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T&E-Analyse: Deutsche Lkw-Hersteller weltweit vorn bei Dekarbonisierung

Zumindest nach ihren Dekarbonisierungsplänen sind deutsche Hersteller vorn. Die NGO mahnt aber strengere EU-Flottengrenzwerte für Lkw an, um zukunftsfähig zu bleiben und mittelfristig den Anschluss an Tesla und BYD nicht zu verlieren. Volvo ist zwar E-Marktführer, aber ohne klaren Ausstiegstermin.

Die deutsch-schwedische Marke Scania verfolgt weltweit die ambitioniertesten Dekarbonisierungspläne, analysierte die Umweltorganisation T&E. | Foto: Scania
Die deutsch-schwedische Marke Scania verfolgt weltweit die ambitioniertesten Dekarbonisierungspläne, analysierte die Umweltorganisation T&E. | Foto: Scania
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Johannes Reichel

Die deutschen Lkw-Hersteller Mercedes-Benz Trucks, die VW-Töchter Scania und MAN sowie Tesla und BYD haben weltweit die ambitioniertesten Ziele für emissionsfreie Nutzfahrzeuge. Das ergibt eine Analyse der europäischen Umweltdachorganisation Transport & Environment (T&E). So wollen die drei Marken, im Falle von Scania "deutsch-schwedisch", ab 2040 nur noch Lkw mit Elektro- oder Wasserstoffantrieb verkaufen.

Die NGO bewertete die Hersteller nach Dekarbonisierungsplänen, warnt jedoch, dass trotz aktueller Bestrebungen eine EU-weite Verschärfung der Lkw-Flottengrenzwerte notwendig ist, damit die europäischen Hersteller zukunftsfähig blieben und nicht den Anschluss und Marktanteile an amerikanische und chinesische Konkurrenten verlieren.

Scania hat die ehrgeizigsten Ziele

Scania führt die Rangliste der Lkw-Hersteller hinsichtlich Klimaambition und -strategie an. Das Unternehmen hat zwar nur zugesagt, ab 2030 die Hälfte seiner Neufahrzeuge mit Elektro- oder Wasserstoffantrieb zu verkaufen, es verfolgt jedoch eine sehr erfolgsversprechende industrielle Strategie. Der zweitplatzierte Hersteller Mercedes-Benz Trucks gab an, dass 60 Prozent seiner verkauften Neufahrzeuge ab 2030 emissionsfrei sein werden. Allerdings klafft zwischen diesem Ziel und der industriellen Planung eine deutliche Lücke. Mercedes-Benz Trucks hinkt in punkto Batterien hinterher, da erst noch die Versorgung mit Batterierohstoffen sichergestellt werden muss. Auf Platz vier liegt der deutsche Hersteller MAN, der weniger Elektromodelle plant und ein schwächeres Emissionsziel für 2030 verfolgt.

Abzüge: Volvo und Renault investieren noch in Gas

Volvo Trucks, der auch vom chinesischen Anteilseigner Geely angetriebene aktuelle Marktführer beim Verkauf emissionsfreier Lkw in Europa und den USA, landet überraschenderweise nur im Mittelfeld. Obgleich der Hersteller öffentlich versprochen hat, dass 70 Prozent seiner verkauften Neufahrzeuge ab 2030 emissionsfrei sein werden, habe das Unternehmen keinen klaren Zeitpunkt angegeben, ab dem alle verkauften Neufahrzeuge 100 Prozent emissionsfrei sein sollen, begründet die NGO die Platzierung. Außerdem investiere Volvo Trucks in Gas und Biokraftstoffe, die CO2 ausstoßen würden, monieren die Analysten.

Die Schwestermarke in der Gruppe Renault Trucks liegt lediglich im Mittelfeld des Rankings. Der Hersteller verspricht zwar, dass ab 2030 die Hälfte der verkauften Neufahrzeuge emissionsfrei sind, setzt aber ebenfalls auf Gas und Biokraftstoffe, so analog die Kritik der T&E-Experten. Abgeschlagen sind dagegen aus Sicht der Organisation gemäß ihren Ausstiegsambitionen IVECO und DAF. Beide Unternehmen verfolgten keine langfristigen Ziele und planten, nur wenig in Batterieversorgungsketten und Ladeinfrastruktur zu investieren, so die Begründung.

