Studie Mikromobilität in München: Booster für Jobs und CO2-Einsparung

Eine Analyse führt am Beispiel Münchens vor, wie mittels Mikromobilität europaweit eine Million Jobs und 30 Millionen Tonnen CO2-Reduktion jährlich realisieren ließen. Wenn man es mit System und den richtigen Fahrzeugen angeht.

Mikro macht Platz: Mit den richtigen Fahrzeugen und Konzepten böte Mikromobilität gewaltiges Potenzial zur Reduktion von Emissionen und Platzbedarf in den Städten. Der Münchener Scooter-Spezialist Govecs präsentierte dazu jüngst mit Swiftmile eine Idee fester Ladeslots für die neuen E-Roller, ein Konzept, das Schule machen dürfte und helfen könnte, den Wildwuchs zu stoppen. | Foto: Govecs
Mikro macht Platz: Mit den richtigen Fahrzeugen und Konzepten böte Mikromobilität gewaltiges Potenzial zur Reduktion von Emissionen und Platzbedarf in den Städten. Der Münchener Scooter-Spezialist Govecs präsentierte dazu jüngst mit Swiftmile eine Idee fester Ladeslots für die neuen E-Roller, ein Konzept, das Schule machen dürfte und helfen könnte, den Wildwuchs zu stoppen. | Foto: Govecs
Johannes Reichel

Wie ine Analyse von EIT InnoEnergy, einem nach eigenen Angaben weltweit führenden Innovationstreiber und Investoren in nachhaltige Energie- und Mobilitätslösungen, zeigt, könnte Mikromobilität bis 2030 europaweit bis zu eine Million Arbeitsplätze schaffen und einen großen Beitrag zur Reduktion der CO2-Emissionen leisten. Das gilt, sofern sie einem systemischen Ansatz folgen und stärker auf Nachhaltigkeit ausgerichtet würde, wie der Anbieter einschränkt. Im Rahmen der Analyse wurden bestehende Daten zum Mikromobilitätsverhalten der Stadt München als Grundlage genommen. Diese wurde mit einer Reihe validierter Szenarien und Annahmen kombiniert und auf über 100 europäische (Groß-) Städte hochgerechnet. Auf diese Weise konnten die Potenziale eines systemischen Rollouts elektrischer und geteilter Mikromobilitäts-Fahrzeuge bis 2030 kalkuliert werden, berichten die Studienmacher.

Aktuelle Fahrzeugtypen für viele Zwecke ungeeignet

Mit Blick auf die gegenwärtige Situation identifiziert die Analyse große Hindernisse auf dem Weg zu einer breiteren Nutzung von Mikromobilität. So seien die aktuellen Fahrzeugtypen für eine Vielzahl von Anwendungsbereichen schlichtweg ungeeignet, so das Urteil. Hierzu zählten etwa der Transport von Lebensmitteln, das Abholen von Kindern, beispielsweise aus der Schule, oder das Ausliefern von Paketen. Hinzukämen die kurze Lebensdauer der Fahrzeuge gekoppelt mit hohen Betriebskosten, insbesondere in Zusammenhang mit dem Aufladen und Umparken, sowie eine mangelnde Einbindung ins bestehende städtische Transportsystem. Die Folge sei, dass aktuell weniger als 0,1 Prozent aller innerstädtischen Fahrten mit Mikromobilitätsfahrzeugen absolviert würden.

„Die Mikromobilitätsflotten der ersten Generation wurde übereilt auf den Markt gebracht. Dabei wurde viel zu wenig darüber nachgedacht, wie diese in unser übergeordnetes Transportsystem integriert werden können", urteilt Jennifer Dungs, verantwortlich für Transport und Mobilität bei EIT InnoEnergy und Autorin des Berichts.

Infolgedessen leisteten die Fahrzeuge derzeit nur einen geringen Beitrag, um den bestendenden Herausforderungen in den urbanen Räumen wie Luftverschmutzung, Staus, hohen Lärmpegeln oder dem Platzmangel zu begegnen. Es seien sogar neue Probleme entstanden, die sowohl der Wahrnehmung als auch der Wirtschaftlichkeit von Mikromobilität geschadet hätten, kritisiert Dungs.

Um diese Hürden zu überwinden, empfiehlt das Unternehmen, künftig einen systemischen und nachhaltigen Multi-Stakeholder-Ansatz zu verfolgen. Dazu gehörten die Umstellung auf qualitativ hochwertige Komponenten mit verbesserten Wartungsmöglichkeiten – insbesondere bei Motoren und Batterien –, mehr lokale Fertigung, konsequentes Recycling, ein Fokus auf die Entwicklung und Nutzung neuer, anwendungsoptimierter Fahrzeugtypen, die Etablierung von Datenanalyse-Plattformen für das Umparken und Aufladen sowie regulatorische Erleichterungen für Mikromobilität.

Ein Viertel des Energiebedarfs im Verkehr ließe sich sparen

Hierdurch, glauben die Autoren, könnten in der Wertschöpfungskette für Mikromobilität in Europa bis 2030 nicht nur knapp eine Million (990.000) direkter und indirekter Arbeitsplätze entstehen, sondern zusätzlich über 30 Millionen Tonnen CO2-Emissionen eingespart und der Stromverbrauch um bis zu 127 Terrawattstunden pro Jahr gesenkt werden. Dies entspricht rund 12,5 Prozent des CO2-Ausstoßes der deutschen Energiewirtschaft im Jahr 2019 bzw. etwa 23 Prozent des Energieverbrauchs des deutschen Verkehrssektors im Jahr 2018. Weil fast eine Milliarde Personenstunden (999 Millionen) an Verkehrsstaus mithilfe eines systemischen Mikromobilitätsansatzes vermieden werden könnte, wäre laut der Analyse eine Steigerung der jährlichen europäischen Wirtschaftsleistung um rund 111 Mrd. Euro realistisch – das wäre mehr als die Bruttoinlandsprodukte von Malta, Zypern, Lettland und Estland zusammen.

Platz da: Mikromobilität könnte die Städte entrümpeln

Außerdem könnten 48.000 Hektar innerstädtische Flächen für neue Nutzungskonzepte frei werden, was mehr als dem Vierfachen der Gesamtfläche von Paris entspricht.

„Wenn wir wollen, dass Mikromobilität bei der so dringend erforderlichen Neugestaltung unserer Städte und ihrer Transportsysteme eine herausragende Rolle spielt, ist ein Neustart nötig. Innovationen bei den Fahrzeugen selbst oder der vermehrte Einsatz von Batteriewechselstationen sind ein Teil der Lösung", meint Dungs weiter.

Ebenso wichtig sei es, Plattformen für einen strukturellen Austausch zwischen Stadtverwaltungen und Anbietern zu etablieren, damit dieser Prozess begleitet und geleitet wird. Angesichts der enormen Potenziale für die städtische Lebensqualität, die Umwelt und unsere Wirtschaft liege es in aller Interesse, diesen Wandel zu unterstützen und zu beschleunigen, appelliert die Mikromobilitätsspezialistin.

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