Studie: Klimaneutralität geht bis 2045 - wenn der Verkehr mitzieht

Think Tanks Agora und Stiftung Klimaneutralität halten CO2-neutrales Deutschland bis 2045 für möglich - und für eine industriepolitische Chance, mit Öko-Technologien und wenn der Verkehrssektor mitzieht.

Richtungsweisend: Eine Studie von Agora und der Stiftung Klimaneutralität sieht durchaus die Möglichkeit, schon bis 2045 CO2-neutral zu sein - und darin auch eine Chance für den Wirtschaftsstandort Deutschland. | Foto: Screenshot
Richtungsweisend: Eine Studie von Agora und der Stiftung Klimaneutralität sieht durchaus die Möglichkeit, schon bis 2045 CO2-neutral zu sein - und darin auch eine Chance für den Wirtschaftsstandort Deutschland. | Foto: Screenshot
Johannes Reichel

Die Think Tank Agora Energiewende, Agora Verkehrswende sowie die Stiftung Klimaneutralität haben in einer erneuten Studie die Möglichkeiten für Klimaneutralität in Deutschland untersucht und halten diese nun bereits für 2045 für möglich. Dafür müssten allerdings alle technologischen Möglichkeiten genutzt werden und vor allem auch Energie- und Verkehrssektor ihr Potenzial ausschöpfen. Vor allem ab 2030 sei ein beschleunigter Wandel möglich. Die grundsätzlichen Prämissen der 2050-Vorgänger-Studie hätten weiterhin bestand, so die Wissenschaftler der inhaltlich vom Prognos Institut, dem Öko-Institut sowie dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie erstellten Untersuchunt. Der Pfad sei realistisch, das Ziel wird innerhalb der üblichen Investitions- und Lebenszyklen sowie unter Wahrung von Wirtschaftlichkeit und gesellschaftlicher Akzeptanz erreicht.

"Die Kernbotschaft ist: Der Industriestandort bleibt erhalten", erklärte Agora-Chef Patrick Graichen gegenüber der Süddeutschen Zeitung und beugte damit etwaigen Versuchen vor, die Klimawende gegen die wirtschaftliche Erholung auszuspielen.

Im Verkehr finde bis 2030 eine Trendwende statt, so die Prämisse. Dabei bleibe die persönliche Mobilität vollständig erhalten, aber sie verändere sich, formulieren die Wissenschaftler in einer Zusammenfassung.

"Die Menschen fahren deutlich mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Rad, und sie gehen mehr zu Fuß. Im Jahr 2030 werden bereits 14 Millionen Elektro-Pkw (inklusive Plug-in-Hybride) im Bestand sein. Güter werden verstärkt auf der Schiene transportiert und es wird fast ein Drittel der Fahrleistung im Straßengüterverkehr über elektrische Lkw mit Batterien, Oberleitungen und Brennstoffzellen erbracht", skizzieren die Forscher den Pfad.

Entwaffnend: "Pfad ohne verordnete Verhaltensänderungen"

Zudem beschreibe man einen Pfad "ohne verordnete Verhaltensänderungen", wie die Autoren betonen. Man prognostiziert tatsächlich auch bereits im Gange befindliche Verhaltensänderungen der Verbraucher, etwa beim Fleischonsum. Graichen hält eine schnellere Transformation im globalen Wettbewerb sogar für einen Vorteil für die deutsche Industrie, der der Atmosphäre in toto knapp eine Milliarde Tonnen CO2 ersparen würde. Wesentliche Hebel für eine zusätzliche Beschleunigung sieht man demnach weiter in einem schnelleren Ausbau der erneuerbaren Energien, einem zügigerer Wasserstofftechnologie-Hochlauf, einer beschleunigten Elektrifizierung im Verkehr, der weiteren Verstärkung der Gebäudesanierungen sowie in größeren Marktanteile von pflanzlichen anstelle von tierischen Eiweißprodukten in der Zeit nach 2030, sprich auf dem Ernährungssektor.

"Die Antwort auf die Frage, ob wir vor 2050 Klimaneutralität erreichen können, ist ein klares ,Ja'. Deutschland hätte dadurch erst recht die Chance, in der weltweiten Dynamik hin zur Klimaneutralität zum Leitmarkt und Leitanbieter für Klimaschutztechnologien zu werden. Ob wir bereits 2045 klimaneutral sein werden, ist letztlich eine Frage unseres gemeinsamen politischen Willens und unserer Gestaltungskraft als Gesellschaft", resümieren die Wissenschaftler ihre Erkennisse, die rechtzeitig vor der heißen Phase des Bundestagswahlkampfs für Gesprächsstoff sorgen dürften. 

Klar war schon in der ersten 2050er-Studie, dass um dieses Ziel zu erreichen, die letzten Kohlekraftwerke bis 2030 vom Netz gehen müssten, nicht wie vereinbart im Kohleausstiegsgesetz bis 2038. Der Anteil der Erneuerbaren müsste dann bei 70 Prozent liegen, allem voran aus Wind und Sonne, die massiv hochgefahren werden müssten, bei der Sonnenenergie in verdoppeltem Tempo, bei der Windenergie stetiger, aber ebenfalls kontinuierlich und ohne "Zubauflauten" wie in den letzten Jahren.

Strom-Schnelle: 14 Mio E-Pkw und 6 Mio Wärmepumpen

Damit ließen sich nicht zuletzt die bis 2030 bereits 14 Millionen E-Autos betreiben, inklusive sechs Millionen Wärmepumpen. Der Straßengüterverkehr müsste zu 25 Prozent emissionfrei sein. In der Industrie müssten fossile Energieträger durch grünen Wasserstoff ersetzt werden, womit den Erneuerbaren eine Schlüsselrolle zukommt. Dieser könnte auch in Flugzeugen, Schiffen oder Schwer-Lkw zum Zuge kommen und den Güterverkehr klimafreundlicher gestalten. Auch auf Technologien wie CO2-Abscheidung und Speicherung (Carbon Capture Storage, CCS) aus der Atmosphäre und Speicherung für diejenigen Emissionen, die sich derzeit noch nicht vermeiden ließen, etwa in der Landwirtschaft.

Ein Rennen gegen die Zeit diagnostizierte der Chef der Stiftung Klimaneutralität und ehemalige Umwelt- sowie Wirtschaftsstaatssekretär Rainer Baake. Aus seiner Sicht gehe es um die "richtige Mischung aus Schnelligkeit und Realismus". Der Fokus auf Technologien zur Lösung der Klimakrise verlange nach Tempo.

"Wer im Gleitzug läuft, gewinnt keinen Vorsprung", mahnte der Ex-Spitzenbeamte.

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