsrecht für autonomes Fahren an und habe laut Bomba mittlerweile in Deutschland das modernste Gesetzgebeung der Welt, die bis Level 4 reiche. Trotzdem müsse man für Stufe 5 „nochmal eine ordentliche Schippe“ drauflegen. Wobei sich für Bomba dann gleich zwei Fragen stellen: „Braucht man dann überhaupt noch ein eigenes Fahrzeug?“ Und: „Braucht man zum Führen dieses Fahrzeuges überhaupt noch einen Führerschein?“

Dass man hier trotz Technologiehoheit nicht immer ganz flexibel und offen sei, macht er an einem Beispiel der peruanischen Hauptstadt Lima fest: Dort wollte man den kompletten Omnibusfuhrpark von 5500 Einheiten auf elektrische Fahrzeuge umstellen – gern deutsche Fabrikate und deutsche Qualität – nur dass Deutschland derzeit noch keine Elektrobusse in diesen Stückzahlen liefern kann. Womit er vor zu viel ingeniösem Perfektionismus warnt: Denn die Weichen für 2020 oder 2025 würden teils jetzt gestellt oder schlicht geordert.

Bomba schloss ab mit dem Thema V2G, also Vehicle-to-grid: Auch hier laufen nur zaghafte Piloten in Berlin oder Bad Vilbel, doch die funktionierten, wie er erklärt. „Glauben Sie mir, das amortisiert sich!“, ist der Staatssekretär überzeugt, bevor er die Bühne freigibt für die Realität der Hersteller – die sich übrigens ähnlich kritisch, aber auch ähnlich offen für die neue Welt der Mobilität zeigen.

Allen voran zeigte der Kongress-Premium-Partner Schaeffler die Richtung auf. „Die Herausforderungen zur Mobilität für morgen erfordern ein Denken in Energieketten: die Betrachtung von der Energieerzeugung über die Energiedistribution bis hin zur Energienutzung. Die Bedeutung fossiler Kraftstoffe bleibt zunächst hoch. Wer sich rechtzeitig öffnet und wandelt, wird erfolgreich sein", erklärte Prof. Dr.-Ing. Peter Gutzmer, Stellvertretender Vorsitzender des Vorstands und Vorstand Technologie der Schaeffler AG in seiner Keynote. Er sieht eine fast schizophrene Situation: "Es ist eine Kombination aus Disruptions- und Wachstumspotenzial.“

Dr. Markus Heyn, Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH, erweiterte den Rahmen der Veranstaltung schließlich um den Faktor Konnektivität. „Vernetzung verändert grundlegend, wie wir uns in Zukunft fortbewegen und Verkehrsmittel nutzen. Sie ist der Schlüssel für neue digitale Mobilitätsdienstleistungen", befand er. (gs/jr)

Was bedeutet das?

Der 20. Technische Kongress des VDA startet vor dem Hintergrund des wie ein Damokles-Schwert über der Veranstaltung schwebenden Diesel-Fahrverbots ungewöhnlich kritisch, demütig und direkt – und zeigt, dass man durchaus um die Probleme und Herausforderungen weiß und diese auch nach Kräften angehen möchte, ohne sich zu schade zu sein, auch das eine oder andere Versäumnis beim Namen zu nennen.

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