„Alle europäischen Lkw-Hersteller geben an, umweltfreundlicher werden zu wollen. In Wirklichkeit  klafft in der Lkw-Branche eine große Lücke zwischen Herstellern, die einen Plan zur vollständigen Dekarbonisierung haben, und denen, die keinen haben. Um deutsche und europäische Wettbewerbsfähigkeit international zu erhalten, brauchen wir strengere Regulierungen wie die EU-weiten Lkw-Flottengrenzwerte. Sie garantieren, dass unser Wirtschafts- und Industriestandort zukunftsfähig bleibt", appelliert Kim Kohlmeyer, Bereichsleiterin für Straßengüterverkehr bei T&E Deutschland.

Die europäischen Lkw-Hersteller stünden in hartem Wettbewerb mit Tesla und BYD. Die außereuropäische Konkurrenz habe bereits bewiesen, dass sie in der Lage ist, die Produktion emissionsfreier Pkw in kurzer Zeit zu steigern - das gleiche könnte der Lkw-Industrie blühen, warnt die Organisation. Außerdem hätten die internationalen Hersteller starke Batterie-Lieferketten aufgebaut und sich die Versorgung mit Rohstoffen gesichert.

 

Strengere Vorgaben könnten die Industrie pushen, nicht bremsen

Kaliforniens Verkaufsverbot von Diesel-Lkw ab 2036 und der US Inflation Reduction Act könnten dazu führen, dass Hersteller Investitionen in den USA priorisieren und Produktionspläne in Europa aussetzen oder streichen, mahnt die Organisation. Die EU müsse mit der Überarbeitung ihrer Flottengrenzwerte für schwere Nutzfahrzeuge Investitionssicherheit in Europa signalisieren. Strengere Vorgaben für 2030 sind laut T&E besonders entscheidend, um für Hersteller klare Anreize zu schaffen, ihre industriellen Strategien zeitnah anzupassen.

„Die EU-Regierungen sollten alarmiert sein: Tesla und BYD sind dabei, ihre Pkw-Erfolgsstory auf dem Lkw-Markt fortzuschreiben. Kalifornien hat soeben ein klares Signal an Lkw-Hersteller gesendet. Um zu verhindern, dass Investitionen in die Produktion und in Batterien abwandern, muss die EU nachziehen und Herstellern mit klaren Flottengrenzwerten für Lkw Investitionssicherheit geben", erklärte Kim Kohlmeyer weiter.

Die NGO hatte vor kurzem die Kampagne Your Heavy Duty mit dem Ziel gestartet, strengere CO2-Reduktionsziele für europäische Lkw-Hersteller zu erreichen. Dadurch sollen Investitionen gefördert, das Angebot ausgeweitet und die Versprechen der Hersteller für emissionsfreie Lkw eingehalten werden. Die Kampagne fordert die EU-Gesetzgeber auf:

  • Ein CO2-Reduktionsziel von –65 Prozent für das Jahr 2030 festzulegen, im EInklang mit dem, was führende Hersteller bereits angekündigt haben.
  • Ein CO2-Reduktionsziel von –100 Prozent für das Jahr 2035 für Lkw festzulegen, um sicherzustellen, dass ab 2050 keine umweltschädlichen Fahrzeuge mehr auf Europas Straßen unterwegs sind. Ohne ähnlich strenge Maßnahmen wie Kaliforniens Verbot ab 2036 läuft die EU Gefahr, ins Hintertreffen zu geraten, da große Lkw-Hersteller ihre Investitionen aus Europa abziehen könnten. 
  • Biokraftstoffe und E-Fuels nicht in die Flottengrenzwerte einzubeziehen, da sie teure und ungeeignete Lösungen zur Dekarbonisierung des Lkw-Verkehrs sind. Die Lkw-Hersteller, die sich gegen jegliche Einbeziehung von Biokraftstoffen und E-Fuels in die Verordnung aussprechen, machen über 90 Prozent des EU-Marktes aus.
  • Den Geltungsbereich der Verordnung auf kleine Lkw, sogenannte Arbeitsfahrzeuge und nicht zertifizierte Fahrzeuge auszuweiten, so dass alle neuen Lkw reguliert werden. 
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