Meinungsbeitrag

Technik gegen den Menschen – warum Kamera-Bildschirm-Rückspiegel sinnlos sind

Nicht alle Neuentwicklungen machen wirklich Sinn - und das gilt nicht nur für die Ladetechnik!

Juice-Gründer und CEO Christoph Erni macht sich seine Gedanken über technische Neuentwicklungen - und was diese den Kunden bringen sollen. | Foto: Juice Technology
Juice-Gründer und CEO Christoph Erni macht sich seine Gedanken über technische Neuentwicklungen - und was diese den Kunden bringen sollen. | Foto: Juice Technology
Gregor Soller

Sie kennen mein Lieblingsthema schon: Ingenieure, die Dinge entwickeln, die einfach nicht zu gebrauchen sind. Manche erfinden Lösungen, ohne dass es ein passendes Problem dafür gibt. Dabei bestünde gute Ingenieurskunst darin, einfache Lösungen auch einfach zu belassen. Ich behaupte aber heute sogar, dass es während des Studiums mindestens ein Semester lang nur darum geht, wie man möglichst realitätsfeindliche Dinge entwickelt.

Wie wäre es sonst zu erklären, dass erwachsene Leute im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte Dinge wie Rückspiegel-Kameras erfinden, deren Sicht dann auf Bildschirmen dargestellt wird? Aber der Reihe nach:

Wann waren Sie das letzte Mal in einem Hotel? Klar, in Corona-Zeiten eine schwierige Frage. Aber Sie erinnern sich bestimmt an die letzte Hotel-Dusche, deren Bedienung sich erst im dritten Anlauf erschlossen hat. Wer hat sich nicht schon die Flossen verbrüht, weil man nie weiß, welcher Hebel nun für Wasser an und welcher für heiß oder kalt ist? Und ist Ihnen nicht auch schon ein Schrei entfahren, weil sie glaubten, die Handbrause anzustellen, stattdessen aber regnete es eiskalt vom Deckenduschkopf?

Das Übel liegt immer darin, dass Ingenieure darauf trainiert zu sein scheinen, Lösungen zu suchen, die sich an maximaler Komplexität orientieren. Was technisch irgendwie machbar ist, scheint sie zu anzuziehen wie Motten das Licht. Nur die Sicht des normalen Nutzers bleibt meist auf der Strecke. Und damit die Brauchbarkeit im Alltag.

So ist es eben auch mit den Kamera-Rückspiegeln bei PKWs. Der Gewinn an Aerodynamik ist minimal, vor allem, wenn sie weiterhin an Hörnern bei der A-Säule weit herausstehen. Dafür befinden sich dann die Bildschirme viel zu weit unten in den Türwinkeln. Was zur Folge hat, dass das Fahrerauge viel weiter als früher von der Straße wegschweifen muss, um das Bild zu erkennen. Aber noch viel schlimmer wiegt das Akkomodieren: Das Auge muss nämlich von unendlich auf ganz nah scharf stellen, was ermüdet, ablenkt und vor allem Zeit braucht. Ein gesundes Auge benötigt zwischen 1,3 und 2,8 Sekunden, um von fern auf nah und wieder zurück zu fokussieren. Für den Fahrer bedeutet das schon innerorts 20 Meter Blindflug.

Jeder gute Fahrer aber hat sein Umfeld stets aus dem Augenwinkel im Blick. Weil der Strahlengang im klassischen Rückspiegel eine ähnliche Distanz aufweist wie der Blick nach vorn (eben nah bei unendlich), funktioniert das seit bald hundert Jahren prima. Außerdem kann man den toten Winkel mit einem richtigen Spiegel viel kleiner halten, weil man mit einer leichten Kopfbewegung den Sichtwinkel intuitiv variieren kann. Das alles geht bei einem Bildschirmspiegel jedoch nicht.

Lediglich bei LKW ist diese Entwicklung sinnvoll – durch die Kamera wird der tote Winkel hier sogar verringert und die Sicherheit – insbesondere anderer Verkehrsteilnehmer wie Fahrradfahrer – erhöht.

Nichts gegen Bildschirme im Auto. Sie erleichtern die Bedienung ungemein und bieten zum Beispiel eine Navigation an, die diesen Namen auch verdient. Aber als Ersatz für Spiegel an PKW ist das Resultat eine technische Komplikation, die wohl einzig zum Ziel hat, dass im Auto noch etwas mehr kaputt gehen kann.

Printer Friendly, PDF & Email