T&E-Studie: Laxe Emissionsregeln gefährden Elektrifizierung

Die Umwelt-Dachorganisation kritisiert die Schlupflöcher in den EU-Regeln zu Fahrzeugemissionen, die Anrechnungen mit Plug-in-Hybriden ermöglicht, deren realer Verbrauch weit höher liegen dürfte.

Der Fortschritt, eine Schnecke? Die Umwelt-NGO T&E sieht in durch die wenig ambitionierten EU-Emissionsregeln den für die Klimaziele nötigen raschen Hochlauf der E-Mobilität in Gefahr. | Grafik: T&E
Der Fortschritt, eine Schnecke? Die Umwelt-NGO T&E sieht in durch die wenig ambitionierten EU-Emissionsregeln den für die Klimaziele nötigen raschen Hochlauf der E-Mobilität in Gefahr. | Grafik: T&E
Johannes Reichel

Die europäische Umwelt- und Verkehrs-Dachorganisation Transport & Environment (T&E) hat die EU-Regelungen zum CO2-Ausstoß von Fahrzeugen scharf kritisiert und gewarnt, diese würden den Hochlauf der Elektromobilität gefährden. Einer neuen Studie zufolge schmälerten "Hintertürchen" die Wirkung der EU-Richtlinien zur Förderung sauberer Fahrzeuge. Pkw sind in der EU für 13 Prozent des gesamten CO2-Ausstoßes verantwortlich. Die derzeit bei Neuwagen zulässigen 95 g CO2/km (3,6 l/100 km Diesel, 4,1 l/100 km Benzin) sollen weiter sinken. Aktuell gibt es für schwerere Fahrzeuge einen CO2-Bonus von 3,3 g/km je 100 Kilo Mehrgewicht, was etwa bei BMW ein Flottenziel von 104 g CO2/km ergibt. Auf dem Papier schafften die Münchner sogar 99 g CO2/km, dank zahlreicher, durch den Doppelantrieb auch schwererer Plug-in-Hybride.

"Ohne diese Schlupflöcher müssten Fahrzeughersteller in diesem Jahr 840.000 mehr rein elektrische Autos verkaufen, um ihre Zielvorgaben zu erreichen", präzisierte die NGO.

Wenn Hersteller schwere Fahrzeuge verkaufen, müssten sie entsprechend niedrigere CO2-Flottengrenzwerte einhalten, eine Regelung, die den Absatz von emissionsstarken SUVs und Plug-in-Hybriden geradezu fördere, moniert die Organisation. Die Daten zeigten, dass speziell Daimler und BMW ihre EU-Ziele für 2021 ohne diese Regelung nicht erreichen würden, sondern zehn Prozent darüber liegen würden.
 

Nur wer ständig lädt, fährt mit PHEVs sparsam

Plug-in-Hybride stoßen, sofern sie nicht konsequent und permanent aufgeladen werden, sogar mehr CO2 aus als Fahrzeuge mit fossilen Verbrennungsmotoren, mahnte die NGO. Die Industrie hält dagegen und argumentiert, es komme bei PHEV-Modellen eben auf die Nutzer an, wie auch auf eine gut ausgebaute Ladeinfrastruktur. Der Gewichtsbonus sei gerechtfertigt, weil diese Fahrzeuge auch mehr leisten müssten und würde ja auch sukzessive abgebaut. 

Erfüllung der Ziele mit diversen Sonderregelungen

Für die Analyse hat T&E Daten zu den CO2-Emissionen von Neufahrzeugen in der ersten Jahreshälfte 2021 zusammengetragen. Die Auswertung zeigt, dass es Automobilherstellern nur unter Ausnutzung der zahlreichen Schlupflöcher gelang, die europäischen CO2-Ziele für 2021 einzuhalten, obwohl die neu zugelassenen Benziner und Dieselfahrzeuge von Daimler im Durchschnitt höhere Emissionen aufwiesen als die Modelle von vor fünf Jahren. Auch die durchschnittlichen CO2-Emissionen der Verbrenner von BMW und der Volkswagen AG seien de facto kaum gesunken, kritisiert die Organisation.

Schwache Grenzwerte verzögern Elektrifizierung

Aufgrund der europäischen CO2-Flottengrenzwerte sei der Anteil von Elektroautos am europaweiten Absatz inzwischen auf fast 20 Prozent gestiegen. Die CO2-Grenzwerte der EU für 2025 fielen allerdings so schwach aus, dass sie bereits zwei Jahre früher erreicht werden würden. Der Untersuchung der NGO zufolge drohe dadurch eine Stagnation der Verkäufe von Elektrofahrzeugen in Deutschland und Europa.

Deutschland muss seine Fahrzeugemissionen bis 2030 halbieren

Eine kürzlich von T&E in Auftrag beauftragte Studie habe gezeigt, dass Deutschland seine Fahrzeugemissionen bis 2030 halbieren müsse, wenn es seine eigenen Klimaziele erreichen will. Dafür müssten bis 2025 mehr als 60 Prozent der Neufahrzeuge elektrisch sein. Schlussfolgerung der Analysten: Ohne ambitioniertere EU-Flottengrenzwerte für Automobilhersteller ab dem Jahr 2025 – einschließlich eines Zwischenziels für 2027 – werde Deutschland seine selbstgesetzten Klimaziele und die gemachten Versprechungen keinesfalls erfüllen können.

„Die Ampel-Parteien sollten sich im Koalitionsvertrag für höhere Ziele in 2025 und 2030 aussprechen und das von der Europäischen Kommission vorgeschlagene Ziel von 100 Prozent emissionsfreien Fahrzeugen ab dem Jahr 2035 unterstützen, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit beim Thema Klimaschutz nicht aufs Spiel setzen wollen", forderte Stef Cornelis, Direktor T&E Deutschland.

Regierungen und die Abgeordneten des EU-Parlaments debattieren derzeit die Vorschläge der Europäischen Kommission für neue Pkw-Flottengrenzwerte. Die Verhandlungen sollen Anfang 2023 abgeschlossen sein. Grundsätzlich will Mercedes-Benz ab 2030 nur noch vollelektrisch angetriebene Fahrzeuge verkaufen und bekannte sich als einziger deutscher Hersteller zu den Zielen der jüngsten Deklaration zum Verbrennerausstieg auf der COP26 in Glasgow. BMW will erst ab 2030 soweit sein, aus dem Verbrenner auszusteigen und fehlte wie auch Volkswagen, die französischen, japanischen und koreanischen Hersteller unter den Unterzeichnern, ebenso wie die Autonationen Deutschland, Frankreich, Japan und Korea. Aber auch die USA und China passten.

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